Illustration eines Chamäleons, das auf einem Ast läuft und sich verschiedenen Farbverläufen anpasst.

LIFE CHANGING MOMENTS

Es gibt Augenblicke im Leben, in denen sich ungeplant von einer Sekunde auf die nächste alles ändert. Von Beispielen, wie man auch mit den schwierigsten dieser Momente umgehen kann, erzählt Hans Christian Meiser.

Portrait in Schwarz-Weiß von Hans Christian Meiser

Dr. Hans Christian Meiser ist Philosoph und Publizist, zudem Herausgeber und Chefredakteur von PURPOSE, dem Magazin für Sinnhaftigkeit. Dieses Thema zieht sich durch sein gesamtes Werk.

Schicksal als Chance“ lautet der Titel eines durchaus umstrittenen Werkes des Psychologen Thorwald Dethlefesen, welches in hoher Auflage in den 1980er Jahren erschien und als Grundstein der spirituellen Bewegung in Deutschland gilt. Egal aber, ob man daran glaubt oder nicht: Es gibt für jeden von uns Momente, in denen sich alles in unserem Leben ändert, manches Mal braucht es dafür nur Sekunden. Das Schicksal von Michael Schumacher steht exemplarisch für diese Aussage.

Der brasilianische Schriftsteller Mario de Andrade sagt dazu in seinem Gedicht „Meine Seele hat es eilig“: „Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eines hast.“

Das mag durch ein Ereignis von außen geschehen, durch eine Erkenntnis, durch eine Einsicht; danach ist auf jeden Fall nichts mehr so, wie es zuvor war. Dieses Erkennen findet oft in Extremsituationen statt, dann, wenn es scheinbar keinen Ausweg mehr gibt, wenn alle Hoffnung auf ein gutes Ende geschwunden ist, wenn Verzweiflung am Gemüt nagt, wenn man sich oder andere schon aufgegeben hat.

Die Chance, es besser zu machen

Oft denkt man dann, das Leben sei ungerecht und gnadenlos – ich meine aber, es verhält sich eher so: Man selbst ist aufgefordert, das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen.

Das hört sich zugegebenermaßen nach Plattitüde an, ist aber für jeden, der sich schon einmal in einer solchen Lage befunden hat, viel eher eine Herausforderung zur Resilienz, zum Wiederauf(er)stehen, zum Ergreifen einer Chance, zur Erkenntnis, aus diesem Augenblich etwas nie zuvor Dagewesenes, Unvergleichliches zu schaffen.

Was hier psychologisch geschieht, möchte ich anhand einer kleinen Erzählung verdeutlichen.

Die Geschichte der Corrie ten Bom

Es geht dabei um die Frage, wie wir mehr werden, als wir sind. Es ist die Geschichte der Corrie ten Bom, die 1892 in Amsterdam geboren wurde und 1983 im kalifornischen Plancenta starb.

In Basel hatte sie den Beruf der Uhrmacherin erlernt, später war sie die erste Frau in Holland, der ein Uhrmacherdiplom überreicht wurde. Die gesamte jüdische Familie ten Boom bekannte sich zum christlichen Glauben und lebte diesen auch in seiner praktischen Anwendung, zum Beispiel dem der Nächstenliebe.

Als die Nationalsozialisten 1940 Holland besetzten, versteckte Corrie ten Boom mehrere jüdische Familien in ihrem Haus. 1944 wurden die ten Booms denunziert und verhaftet. Corrie und ihre Schwester Betsie werden in das Konzentrationslager Ravensbrück in Brandenburg deportiert. Die dortigen Grausamkeiten übersteht Betsie nicht, und Corrie muss den langsamen, qualvollen Tod ihrer über alles geliebten Schwester miterleben.

  • Akte mit der Aufschrift "Chance".
  • Offene Tür in der Wüste, im Türrahmen grüne Wiese und blauer Himmel.

Aus Leid heraus anderen helfen

Nachdem das Konzentrationslager 1945 von der Roten Armee befreit worden war, gründete Corrie ten Boom verschiedene Rehabilitationszentren für die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, welche die Versöhnung mit den Tätern zum Ziel hatten. In über sechzig Ländern gab es später diese Institutionen, in der das Thema der Vergebung oberste Priorität hatte.

Corrie ten Boom hatte also die Chance ihres Lebens ergriffen und aus ihrem Leid etwas gemacht, das vielen Menschen Gutes bringen sollte. Aber die Geschichte geht noch weiter: Als sie 1947 in einer Münchner Kirche einen Vortrag über Vergebung hielt, kam im Anschluss ein Mann auf sie zu, den sie als einen der grausamen Wächter aus dem Lager Ravensbrück identifizierte.

Er selbst schien sich nicht an sie zu erinnern. Er streckte seine Hand aus und beglückwünschte sie zu ihrer Botschaft der Vergebung, in der die Rede davon war, dass durch das Verzeihen unsere Sünden an die tiefste Stelle des Meeres geworfen würden. Der Mann sagte, er sei Aufseher in Ravensbrück gewesen, aber dass er seit damals Christ geworden wäre und wisse, dass Gott ihm seine Gräueltaten vergeben habe. Er wolle dies aber nun auch von ihr hören: „Können Sie mir vergeben?“ fragte er.

Vergebung kann heilsam wirken

In diesem Augenblick hatte Corrie ten Boom immer wieder die Schreckensbilder aus dem Lager, vom Wärter mit der Lederpeitsche und von ihrer gequälten, sterbenden Schwester vor Augen. Doch sie wusste, dass sie nun zum Handeln aufgerufen war.

Als sie ihrem Peiniger gegenüberstand, gerann ihr das Blut in den Adern. Dann aber geschah etwas Unerwartetes: Nach langem Zögern legte sie ihre Hand in die seine.

„Ein Strom floss von meiner Schulter aus durch meinen Arm bis hin in unsere vereinten Hände,“ berichtete sie. „Diese heilsame Wärme schien völlig durch mich hindurchzuströmen und trieb mir die Tränen in die Augen. ‚Ich vergebe Dir, Bruder‘, weinte sie, ‚von ganzem Herzen‘.“ Für einige Augenblicke hielten sie sich ganz fest: der ehemalige Aufseher und die ehemalige Gefangene. Niemals zuvor hatte Corrie ten Boom, wie sie später sagte, Gottes Liebe so stark gespürt wie in diesem Augenblick.

Reihe weißer Papierflieger, ein gelber Papierflieger fliegt aus der Reihe.

Über sich hinauswachsen

Was war geschehen: Corrie ten Boom wurde in dem Augenblick, in dem sie ihrem ehemaligen Unterdrücker verzieh, mehr als sie selbst zuvor war. Sie wuchs über sich hinaus, überstieg sich, überschritt ihre physischen und psychischen Grenzen.

Man nennt diesen Vorgang „Selbsttranszendenz“. Oft ist es genau diese Selbsttranszendenz, die uns später fragen lässt: „Wie habe ich das nur geschafft?“. Sie steht oft in Verbindung mit religiöser Erfahrung oder mit Nahtoderlebnissen, aber auch mit der Liebe; denn gerade hier erfahren wir, wie wir durch das Gegenüber, den anderen, mehr werden als wir selbst es sind.

Der Dichter Rainer Maria Rilke hat diesen Selbstüberstieg in einem seiner Werke mit einem Pfeil verglichen, der im Absprung vom Bogen so gesammelt ist, dass er schon mehr ist als er es eigentlich seinem Sein nach wäre. Er ist in seinem Pfeil-Sein über sich hinausgewachsen. Beim Menschen ist diese Erfahrung eng mit der Erfahrung der Freiheit verbunden, allein schon durch die Möglichkeit, dass wir tatsächlich mehr zu sein vermögen als wir sind.

Unseren Ur-Grund entdecken

Und genau dann, wenn wir aus uns herausgehen, wenn wir das Unvorhergesehene tun, das wir eigentlich gar nicht vorhatten, entdecken wir das, was uns ausmacht: unseren Ur-Grund. Wir sind mehr, als wir zu meinen glauben, wir können mehr, als man uns oder wir selbst uns zutrauen, wir haben gänzlich andere Erfahrungen als die, die wir eigentlich machen wollten.

Die Philosophie nennt die letztgenannten „transzendentale Erfahrungen“ und sie können uns überall begegnen. Der Theologe Karl Rahner hat solche Orte beschrieben:

„Da ist einer, dem geschieht, dass er verzeihen kann, obwohl er keinen Lohn dafür erhält und man das schweigende Verzeihen von der anderen Seite als selbstverständlich annimmt …

Da ist einer, der verzichtet, ohne Dank, Anerkennung, selbst ohne ein Gefühl innerer Befriedigung …

Da ist einer, der restlos einsam ist, dem alle farbigen Konturen seines Lebens verblassen, für den alle verlässlichen Greifbarkeiten zurückweichen in unendliche Fernen, der aber vor dieser Einsamkeit, die wie der letzte Augenblick vor dem Ertrinken erfahren wird, nicht davonläuft, sondern sie in einer letzten Hoffnung gelassen aushält …“

Stärker werden

Genau das sind die Erfahrungen, die ein jeder von uns schon einmal gemacht hat. Sie zeigen, was in dieser Welt an Wundern existiert. Was bedeutet dies für uns? Für unsere Chancen? Für unsere Momente im Leben?

Wenn wir uns in solchen Situationen wiederfinden, können wir getrost sagen: Ich bin nicht so, wie viele Menschen mich sehen. Ich bin viel mehr und zu positiven Handlungen fähig, die man von mir nicht erwartet hätte. Ich bin auch viel stärker, als ich es selbst gedacht habe, und weiß nun, dass eine Kraft in mir schlummert, die ich jederzeit aktivieren kann, wann immer ich eine schwierige Lage meistern muss.

Mehr „Dasein“ und Freiheit gewinnen

Der damit verbundene Selbstüberstieg, die Selbsttranszendenz, führt immer auch zu einem Mehr an Welt, zu einem Gewinn an Dasein, zu einer Entfaltung der Möglichkeiten, von denen wir zuvor gar nicht wussten, dass sie überhaupt existieren. Wir finden dort jene Freiheit, die wir schmerzlich vermissen, wenn uns das „normale“ Leben einengt und uns mit seinen Forderungen quält, anstatt zur unvorstellbaren Fülle des Seins durchzubrechen, die nur darauf wartet, von uns entdeckt und verwirklicht zu werden.

Hier erfahren wir uns selbst, werden wir zu denen, die wir von unserem Ursprung her schon sind. So sonderbar es klingt: Erst durch den Selbstüberstieg kommen wir zu uns selbst, sprengen unsere Grenzen, werden wir so, wie es uns eigentlich gemäß ist.

Es verhält sich, um das Ganze etwas zu veranschaulichen, wie beim ersten Bungee- oder Fallschirmsprung, bei dem wir nicht wissen, ob wir dieses Abenteuer lebend überstehen werden. Doch gerade im Ergreifen dieser Unsicherheit lernen wir unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten am besten kennen. Damit können wir später Veränderungen jeder Art gelassen und bestimmt gegenübertreten. Wir haben nicht nur uns selbst überstiegen, sondern sind auch endlich der geworden, der wir sind.

Die unvorhergesehene Chance ergreifen

Wir alle haben die Möglichkeit, eine solche Chance, wenn sie sich uns bietet, zu ergreifen und zu sagen: „Ich bin der, der ich bin, aber ich bin zusätzlich auch der, der ich sein kann. Ich habe unendlich viele Möglichkeiten, mein Dasein erfüllend zu gestalten.“

Auch wenn dieser Akt manches Mal mit Schmerzen, mit Angst, mit Verwundungen einher geht, wird man im Rückblick sagen können: Dies war DER Moment meines Lebens, jener Augenblick, in dem mein Leben völlig unvorhergesehen anders wurde (auch im scheinbar negativen Sinn); aber ich habe etwas daraus gemacht, und nicht nur für mich, sondern auch noch für andere.

Man kann also aus allen Schicksalsschlägen etwas machen, speziell, wenn man etwas tut, das anderen Gutes bringt, und durch deren positives Feedback man selbst wiederum Gutes, Befriedigendes, Erfüllendes erfährt.

Unverhoffte Zukunft

Für jeden von uns kann es den Moment seines Lebens geben, den life changing moment, jenen Augenblick, der ihn vielleicht aus der Bahn wirft, bei dem er sich aber auf einem ganz anderen Geleise wiederfindet, das ihn in Richtung unverhoffte Zukunft trägt. Wir müssen dafür eines tun: bereit sein, den Zug zu besteigen, wenn er bei uns hält.

Der Autor Ulrich Kellerer sagt: „Der Zug des Lebens steht niemals still. Steig einfach ein, und etwas Neues beginnt.“

Fotos: iStock, Shutterstock

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