Hannes Jaenicke in Retter der Meere

WINZIGER BAUSTEIN EINER GROSSEN BEWEGUNG

Der Schauspieler Hannes Jaenicke gibt seinem Leben als Umweltaktivist, Dokumentarfilmer und Sachbuch-Autor einen hohen Grad an Sinn. Dieses ernste Anliegen kombinierte er in dem ARD-Pilotfilm „Retter der Meere“ mit spannender Unterhaltung.

Interview: Antoinette Schmelter-Kaiser

Schwarz-Weiß-Portrait von Hannes Jaenicke.

Hannes Jaenicke lebt am Ammersee bei München und in Kalifornien, ist überzeugter Veganer und seit über 20 Jahren für den Umwelt- und Tierschutz aktiv. Er dreht seit 2005 Dokumentarfilme und schrieb seit 2010 drei Sachbücher.

Am 6. Februar sind Sie in „Retter der Meere – Tödliche Strandung“ zu sehen. Wie kamen Sie zu Ihrer Rolle als Umweltvisionär Reno Finnings, der mit seiner Global Ocean Foundation auf Mauritius Korallenriffe und Wale schützen will?
Idee und Konzept zu „Retter der Meere“ stammen von der Redaktion der ARD-Degeto und der Produzentin Nanni Erben. Vor drei Jahren fragten sie Daniel Roesner und mich während der Berlinale, ob wir Lust hätten, diesen Pilotfilm zu machen.

Am Anfang war ich skeptisch, weil ich Schauspielerei und Umwelt-Aktivismus bis dato immer getrennt hatte. Ich hatte schon Dokus über Haie, Orkas und Delphine gedreht und ein Buch über Ozean-Rettung gemacht. Aber dann habe ich mich schnell überzeugen lassen, erstens weil Daniel Rösner einer meiner engsten Kumpel ist, und zweitens, weil ich das Konzept von Produzentin und Redaktion großartig fand.

Warum hat Sie beide dieser Film gereizt?
Wir wollten trotz des brisanten Themas keinen langweiligen Lehrfilm mit erhobenem Zeigefinger, sondern möglichst spannende Unterhaltung machen – eine große Herausforderung und mutige Entscheidung der ARD. Zusammen mit diversen Autoren, einer fantastischen Produzentin und einer sehr engagierten Redakteurin, die uns erstaunlich viel Freiraum gelassen haben, konnten wir selbst während des Drehs auf Mauritius noch am Buch arbeiten.

Was war Ihnen dabei besonders wichtig?
Die Konflikte zwischen zwei spannenden Charakteren, die exakt dasselbe Ziel haben, aber mit extrem unterschiedlichen Methoden vorgehen: Der eine ist jung und möchte Fridays for Future-mäßig mit dem Kopf durch die Wand, der andere ist als etwas abgeklärter Pragmatiker und Lobbyist auf politischer Ebene aktiv.

Kennen Sie beide Typen aus Erfahrung?
Ja. Und weiß deshalb, dass Lobby-Arbeit, diplomatisches Herumlavieren, Klinkenputzen und Hinternküssen bei Politiker und Industrie-Vertretern absolut nichts für mich wäre. Das ist ein unglaublich wichtiger Job und muss gemacht werden, aber nicht von mir. Ich bin ein Front-Schwein, will im Dschungel gucken, wie sie den Regenwald weg sägen oder auf dem Meer die illegale Fischerei drehen, entspreche also privat viel eher Pit Wagner, der Rolle von Daniel Roesner. Gleichzeitig fand ich es spannend, das zu spielen, was eigentlich am allerwichtigsten wäre: die Politik zu beeinflussen und Spendengelder einzusammeln.

  • Ein Welle bricht.
  • Die Crew des Filmes "Retter der Meere" an der Schiffsreling.

Eine Quintessenz des Films ist, dass der Kampf für Umweltschutz nur als Team funktioniert, zu dem auch drei Wissenschaftler gehören. Entspricht das Ihrer persönlichen Meinung?
Ich kenne beides, und beides kann funktionieren. Jane Goodall war jahrzehntelang eine Einzelkämpferin für Schimpansen und ist weltweit eine der einflussreichsten Umweltschützerinnen. Die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd ist komplett als Team im Einsatz. Ich mache das auch und drehe seit 15 Jahren mit der gleichen wunderbaren Crew meine Dokumentarfilme.

Für „Retter der Meere“ habe ich mit Daniel Roesner zusammengewohnt, nachts am Buch gearbeitet und geprobt. Auch wenn wir uns im Film oft mächtig in die Haare kriegen, in der Realität haben wir jahrelang zusammengewohnt und sind ein bestens eingespieltes Team.

Bei Ihrem Engagement für den Umweltschutz bespielen Sie unterschiedlichste Kanäle. Auf welchen gibt es das meiste Echo – Bücher, Dokumentar- oder Unterhaltungsfilme?
Bei Dokus habe ich manchmal die Befürchtung, dass hauptsächlich die Leute gucken, die sich sowieso schon für diese Themen interessieren. Ich finde es fantastisch, wenn man es schafft, relevante Inhalte in einem spannenden, intelligenten Unterhaltungsfilm zu transportieren.

Die angelsächsische Filmkultur ist der deutschen da voraus: Mein Vorbild ist „Blood Diamonds“ mit Leonardo diCaprio. Nach diesem Film denkt man anders darüber nach, wo unsere Diamanten und Edelsteine herkommen. Ein weiteres Beispiel ist „Erin Brokovich“, in dem die komödiantisch unfassbar begabte Julia Roberts einen hochbrisanten Chemieskandal aufdeckt.

Sind Schauspielerei und Umwelt-Engagement gleichwertige Standbeine für Sie?
Schauspielen ist und bleibt mein Beruf, und er macht mir immer noch riesigen Spaß. Zwischen den Drehs mache ich die Dokus, das ist sozusagen meine Freizeitgestaltung.

Gab es dafür eine Initialzündung?
Irgendwann in den 70ern war auf einem Titelfoto in der Zeitung, die meine Eltern abonniert hatten, ein kleines Greenpeace-Schlauchboot abgebildet, das gegen einen gigantischen japanischen Wal-Trawler anfuhr. Diese Aktion kleiner Umweltkrieger fand ich total cool, bin Greenpeace-Mitglied geworden und habe angefangen, mich zu informieren. Seit Mitte der Nuller-Jahre drehe ich Dokumentarfilme.

Gibt diese Aufgabe Ihrem Leben einen Sinn?
Viele Leute haben, nachdem sie unsere Dokus gesehen haben, Umwelt-Petitionen unterschrieben und erstaunlich viel Geld für Umweltprojekte gespendet. Das macht mich richtig glücklich und stolz. Auf diese Weise etwas zu bewegen, gibt meinem Leben und meiner Arbeit einen Sinn. Nebenbei macht es höllischen Spaß, ich bin jetzt seit 15 Jahren mit der tollsten Doku-Crew der Welt unterwegs und drehe erfolgreiche Filme.

Kann man von Spaß reden, wenn Sie sich mit ernsten Umweltschutz-Themen beschäftigt?
Ja. Wochenlang in der Wildnis und Natur unterwegs zu sein, in der Serengeti Elefanten, Löwen, Nashörner zu filmen, ist atemberaubend – auch wenn ich weiß, dass die Tiere und ihre Habitate verschwinden. Auf dem Meer unterwegs zu sein und bedrohte Haie und Wale zu filmen, war genauso faszinierend. Wichtige Themen zu bebildern und in die Köpfe der Zuschauer zu bringen, macht nicht nur Freude und Sinn, es ist ein großes Abenteuer und entspricht meiner Vorstellung von einem aufregenden, wilden Leben.

Sie haben aber auch schon einen Werbespot für die Firma Frosch gemacht, die das Thema Plastikflut mit Witz angeht. War das Ihre Idee?
Ich wurde von Frosch gefragt, ob ich Lust auf eine Kooperation für Anti-Plastik-Kampagnen hätte. Meine Bedingung war, dass wir mal was ganz anderes ausprobieren, uns von der sonst üblichen Humorlosigkeit des Umweltthemas entfernen.

Frosch hat sich darauf eingelassen, und ich habe 2018 den ersten Satire-Spot geschrieben. Der ist derartig durch die Decke gegangen, dass gleich der Auftrag für den zweiten kam, der noch erfolgreicher war. Jetzt bereiten wir gerade den dritten vor. Insgesamt über 20 Millionen Klicks zeigen, dass es ein Bedürfnis gibt, das Thema endlich mal mit Witz und Sex-Appeal zu bearbeiten.

Gibt es heute für Umweltthemen ein anderes Bewusstsein als früher?
Beim Endverbraucher würde ich die Frage sofort mit „Ja“ beantworten. Dank Fridays for Future und vielen anderen Umwelt-Organisationen ist das Thema in den meisten Ländern quer durch alle Generationen in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Anders ist die Lage bei Politikern und Rendite-getriebenen, multinationalen Großkonzernen. Die agieren weiterhin viel zu träge, kurzsichtig, verantwortungslos.

Ein Schwarm Fische unter Wasser.

Haben Sie insgesamt das Gefühl, dass Ihr Kampf Früchte trägt?
Am Anfang wurde ich von den Medien regelmäßig geschlachtet, und vor allem die Presse hat sich über mich lustig gemacht und mir Eigen-PR unterstellt. Für die war ich der „Affenversteher“, „Vielflieger gegen den Klimawandel“, „Indiana Jones der Mülltrenner“ oder die „Nervensäge“. Auch die Haltung von Kollegen war anfangs eher feindselig und herablassend.

Mittlerweile sind unsere Dokus so erfolgreich, dass wir ernst genommen werden. Ich habe mich 20 Jahre verschlissen, was meine Energie und Freizeit betrifft, und kann nur hoffen, dass ich ein winziger Baustein einer immer größer werdenden Bewegung bin.

Also hat Sie Einsatz auch viel gekostet?
Der war sowohl gesundheitlich als auch was Schlaflosigkeit betrifft aufreibend – vor allem, weil ich anfangs relativ alleine war und nur wenige Verbündeten hatte: Meine Münchner Doku-Crew und Thomas Bellut, damals Programmdirektor, jetzt Intendant des ZDF. Ohne ihn gäbe es diese Dokus nicht. In ihm und seinen Redakteuren habe ich großartige Unterstützer gefunden.

Was hat das totale Ausbremsen durch die Corona-Krise bei Ihnen ausgelöst?
2020 habe ich außer in einem Frosch-Spot keinen einzigen Tag als Schauspieler gearbeitet, sondern nur unsere Wolfs-Doku fürs ZDF gedreht. Das war die größte Zwangsentschleunigung meines Lebens. Aber mich ans Klavier zu setzen, zu lesen oder Spaziergänge zu machen hat mir auch mal gutgetan. Denn in den letzten 25, 30 Jahren habe ich faktisch durchgearbeitet.

In Zukunft werde ich meine Projekte noch selektiver aussuchen: Ich mache jetzt die Wolfs-Doku fertig, drehe dann „Im Einsatz für die Sau“, einen Film über Massentierhaltung, und werde Filme als Schauspieler nur noch annehmen, wenn die Themen und Drehbücher richtig gut sind, wie zuletzt bei „Retter der Meere“.

„Retter der Meere: Tödliche Strandung“ läuft am Samstag (06.02.21) um 20:15 Uhr und um 01:15 Uhr im ERSTEN. Seit Donnerstag (04.02.21) um 20:15 ist der Film in der ARD Mediathek zu sehen. Wenn viele Zuschauer einschalten und die Quote stimmt, werden nach dem Pilotfilm weitere Episoden produziert.

Fotos: Getty Images/Contributor/Hannes Magerstaedt, iStock, Unsplash/Yan Loughlin, Moviestills: Retter der Meere – Toedliche Strandung, ARD Degeto/Daniel Villiers“ (S2+)

 

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