Neugeborenes, umrahmt von den Händen der Eltern.

Das Wunder der Weihnacht

Jedes Jahr wieder erinnert uns ein Kind daran, was der Schlüssel zur (Er)Lösung unserer Probleme ist: die Liebe. In diesem Sinne: frohe Weihnachten!

Text Hans Christian Meiser

Portrait in Schwarz-Weiß von Hans Christian Meiser

Dr. Hans Christian Meiser ist Philosoph und Publizist, zudem Herausgeber und Chefredakteur von PURPOSE, dem Magazin für Sinnhaftigkeit. Dieses Thema zieht sich durch sein gesamtes Werk.

Weihnacht – schon der Klang dieses Wortes erzeugt in den meisten von uns ein besonderes Gefühl der Feierlichkeit und verlangt nach einer Rückbesinnung auf die Zeit der unbeschwerten Kindheitstage, da am 24.12., kurz vor Einbruch der dezemberlichen Dunkelheit, voller Freude der Baum mit Kerzen, selbst gebastelten Strohsternen, bunten Glaskugeln und goldenem Lametta geschmückt wurde, da man die Geschenke ausbreitete und die unvergesslichen Lieder sang und da man einander ein frohes Fest wünschte, während der Duft von Plätzchen den Geruchssinn verwöhnte.

Ja, froh sollte es sein, dieses Fest, das Christi Geburt feiert und die Familien zusammenführt, und froh wurde es auch – Jahr für Jahr.

  • Lichtschrift "Love" vor einem Weihnachtsbaum.
  • Eine große, strahlende Wolke taucht hinter Bäumen auf.

Gelebte Nächstenliebe

Kein anderes Ereignis war für die westliche Menschheitsgeschichte so prägend wie das Erscheinen der Gestalt Jesu. Vor mehr als 2.000 Jahren in eine heillose Welt geboren, bringt er als Heiland das, wonach alle Menschen, egal welcher Hautfarbe, Herkunft oder Alters sie sein mögen, sich sehnen: Liebe.

Nicht, dass es vor Jesus keine Liebe gegeben hätte, aber mit ihm nimmt sie eine neue Gestalt an, gelangt in eine neue Dimension. Es ist die Nächstenliebe, die der Mann aus Nazareth später verkündet und lebt. Es ist das Verzeihen, welches der Zimmermannssohn uns vorlebt und es ist die Grenzen- und Bedingungslosigkeit der Zuneigung zu allen Wesen, mit der er uns bis auf den heutigen Tag immer wieder aus unserem Egoismus reißen möchte.

Jesus, in Kälte und Armut geboren, der hinwegnimmt die Sünde der Welt, der unsere Hand ergreift und uns zeigt, welchen Weg wir gehen können, und dessen Sterben unsere Furcht vor dem ewigen Tod zunichtemacht – welche Gestalt der Geschichte könnte Ähnliches für sich in Anspruch nehmen?

Malerei des Jesusbabys.

Khalil Gilbrans Gedicht über Jesus

Es war der libanesische Dichter Khalil Gibran, der in einem frühen Text die Bedeutung Jesu wie kaum ein anderer erfasst und sagbar gemacht hat. Hier folgen seine Worte in meiner Übersetzung:

„Geliebte, die Feuer der Liebe fallen in vielerlei Gestalt vom Himmel, doch ihr Eindruck auf der Welt ist der gleiche. Die kleine Flamme, welche das menschliche Herz erleuchtet, gleicht einer lodernden Fackel, die vom Himmel herabkommt, um die Wege der Menschheit zu erhellen.

Denn in einer Seele sind die Hoffnungen und Gefühle der gesamten Menschheit enthalten.

Die Juden, meine Geliebte, erwarten das Kommen eines Messias, der ihnen verkündet war und der sie aus ihrer Knechtschaft befreien sollte.

Und der Große Weltgeist hielt die Verehrung von Jupiter und Minerva nicht länger für nützlich, denn die dürstenden Herzen der Menschen konnten mit diesem Wein nicht länger befriedigt werden.

In Rom machten sich die Menschen Gedanken über das Göttliche Apolls, eines Gottes ohne Mitleid, und auch die Schönheit der Venus verfiel bereits.

Ohne sich dessen bewusst zu sein, lechzten die Völker tief in ihrem Herzen nach der höchsten Lehre, die jede andere auf Erden überragen sollte. Sie sehnten sich nach dem freien Geist, von dem sie lernen wollten, sich mit ihren Nachbarn am Licht der Sonne und an den Wundern des Lebens zu erfreuen. Denn diese Freiheit bringt den Menschen das Unsichtbare nahe und ermöglicht es, ihm ohne Furcht und Scham entgegenzutreten.

All dies ereignete sich vor zweitausend Jahren, meine Geliebte, als die Wünsche der Herzen um sichtbare Dinge kreisten, in der Furcht, dem ewigen Geist nahe zu kommen – während Pan, der Gott der Wälder, die Herzen der Hirten mit Angst erfüllte und Baal, der Sonnengott, mit den gnadenlosen Händen der Priester die Seelen der Armen und Unterdrückten quälte.

Doch in einer Nacht, in einer Stunde, in einem Augenblick der Zeit öffneten sich die Lippen des Geistes und sprachen das geheiligte Wort: ‚Leben‘; und es wurde Fleisch in einem Kind, das im Schoß einer Jungfrau schlief – in einem Stall, in dem Hirten ihre Herde vor dem Angriff wilder Tiere in der Nacht schützten und verwundert auf das kleine Kind in der Krippe blickten.

Der kindliche König saß, in seiner Mutter armseliges Gewand gewickelt, auf einem Thron von schwer beladenen Herzen und hungrigen Seelen, aber durch seine Demut wand er das Zepter aus der Hand Jupiters und gab es dem armen Schäfer, der über seine Herde wachte.

Und von Minerva nahm er die Weisheit und legte sie in das Herz eines Fischers, der sein Netz flickte.

Von Apollo holte er die Freude durch sein eigenes Leid und schenkte sie dem Bettler, der mit gebrochenem Herzen am Wegesrand stand.

Von Venus nahm er die Schönheit und goss sie in die Seele der gefallenen Frau, die vor ihrem grausamen Unterdrücker zitterte.

Er stieß Baal vom Thron der Macht und setzte an seine Stelle den armen Ackersmann, der im Schweiße seines Angesichts die Saat auf die Felder streute.

Geliebte, war meine Seele gestern nicht den Stämmen Israels vergleichbar? Wartete ich nicht auch in der Stille der Nacht auf das Kommen meines Retters, der mich von der Knechtschaft und den Übeltaten der Zeit erlösen sollte? Fühlte ich nicht wie die Völker vergangener Tage den großen Hunger und Durst nach dem großen Geist? Ging ich nicht auf der Straße des Lebens wie ein verlorenes Kind in der Wildnis, und war nicht mein Leben einem Saatkorn gleich, das, auf einen Stein geworfen, von keinem Vogel gesucht und von keinem Element gespalten, nicht zum Leben gebracht wurde?

All dies ereignete sich gestern, meine Geliebte, als meine Träume sich an die Dunkelheit klammerten und das Kommen des Tages fürchteten.

All dies geschah, als die Trauer mein Herz zerriss und die Hoffnung sich bemühte, es gesunden zu lassen.

In einer Nacht, in einer Stunde, in einem Augenblick der Zeit stieg der Geist aus der Mitte des göttlichen Lichts herab und blickte mich mit den Augen deines Herzens an. Aus diesem Blick wurde die Liebe geboren und fand eine Wohnstatt in meinem Herzen.

Geliebte, alle meine Tage waren wir dunkle Nächte. Aber nun ist der Morgen nahe, und bald erhebt sich die Sonne. Das Kind Jesu hat mit seinem Atem das All erfüllt und ist mit dem Himmel vereint. Mein einst so leidvolles Leben empfängt nun unermessliche Freude, denn meine Seele wird von den Armen des Kindes umfangen.“

Lachendes Baby.

Ein Kind erlöst die Welt, kein Staatsmann

Die unermessliche Freude, die Khalil Gibran beschreibt, kündet vom Wunder der Weihnacht und will in den Bildern der Sprache unser Herz öffnen für das, was der Verstand nicht zu fassen vermag: dass es ein Kind ist, das die Welt, das uns Menschen erlösen will, nicht ein Machthaber, nicht ein Feldherr, nicht ein Staatsmann.

Nein, ein Kind, das ungeschützteste Wesen von allen, ist in der Lage, allein durch seine Güte uns von dem, was uns belastet, zu befreien. Und der Beginn dieser Befreiung ist eben Weihnachten, die Nacht der Weihe, in der die Finsternis durch das Licht der Kerzen vertrieben wird und in der die Kälte der Wärme der brennenden Dochte weicht.

Es ist nicht umsonst ein Fest, das gefeiert wird. Es sind nicht umsonst Lieder, die an Weihnachten gesungen werden. Es sind nicht umsonst Geschenke, die verteilt werden. All dies löst unsere Seele von jenem Urschmerz, der ihr seit unserer Geburt anhaftet. Deshalb ist Jesus der Erlöser und sein Mittel dazu ist die Liebe.

Das Fest der Weihnacht erinnert uns jedes Jahr erneut an das Wunder dieser Liebe und es ermahnt uns von Kindesbeinen an, dem Weg der Liebe, dem kein anderer Weg gleicht, zu folgen. Nur dort finden wir das, was uns heil macht.

Ich wünsche mir und Ihnen, dass wir nicht von dem Weg der Liebe abkommen, und dass wir während unserer Suche das finden, was uns und die Welt für immer heilt. Möge die Weihnacht 2021 eine besonders frohe und freudige sein, in der wir jener Liebe teilhaftig werden, die vom Strahlen eines Kindes ausgehen kann.

Fotos: iStock, Unsplash / Eberhard Grossgasteiger, Isaac Quesada, Brigitte Tohm

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