Blick in die Bäume

Grete geht

Der Tod kommt unausweichlich, aber es macht einen Unterschied, ob das Sterben begleitet wird oder nicht. Ein Bericht über den letzten Tag einer Frau, deren Leben reich war und am Ende achtsam umsorgt.

Hier erfahren Sie mehr über

  • Leben und Tod
  • Geborgenheit
  • Sterbebegleitung

Text Barbara Imgrund

Barbara Imgrund

Barbara Imgrund ist Literaturübersetzerin und Autorin und ehrenamtlich im Hospiz- und Besuchshundedienst tätig. Seit jeher beschäftigt sie die Frage, was uns der Tod für unser Leben lehrt. barbara-imgrund.de

Eigentlich wäre ich gern Hebamme geworden, um dem Leben auf die Welt zu helfen. Jetzt bin ich Sterbebegleiterin, und ich helfe dem Leben aus der Welt. Das eine Ereignis ist so heilig wie das andere, und es macht kaum einen Unterschied – denn wo sich der Kreis schließt, ist nicht von Bedeutung. Wir kommen aus dem Geist, und wir kehren in ihn zurück. Aber das nur nebenbei.

Hospizdienst: Aus dem Leben begleiten

Die alte Dame, die so klein und zerbrechlich in ihrem Pflegebett vor mir liegt, ist schon lange sehr weit weg: Demenz im fortgeschrittenen Stadium. Ich betreue die neunzigjährige, fast taube Grete seit einer ganzen Weile und habe noch nie ein Wort mit ihr gewechselt. Aber ich weiß, dass sie mich inzwischen erkennt, an meiner Berührung, an den Schallwellen meiner Stimme und an meiner Aura, wenn ich es mal so nennen will. Ich rede viel mit ihr und bin mir sicher, dass etwas davon ankommt – was, bleibt Gretes Geheimnis.

Manchmal, wenn sie unzufrieden oder aufgeregt oder verängstigt ist, stößt sie Laute aus, und dann versuche ich sie zu beruhigen. Ich summe eine Melodie oder streiche mit der Hand über ihre Wange; ich sage ihr, dass alles in Ordnung ist, dass sie nichts zu befürchten hat.
Ich bin jetzt Gretes Mutter, die schon lange tot ist, und ich versuche, ihren Job zu machen, so gut es geht.
Kindheitserinnerungen sind für die meisten Menschen positive Trigger, daher knüpfe ich daran an – ich singe Kinderlieder oder massiere die Hände mit Ölen, die nach frischen Erdbeeren oder Orangen duften, oder ich lese Märchen vor. Meine Schützlinge sollen sich sicher und geborgen fühlen können, wenn sie hinübergehen. Sie sollen wissen, dass ich auf sie aufpasse.

Zwei Menschen laufen durch einen Tunnel aus Bäumen

Sterbebegleitung: Die letzte Reise beginnt

Vor zwei Stunden erreichte mich der Anruf aus dem Pflegeheim. Die Schwestern haben einen geübten Blick, sie wissen, wann der Tod kommt. Seitdem bin ich hier und wache über Grete. Vom Gang her dringen gedämpft Geräusche des Lebens herein. Es hat hier keinen Platz mehr. Die Tür bleibt zu.

Bis vor Kurzem noch habe ich Grete gefüttert, Löffel für Löffel; am Ende jeder Mahlzeit gab es dann noch ein Stück Schokolade, das ich ihr auf die Zunge legte. Jetzt darf ich das nicht mehr, der Schluckreflex ist weg. Gegen den Durst befeuchte ich Gretes Lippen und Mundhöhle mit einem Schaumstoffstäbchen, das ich in eine Lösung aus Mineralwasser und einem Tropfen Zitrone getaucht habe. Es scheint ihr angenehm zu sein, zuweilen schmatzt sie sogar dabei.

Ihre Arme sind mittlerweile bis zum Ellbogen kalt. Der Körper schaltet nach und nach die Durchblutung der Extremitäten, die Tätigkeit der inneren Organe und den Stoffwechsel ab. Der Kipppunkt ist längst überschritten; es gibt kein Zurück mehr, es ist nur noch eine Frage der Zeit. Aber Grete ist eine zähe alte Frau. Sie muss sich noch ein kleines bisschen anstrengen, die Reise ist noch nicht zu Ende.

Mensch steht in einem Kornfeld

Jeder Schützling ein Schicksal

Ich habe das Gefühl, dass es ihr gut geht, sofern dieses Wort hier angebracht ist. Ab und zu zuckt ein Muskel in ihrem Gesicht, doch sie hat wohl keine Schmerzen. Mit der Zeit werden ihre Atemzüge ganz tief und gleichmäßig. Es hört sich fast an, als würde eine Maschine arbeiten, ein großes Metronom: ein – aus, ein – aus, ein – aus … Woher nimmt Grete jetzt noch so viel Kraft? Mir schießt durch den Kopf, dass sie vielleicht einfach so ist, dass sie immer schon so war. Die Schwester hat mir vorhin die Schublade gezeigt, in der Gretes Fotoalben liegen. Und da nie ein Angehöriger hier war, um mir von ihrem Leben zu erzählen, schaue ich mir dieses Leben in den vergilbten Fotos mit den kleinen weißen Mäusezähnchen nun selbst an.

Ich sehe eine Frau, die keinerlei Ähnlichkeit mit der Greisin vor mir hat. Sie ist aktiv, zupackend, selbstbestimmt, sie nimmt sich, was sie haben will. Sie ist nie verheiratet, doch immer umringt von Männern. Sie hat keine Kinder, aber einen Hund. Auf Teneriffa taucht sie mit Einheimischen nach Amphoren und fährt im Winter in St. Anton Ski, während die meisten anderen Frauen noch Frauchen am Herd sind.

Grete hat die Zeit, die sie hatte, offenbar gut genutzt – sie hat in ihrem Leben viel geleuchtet und gestrahlt. Ich bin tief beeindruckt, ich fühle mich so geehrt, dass ich jetzt für sie da sein darf. Ich erzähle es ihr, ich möchte, dass sie es weiß.

Zwei Hände halten einander

Professionelle Nähe oder: Sterbebegleiter sind auch nur Menschen

Dann, am späten Nachmittag, geht es auf die Zielgerade zu. Ich musste zwischendurch fort, zu einem Termin, der sich nicht verschieben ließ, denn mein Leben geht ja weiter, nur Grete stirbt, wann es ihr passt. Nun bin ich also wieder hier, habe etwas zu essen und zu trinken und Lektüre dabei, und zwei, drei Fotoalben gilt es auch noch durchzusehen. Ich habe mich eigentlich auf eine lange Nacht eingestellt, nun, da ich Grete so gut kenne.

Ihre Atemzüge sind inzwischen flacher geworden, es dauert immer länger, bis sie wieder Luft holt. Ich spüre, wie ihre Kraft erlahmt. Weniger Spannung in den Muskeln. Ich flüstere, dass ich zurück bin. Dass es nichts mehr zu tun gibt. Dass sie getrost gehen kann, wann immer sie möchte. Wie aufs Stichwort rinnt eine einzelne Träne aus Gretes Augenwinkel über ihre Wange. Ein Abschied. Grete hat noch nie geweint.

Ganz unten in der Schublade stoße ich auf ein letztes Fotoalbum. Es ist klein, ein Foto pro Seite, und auf dem Deckblatt steht in geschwungener Handschrift „Arco“. Der Hund ihres Lebens, so wichtig, dass sie noch sechzig Jahre nach seinem Tod nicht ohne ihn ins Pflegeheim gehen wollte. Ich fahre behutsam über die Bilder, als könnte ich über Zeiten und Räume hinweg diesen krausen Kopf mit den schwarzen Knopfaugen streicheln. Bald werden die beiden wieder zusammen sein … Und dahin ist die professionelle Nähe, um die wir uns im Hospizdienst bemühen, und es zerlegt mich, weil ich mich so für Grete freue.

Sterbebegleitung

Tun, was getan werden kann

Sterben ist eine Naturgewalt, und sie erschüttert und erdet mich immer wieder aufs Neue. Ich gehöre einer Spezies an, der ein gewisser Größenwahn in die Wiege gelegt wurde und die zuweilen auf dem Weg vergisst, wie klein sie in Wahrheit ist. Da tut es ganz gut, sich mit den letzten Dingen zu beschäftigen, den Fokus neu auszurichten und sich zu spüren – über das Getöse und Gewese unserer schönen neuen Welt hinweg.

Ich habe keine Angst. Ich habe eine Aufgabe. Immer wenn sich meine Schützlinge aufmachen, ist auf einmal dieser Sinn da. Keine Frage, kein Zweifel, nur Gewissheit. Dann will ich nirgendwo sonst auf der Welt sein. Dann will ich bei niemandem sonst auf der Welt sein. Hier und jetzt bei diesem Menschen ist mein Platz. Ich weiß, dass ich es richtig mache, weil ich nichts falsch machen kann. Dieser Mensch muss sterben, ob ich da bin oder nicht – ich bin nur das Zünglein an der Waage, das vielleicht den Ausschlag geben kann, dass es ein „gutes Sterben“ wird, ohne Kampf, Angst, Schrecken oder Schmerzen. Das wird nicht immer glücken, aber was ich dazu tun kann, das tue ich.

Den Rest gebe ich ab an ihn, der nun an Gretes Bett tritt, um sie zu Arco zu bringen. An ihn, der so groß ist. Mehr steht nicht in meiner Macht.

Fotos: iStock, Unsplash / Engin Akyurt, Diana Orey, Wonderlane

Sie möchten nichts mehr verpassen? Hier erhalten Sie spannende Nachrichten zu Finanzen und vielen weiteren Themen.