Michil Costa vor einem Tisch mit Büchern.

WISSEN IST UNSERE RETTUNG

Ignoranz ist wie Petersilie – sie steckt in allem drin. Oder um es mit Platon zu sagen: Von allen wilden Tieren ist die Ignoranz am schwierigsten in den Griff zu bekommen.

text Michil Costa

Schwarz-Weiß-Portrait von Michil Costa.

Michil Costa lebt in Corvara, Südtirol. In den Hotels „La Perla“ und „Berghotel Ladinia“ setzt er auf die Prinzipien der Gemeinwohlökonomie sowie wahre, nachhaltige Werte statt Trends. Und er gründete die „Costa Family Foundation“ zum Schutz von Kinderrechten und Frauen.

Wer neidisch ist, ist ignorant, weil er gegenüber der restlichen Welt eine Überheblichkeit an den Tag legt. Und weil er pflichtvergessen das eigene begrenzte Wissen verfälscht und reduziert, um Lügen zu verbreiten und auf der Basis dieser Lügen die eigene Macht zu konstruieren.

AKTIVE IGNORANZ IST WIE VERSTEINERUNG

Es gibt nichts Schlimmeres als aktive Ignoranz. Wer ignorant ist, entwickelt sich nicht weiter, er akzeptiert auch Veränderungen nicht. Wie versteinert in seinen einseitigen Gedanken, ist er ein Gewohnheitstier, das nichts genauer wissen möchte, das niemandem zuhören will, das es vielleicht besser weiß, das Antworten schuldig bleibt. Es glaubt an die doxa, den schönen Schein, hört nicht hin und wenn, dann nur oberflächlich.

Die vielleicht wichtigste Wissenschaft überhaupt ist das Bewusstsein von sich selbst. Welches Leiden erzeugt. Leiden ist das Resultat von Ignoranz. Der Ignorant aber ignoriert das. Und fühlt sich nie verantwortlich.

WIR BRAUCHEN ANTWORTEN

Wie immer und mehr denn je zuvor brauchen wir eine Führungsschicht, die zuhören kann und die Antworten gibt. Dagegen stecken wir viel zu oft in der Hand einer weit verbreiteten Ahnungslosigkeit und obendrein mitten in einer kranken Weltwirtschaft. Offenbar gibt es nicht genügend Visionäre, die in der Lage wären, diese vom Absturz bedrohte Welt zu retten. Jahre lang, viel zu lang, haben wir panisch das Problem des Klimawandels geleugnet oder die immer stärkere Bedrohung der Artenvielfalt.

Jetzt können wir nicht einfach behaupten, es sei zu schwierig oder zu teuer, dieses Riesenproblem zu lösen, indem wir uns auf die vermeintliche Bedrohung unserer Freiheit berufen, das Haus, in dem wir  leben, verbrauchen, verunstalten, anzünden und zerstören: Madre Terra. Und hier kommt die grenzenlose Verbreitung der Dummheit ins Spiel.

  • Blick aus der Vogelperspektive auf eine Frau, die in einen auf dem Boden liegenden Spiegel blickt.
  • Eine Gruppe Menschen, deren Kopf sich jeweils in einer dunklen Wolke befindet.

POPULISTEN NUTZEN FLOSKELN

Die Floskeln der Populisten in aller Welt – zum Beispiel des chinesischen Regimes – dienen nur dazu, die Massen zu mobilisieren und das Volk zu kommandieren, um seine Energie in Richtung einer weit verbreiteten Ahnungslosigkeit zu lenken. Ignoranz – was so viel bedeutet wie nicht zu wissen – heißt nicht zu begreifen, was vor sich geht. Wir merken nicht, dass der Souverän, der uns anführt, sich von einer vernetzten Welt bedroht fühlt, weshalb er Grenzen schließen lässt (auch die digitalen) und das Virus leugnet, beziehungsweise versteckt und internationale Kooperationen verhindert, die das riesige Pandemie-Problem sehr viel leichter in Schach hätten halten können.

AHNUNGSLOSIGKEIT IST EIN MACHTSYSTEM

Ahnungslosigkeit ist ein Machtsystem, das auf den Beschränkungen kultureller Mechanismen beruht, die Möglichkeit zum Lernen verhindert und dadurch zur Homologisierung der Massen führt. Die Populisten bleiben zwangsläufig selbstbezogen, aalen sich in Selbstgefälligkeit, lieben es, geliebt zu werden und wissen sich beliebt zu machen. Dadurch inszenieren sie eine Existenzkomödie, die sich durch Kurzsichtigkeit, Vulgarität und Gewalt auszeichnet, die kriegstreiberisch ist, arrogant, armselig und bestens dazu angetan, unsere Welt in die totale Katastrophe zu stürzen.

WISSENSCHAFT STATT MEINUNG

Wir hier versuchen, unseren Teil zu tun: Unternehmenskultur ist auch, täglich Antworten zu geben. Nie die hauseigenen Wertvorstellungen zu verraten. Nur das Wissen versetzt mich in die Lage, einem Mitarbeiter zuzuhören und die Fähigkeit zu besitzen, ihm eine Antwort zu geben. Oder Leute um sich zu haben, die kleine Alltagsprobleme lösen können.

Wissen ist keine Frage von Meinungen, sondern von Wissenschaft. Meinungen verstärken die Ignoranz, wohingegen Wissenschaft Wissen schafft. Es reicht nicht, ein anständiger, freundlicher, disponibler Mensch zu sein: Wer sich in einer Kontrollposition befindet, darf dem Virus der Ignoranz keinen Raum lassen.

Wer Ignoranz vertickert, fühlt sich immer stärker und stärker legitimiert; er stärkt seine Verantwortungslosigkeit, in dem er die Ahnungslosigkeit der Menschen ausnutzt, die angesichts von Fragen, die ihnen nicht beantwortet werden, gewalttätig werden und ihre eigene Verbittertheit an anderen Menschen auslassen, ganz gleich wem.

Eine Frau auf einer Wissen, umgeben von hell leuchtenden Kreisen.

PLATZ FÜR IDEEN STATT GRENZENLOSER DUMMHEIT

Wenn wir es mit einem „komplizierten“ Menschen zu tun haben, heißt es immer gleich: „Ja, der ist ja auch wirklich dumm.“ Denn wir sind davon überzeugt, immer Recht zu haben. Wir glauben, dass immer die anderen das Falsche tun. Aber damit machen wir es uns zu einfach.

Der Dumme ist gefährlich, weil er zu allem fähig ist. Daher muss er geheilt werden. Es ist nicht besonders schwierig, als Chef der Dummen neue Dumme zu werben. Schwierig ist es dagegen, eine Dummheit zu kurieren, die im Vergleich zum Wissen, das stets begrenzt ist, absolut grenzenlos wirkt. Dazu braucht es den Dialog und viel Geduld. Gleichzeitig muss denen Platz und Gehör verschafft werden, die gute Ideen haben.

DUMMHEIT IST GEFÄHRLICH

Was mich befremdet, ist, dass es Menschen gibt, die auf ihr Nichtwissen stolz sind. Als ich jung war, gehörte ich selbst zu ihnen. Heute weiß ich wenigstens, wie wenig ich weiß. Aber ich weiß auch, dass es umso besser ist, je weniger ich nicht weiß. Und ich habe gelernt, dass man den Ignoranten nicht so sehr an der Arbeit erkennt, die er tut, sondern daran, wie er diese Arbeit tut.

KLASSISCHE REHA: NICHT AUFGEBEN!

Wer im Gastgewerbe arbeitet wie ich, kann sich dem Gast gegenüber nicht als buckelnder Untertan benehmen und vor den Mitarbeitern als Besserwisser auftreten. Ignorant ist, wer unhöflich ist. Ignorant ist, wer eine Rolle einnimmt, in dem nicht zu wissen keine Option ist. Was also tun? Am besten klassische Reha-Maßnahmen: den Freund ermahnen, aber sein Vergehen nicht ins Rampenlicht stellen. Und wenn er nicht hören will? Dann bloß nicht aufgeben. Das Ziel ist nicht, über ihn zu urteilen, sondern ihm zu helfen, hat Papst Franziskus gesagt.

LAND CALLING – DIE ERDE RUFT!

Ich beschließe diese lange Predigt gegen die Ignoranz mit einem Songtitel von „The Clash“. Diese Jungs wurden oft als ignorante Punks und Anarchisten abgetan. Keine Einschätzung könnte verkehrter sein: Die vier rebellischen und zügellosen Knaben waren gegen Gewalt und zutiefst antirassistisch eingestellt. Das Leben betrachten sie mit einer Mischung aus unbeteiligter Distanz und Lässigkeit und lebten es voller Ironie und Kreativität. Und genau aus dieser Distanz und dem Wissen heraus entstand jenes Freiheitsgefühl, diese Leichtigkeit, die keiner leben kann, der in der Ignoranz feststeckt. Die aber bei „The Clash“ in eine intensive Lebensfreude mündete. Wenn das keine Weisheit ist! London, nein pardon, Land calling! Unsere Erde ruft!

Fotos: Hotel La Perla/Gustav Willeit, iStock