Nahaufnahme einer dunklen Tierpfote, die auf einem menschlichen Finger liegt.

DAS KREUZ MIT DEM MITGEFÜHL

Hinschauen, interessieren, mitfühlen – das können Menschen wie Tiere. Denn wir alle brauchen Empathie für eine friedliche Koexistenz. Ein Plädoyer für mehr kultivierte Aufmerksamkeit.

Hier erfahren Sie mehr über

  • Affen und Menschen
  • Empathie als sinnvolle Strategie
  • Hin- statt Wegschauen

Text Barbara Imgrund

Schwarz-Weiss-Foto Barbara Imgrund.

Barbara Imgrund ist freie Literaturübersetzerin und Autorin sowie ehrenamtlich im Hospizdienst und im internationalen Tierschutz tätig. barbara-imgrund.de

„Wahrlich, ich sage dir, heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Dieser Satz haut mich um, seitdem ich denken kann. Er gilt einem, der am Kreuz hängt. Und es spricht ihn einer, der am Kreuz hängt. Ich fasse noch immer nicht, woher so viel Zuwendung im Angesicht des Todes kommen kann.

Man mag zur Kirche stehen, wie man will – aber Bibelverse wie dieser, den Jesus zu einem der beiden Verbrecher neben ihm am Kreuz spricht (Lukas 23,43), lassen quer durch alle Religionen und Glaubensbekenntnisse niemanden kalt, der das Herz auf dem rechten Fleck hat.
Ungeachtet der eigenen Qual an das Wohl eines anderen Menschen denken zu können – wenn das nicht Empathie in Reinkultur ist!

Empathie, vulgo Mitgefühl, das in Kommunikationsseminaren breitzutreten in den letzten Jahren so wahnsinnig hip geworden ist. Obwohl es doch ein so wahnsinnig alter Hut ist.

Junger Schimpanse berührt mit Mund und Gesicht das Gesicht eines erwachsenen Schimpansen.

Empathie ist artübergreifend – für ein friedliches Miteinander

Zumindest die höher entwickelten Wirbeltiere scheinen es in den Genen zu haben. Jeder Hunde- oder Katzenhalter wird bestätigen, dass sein Tier eine Antenne dafür hat, wenn es ihm schlecht geht, und „Trost“ zu spenden versucht.
Dasselbe habe ich bei Pavianwaisen erlebt, die nicht miteinander verwandt waren und in einer Art Notgemeinschaft auf unserer namibischen Auffangstation zusammenlebten. Empathie also als Strategie, die womöglich sogar artübergreifend das Miteinander friedlich regeln hilft?

Ich bin keine Verhaltensforscherin, aber Jane Goodall war eine. Vor einigen Jahren habe ich sie in Heidelberg erlebt. Sie sprach von den Anfängen ihrer Erforschung wild lebender Schimpansen: von der ersten Zeit in Gombe, von den kleinen Erfolgen und großen Rückschlägen und der Ungewissheit, ob sie überhaupt würde bleiben dürfen.
„Eines Tages“, erzählte Jane an jenem Abend, „beobachtete ich eine Gruppe Schimpansen. David Greybeard, ihr Chef, den ich wegen seines grauen Barts so genannt hatte, entfernte sich von den anderen, und ich folgte ihm. Er ließ sich an einem Bach nieder und duldete, dass ich es ihm gleichtat. Wir saßen etwa eineinhalb Meter auseinander. Irgendwann streckte er die Hand nach mir aus, als würde er um etwas bitten. Zwischen uns lag eine Frucht, die vom Baum gefallen war. Ich hob sie auf und legte sie in seine Hand. Doch er warf sie fort. Dann ergriff er meine Hand und ließ sie nicht mehr los.“

Als ich das hörte, bekam ich wieder Gänsehaut, wie damals als Grundschülerin im Religionsunterricht. Ja, dachte ich, ein Schimpanse, der Jane auch genauso gut hätte töten können, weil sie in seine Komfortzone eingedrungen war, macht es uns vor. Hunde, Katzen und Paviane machen es uns vor. Sie alle erinnern uns an etwas, das wir gern vergessen, seitdem unser hochentwickeltes Gehirn vor allem damit beschäftigt ist, Technik und Tempo in unserem Leben zu bewältigen: Wir sollten diesem Wesen da neben uns die Hand reichen, sei es Mensch oder Tier. Wir sollten nicht so tun, als wäre es nicht da, und unserer Wege gehen. Wir sollten hin- und nicht wegschauen.

Zwei Frauen umarmen sich, während mehrere Hände ihre Schultern, Arme und den Kopf berühren.

Mitgefühl sollte selbstverständlich sein,  damit wir füreinander stark sind!

An jenem Abend sagte Jane noch etwas: „Als David Greybeard mir seine Hand gab, wusste ich, dass sich all das lohnt.“

All das – die Erforschung der Schimpansen, aber auch das Starkmachen für sie, deren Leben und Lebensraum wir bedrohen. Heute kann ich Jane Goodall aus eigener Erfahrung beipflichten. Seitdem ich die Wüste und ein paar wilde Tiere kenne, seitdem ich weiß, wie sich ein schnurrender Gepard anfühlt und ein ängstliches Pavianbaby auf meinem Bauch in der Nacht, seitdem ich mich um Tiere und Menschen und diesen Planeten sorge, erlebe ich immer wieder, dass es sich lohnt, dieses Hinschauen, Interessieren, Mitfühlen. Nicht zuletzt, weil es auch mir etwas gibt: Sinn.

Neulich habe ich das Foto einer Katze gesehen, die bei lebendigem Leib gekreuzigt worden war – irgendein abartiges religiöses Scheißritual, pardon. Was muss sie durchgemacht haben … Leider kann sie sich für meine posthume Empathie nichts mehr kaufen. Es hätte früher jemand hinschauen müssen, ebenso wie in ungezählten anderen Fällen, in denen Mensch oder Tier leiden müssen.

Deshalb mag ich nicht mehr wegschauen, nicht im Internet und nicht auf der Straße. Deshalb wünsche ich uns eine Kultur der Empathie, in der es selbstverständlich ist, mit denen zu fühlen, die unser Mitgefühl brauchen, und ihnen ihr Kreuz zu erleichtern.

Jetzt gleich. Nicht irgendwann.

Eine Frau hält einen braunen Hund im Arm; der Hund legt den Kopf auf den Armen der Person ab.

Fotos: iStock, Unsplash / Getty Images, Pablo Merchan

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