Frau mit roten Haaren steht in einem Feld und beißt in einen Apfel.

Andreas Schöfbeck verschiebt Grenzen fürs Gemeinwohl

Andreas Schöfbeck war 40, als sein Herz streikte. Das hat sein Leben verändert: Seitdem isst er vegan, denkt umweltbewusst und visionär. Als Vorstand machte er aus der BKK ProVita eine einzigartige Krankenkasse, die immer mehr junge Menschen sowie Wissenschaftler begeistert, weil sie für einen nachhaltigen Lifestyle und eine neue, ganzheitliche Medizin steht.

Text Gerd Giesler

Schwarz-Weiß-Portrait von Andreas Schöfbeck.

Andreas Schöfbeck ist Krankenkassenbetriebswirt und seit 2001 Vorstand der BKK ProVita, der nachhaltigsten Krankenkasse Deutschlands und der einzigen, die gemeinwohlbilanziert ist.

Früher hatte Andreas Schöfbeck ein stressiges Managerleben wie viele andere, die Kostenoptimierung seines Unternehmens immer im Blick. Er war Vorstand einer Betriebskrankenkasse, wie es in Deutschland nicht wenige gibt. Hinter ihm lag eine typische Krankenkassen-Karriere nach einer Ausbildung als Sozialversicherungs-Fachangestelltem. Seit 41 Jahren ist er im öffentlichen Dienst. Doch seit einiger Zeit hat er nicht nur sein eigenes Leben, sondern das der BKK ProVita https://bkk-provita.de/, ihrer Mitarbeiter und ihrer 125.000 Versicherten gründlich verändert.

GESUND MIT EINEM NATÜRLICHEN LEBENSSTIL

Die sehen Andreas Schöfbeck heute nicht mehr nur als Betriebskrankenkassen-Chef. Blogger, Influencer und Aktive, die sich für Umwelt, Achtsamkeit und Naturmedizin interessieren, betrachten ihn als einen der ihren und duzen ihn selbstverständlich. Der Blog der BKK ProVita dreht sich ganz um Nachhaltigkeit und einen veganen Lebensstil: https://blog.bkk-provita.de

Innovative Wissenschaftler, die eine neue, ganzheitliche Medizin im Blick haben, wirken als Berater bei der Entwicklung der Krankenkasse mit. Andreas Schöfbeck hat den Manager-Anzug abgelegt, trägt Jeans, das Haar schulterlang und wirkt völlig entspannt. Er ist tief davon überzeugt, dass er auf dem richtigen Weg ist.

Die Betriebskrankenkasse ProVita ist heute eine für alle offene gesetzliche Krankenkasse, die die moderne Vorstellung von einem gesunden natürlichen Lebensstil spiegelt. Gesundheit, weiß auch Schöfbeck, kann dauerhaft nur in einer gesunden Umwelt gelingen. Außerdem hat er durch eine Herzkrankheit eine tiefgreifende Erfahrung gemacht und seitdem nicht nur sein persönliches Leben verändert, sondern seine Lebensaufgabe: mit „seiner“ BKK ProVita als Körperschaft des öffentlichen Rechts, so in die Gesellschaft und das Gesundheitssystem zu wirken, dass das gesamte System beginnen kann, sich zu transformieren.

KEINE KRANKENKASSE WIE JEDE ANDERE

Eine keineswegs unrealistische Vision. Andreas Schöfbeck geht einfach mit gutem Beispiel voran. Schließlich sagt bereits Artikel 151 der bayerischen Verfassung: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.“ Schöfbeck konnte mit seiner Überzeugungskraft nicht nur seine Angestellten gewinnen.

Die BKK ProVita ist heute gemeinwohlzertifiziert und gilt als die nachhaltigste Krankenkasse Deutschlands. Seitdem verzeichnet sie einen gehörigen Mitgliederzuwachs. Vor allem Jüngere, die die Fridays for Future-Bewegung genauso befürworten wie eine Ressourcen schonende, gesunde Ernährung im Sinne der „Planetary Boundaries“, finden das Konzept mehr als cool, nämlich sinnvoll bis überfällig. Warum?

DAS GANZHEITLICHE DES MENSCHEN IM BLICK

„Wir haben ein anderes Bild von Gesundheit als der Mainstream“, erzählt Andreas Schöfbeck unaufgeregt empathisch und mit bayerischer Färbung in der Stimme. „Unser Weltbild ist holistisch. Ganz im Gegensatz zum mechanistischen Weltbild nach Descartes, das letztlich den Menschen zur Maschine reduziert; der Körper in der Hand von Pharmazie und Chirurgie und Geist und Seele in der Obhut der Kirchen.

Und genau da liegt die Wurzel des Problems. Da wissen die Ärzte Geniales, aber übersehen das Ganzheitliche des Menschen. Wir als Kasse hingegen setzen auf die Einheit Körper, Seele, Geist. Dazu gehört eine gesunde Ernährung, dazu gehört ausreichend Bewegung, Achtsamkeit, und dass man Resilienz entwickelt. Das alles wollen wir bei unseren Versicherten fördern, weil Eigenkompetenz und Selbstwirksamkeit der Schlüssel für ein gesundes Leben sind und ein wesentliches Kriterium, um wieder gesund zu werden, wenn wir erkranken. Die Leute haben so viel mehr in der Hand, als sie denken und am Entstehen von Krankheit ist jeder ungewollt stärker beteiligt, als gemeinhin angenommen. Dafür wollen wir sensibilisieren und befähigen.“

Man spürt im Gespräch sofort, dass es Schöfbeck nicht um Marketingstrategien und das Erschließen neuer Marktpotentiale im Sinne von Kostenoptimierung geht. Andreas Schöfbeck steht höchstpersönlich hinter jeder dieser Erkenntnisse, hinter jedem einzelnen Wort. Sein Engagement ist ihm eine Herzensangelegenheit geworden, in vielerlei Hinsicht.

  • Lachende Frau mit blonden Locken.
    Der Blog der BKK ProVita dreht sich ganz um Nachhaltigkeit und einen veganen Lebensstil: https://blog.bkk-provita.de
  • Zwei Surfer sitzen im Meer auf ihren Brettern.

BEWUSST WERDEN – WO MAN AM SYSTEM MITWIRKT

Schöfbeck lebt als Nonkonformist in einem Holzhaus mit Solaranlage auf dem Dach, heizt ökologisch und fährt einen Hybrid, wenn er nicht auf die Bahn umsteigen kann. Das war nicht immer so, diese Metamorphose hat sich langsam entwickelt, Schritt für Schritt.

„Flugreisen habe ich früher schon unternommen, da habe ich mir wenig Gedanken darüber gemacht. Dass ich an viel mehr direkt oder indirekt beteiligt bin, als mir eigentlich lieb ist, wurde mir erst in den letzten Jahren so richtig bewusst, als ich begann, meine Ernährung auf vegan umzustellen. Ich hinterfragte mein eigenes Handeln, um nicht immer mitzuwirken an dem System, das man eigentlich in Frage stellt.

Bei allen wesentlichen Entscheidungen sind sich die Schöfbecks einig. „Meine Frau und ich gehen da im Gleichschritt, wir machen das miteinander, auch in schwierigen Zeiten. Aus dem Leben anderer Menschen will ich mich natürlich raushalten, auch bei den eigenen Kindern, das musste ich als Vater üben.“ Und ergänzt glücklich: „Da freut es mich um so mehr, wenn die Kinder irgendwann nachziehen!“

DIE GEMEINWOHLBILANZIERUNG DER BKK PROVITA

Anfangs hatte er nur ein paar gute Ideen, beruflich wie privat. Aber längst noch kein konsequentes Konzept. Dann lernte Andreas Schöfbeck Helmut Lind kennen, den Vorstandsvorsitzenden der Sparda Bank München. Der erzählte ihm von der Gemeinwohl-Ökonomie. Ihm war sofort intuitiv klar, dass dies ein gutes Instrument war, die BKK ProVita auf den Prüfstand zu stellen.

Besonders gefällt ihm, dass die Gemeinwohlbilanzierung nach Christian Felber (Gründungsmitglied von Attac Österreich, Initiator des Projekts Bank für Gemeinwohl und der Gemeinwohl-Ökonomie) einen Fragenkatalog vorgibt und mit Punkten bewertet; das ökologische Engagement und der faire Umgang mit allen Berührungsgruppen wird messbar und vergleichbar.

„Damit war der ökologische Fußabdruck plötzlich sichtbar, ja dokumentiert und gleichwohl die Tür zur Veränderung offen. Als ich das in unserem Führungskreis vorschlug, hat unser Finanzchef protestiert. Er hielt das für vergleichbar mit kommunistischem Gedankengut. Heute ist er einer meiner wichtigsten Unterstützer.“

PLÖTZLICH SAGT DAS LEBEN STOPP – NOT-OP MIT 4 BYPÄSSEN

„Ich muss immer wieder erkennen, wie vielen äußeren Einflüssen wir ausgesetzt sind. Es sollte sich aber jeder der Auswirkungen seines Handelns bewusst sein und die Entscheidungen für sein Leben selbstbestimmt und gewissenhaft treffen. Ich habe mein Leben verändert, übernehme Verantwortung für mein Tun. Auslöser dafür war meine eigene, schwere Krankheit. Mittlerweile habe ich viele Menschen kennengelernt, die sich ebenfalls auf diesen Transformationsprozess eingelassen haben. Ihnen fühle ich mich sehr verbunden. Und ich bin dankbar für die Veränderungen in meinem Leben. Sonst wäre ich weiter gerannt. Unbewusst. Abgehetzt.“

Mit 40 Jahren erlitt Andreas Schöfbeck am Herzen eine Hauptstamm-Stenose. Eine Not-OP und der Einsatz von vier Bypässen rettete sein Leben. Aber sein Herz hatte nur mehr 20 Prozent Leistungsfähigkeit und die Ärzte gaben ihm keine gute Prognose. Das war vor 14 Jahren. „Mittlerweile habe ich 35 Prozent, also hat sich mein Herz wieder etwas regeneriert und ich kann am Leben aktiv teilhaben. Aber das war für mich damals einschneidend. Es war der Wendepunkt.“

DIE ALARMSIGNALE ÜBERHÖRT

„Ich habe mein Leben umgestellt. Grundlegend. Es war kein radikaler Wechsel, sondern hat ein paar Jahre gedauert, bis mir bewusst wurde: so geht es nicht mehr weiter. Irgendwann habe ich die Tür geöffnet und ich bin mit Menschen ins Gespräch gekommen, denen Ähnliches widerfahren war und die mir helfen konnten. Mir wurde klar, dass ich nichts gänzlich Neues wollte und schon viel früher etwas ändern hätte können, wenn ich nur auf meine innere Stimme gehört hätte. Aber ich sag es mal etwas salopp: dazu hatte ich wohl nicht genug gelitten.

Mutter und Vater heben ihre kleine Tochter an den Händen in die Höhe.

BESTÄTIGUNG IN DER WISSENSCHAFT GEFUNDEN

Erst durch die Krankheit habe ich sukzessive meinen Lebensstil geändert und begonnen, mich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus der Epigenetik, der Psychoneuroimmunologie und der Bindungsforschung zu beschäftigen. Diese Disziplinen verraten uns viel darüber, wie ein gesunder Start ins Leben am besten gelingt. Vieles was in frühen Lebensphasen schief läuft, kann sich auf das spätere Leben auswirken. Deshalb haben wir in unserer Kasse auch einen wissenschaftlichen Beirat, der sich mit diesen Themen befasst.“

Hat die Krankheit ihn beflügelt, das persönlich Erlebte zum Wohl der Mitmenschen umzusetzen, trotz des engen Regelwerks der gesetzlichen Krankenkassen?
„Ich konnte tatsächlich nicht so wie ich wollte. Man findet aber dann doch Ansatzpunkte. Ausschlaggebend war beispielsweise ein Vortrag von Karl Heinz Brisch zur frühkindlichen Bindung.“

GESUNDHEIT WIRD HERZENSANGELEGENHEIT

Also „ein sicher gebundenes Kind, um es einmal positiv zu sagen, wird weniger krank, während ein unsicher gebundenes Kind auch später im Leben viel eher Probleme entwickelt. Brisch bildete Mentor:innen aus, die werdenden Eltern in wenigen Tagen beibringen, wie sie mit ihren Kindern umgehen, sodass sie eine sichere Bindung erfahren. Das möchte ich jetzt als Schulungsangebot in unsere Kasse implementieren. Damit dies eine größere Reichweite hat, habe ich das Thema an die Vertragsarbeitsgemeinschaft der bayerischen Betriebskrankenkassen herangetragen. Es gibt begründete Aussichten, dass dort das Thema aufgenommen wird und es zu einem Vertragsabschluss kommt.

Wenn das gelingt, stehen die Chancen gut, dass auch andere Kassen das Angebot übernehmen. Und dann hat das irgendwann Auswirkungen auf das ganze System. Das ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, damit eine gesündere Generation heranwächst.“

GRENZEN VERSCHIEBEN FÜR DAS GEMEINWOHL

„Wir können auch als kleine Kasse zeigen, dass es anders besser geht, mit unserem Bild vom Menschen.“ Und es gibt noch so vieles, das Andreas Schöfbeck in die Tat umsetzen will. Die Einführung des Schulfachs „Selbstwirksamkeit“ für junge Menschen ist so ein Traum. Damit Schüler von der Pike auf Achtsamkeit lernen können, Resilienz entwickeln und sich pflanzenbasiert vollwertig ernähren. „Dann sehen wir eine neue Generation heranwachsen, die die Gesellschaft positiv verändert“.

Fotos: Wolfgang Zwanzger, iStock

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