KENIAS LEUCHTEND LOCKENDE WELT
In der Masai Mara gibt es nichts Dunkles, nur wunderbare Natur und Menschen, die sich um ihren Erhalt kümmern. Ein Besuch in drei Camps der „Great Plains Conservation“ der Wildtierfilmer und -fotografen Beverly und Derek Joubert.
Hier erfahren Sie mehr über
- Das Leben in drei besonderen Camps
- Die Natur der Masai Mara
- Bewundernswerte Menschen und Tiere
Text Hans Christian Meiser

Dr. Hans Christian Meiser ist Philosoph und Publizist, zudem Herausgeber und Chefredakteur von PURPOSE, dem Magazin für Sinnhaftigkeit. Dieses Thema zieht sich durch sein gesamtes Werk.
Ich nenne diesen Beitrag nicht „Afrika – Dunkel lockende Welt“, wie das Buch von Karen Blixen heißt, das mit Meryl Streep, Robert Redford und Klaus Maria Brandauer unter dem oben genannten Titel so grandios verfilmt wurde.
Weshalb? Weil es hier nichts Dunkles gibt, sondern ausschließlich Helles, das verlockt. Zum Kommen, zum Bleiben, zum Wiederkommen; und weil diese Welt der Masai Mara, die nicht nur die dänische Autorin mit ihrem endlosen Horizont verzauberte, so besonders, so einzigartig ist, dass man dieses Wunder jeden Tag von Neuem erleben möchte.

GREAT PLAINS CONSERVATION
Für eine Woche suche ich drei Camps der „Great Plains Conservation“ auf, einer von den Südafrikanern Dereck und Beverly Joubert 2006 gegründeten Vereinigung, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, die rechte Balance zwischen Naturerhalt, den Bedürfnissen der Menschen, die dort leben, und den touristischen Notwendigkeiten zu finden.
Und so gibt es mittlerweile 14 dieser Camps in Kenia, Botswana und Simbabwe, welche genau diesem Dreiklang dienen.
Natürlich handelt es sich nicht um simple Unterkünfte, sondern meist um Zelte, die so gestaltet sind, dass man sich dort eben fühlt wie frühe Afrikaforscher, allerdings dürften sie einst weniger luxuriös ausgestattet gewesen sein.
IM MARA NYIKA CAMP
Das Mara Nyika Camp ist ein solches. Nachdem ich in Nairobi gelandet bin, begebe ich mich zum nationalen Wilson Airport, von wo aus die kleinen Buschmaschinen zu ihren Zielen starten.
Eine 12-sitzige Cessna Caravan Propellermaschine bringt mich in 45 Minuten zu einem Airstrip im Nirgendwo.
Ein sonderbares Gefühl. Eben noch Großstadt, Hektik, Menschenmassen und Lärm, jetzt nur noch Stille, leichter Wind und nicht weit von mir entfernt Antilopen, Zebras und zwei Warzenschweine.
Schon von oben hatte ich die unendlich Weite des Masai Mara Nationalreservats in Ansätzen wahrnehmen können, das sich über 1.510 km² erstreckt. Um zu erahnen, welche Dimension vor einem liegt, muss man z.B. nur die die Entfernung München – Athen im Quadrat nehmen, und schon hat man eine Vorstellung davon, welch unendlicher Naturreichtum hier auf den Besucher wartet.
Das Erstaunlichste: Es gibt keine asphaltierten Wege, keine Straßenschilder und keinen GPS-Empfang – dennoch finden sich die Ranger hier zurecht, sie brauchen die Errungenschaften der Moderne nicht.
Während mich Samson, der mich in den nächste beiden Tagen betreuen wird, in einem überdachten, aber an den Seiten offenen Toyota Land Cruiser zum Nyika Camp bringt, erzählt er mir etwas von dem, was mich gleich erwarten wird, etwa, dass es hier nur drei Zeltsuiten für Paare und zwei für Familien gibt, dass alle Zelte durch Holzstege miteinander verbunden sind, dass im Hauptzelt die Mahlzeiten eingenommen werden und dass der Tagesrhythmus von den Pirschfahrten geprägt ist, von denen die erste um 6.30 Uhr in der Frühe und die zweite um 16:30 Uhr nachmittags stattfindet.
Die am Morgen dauert meist bis 12 Uhr, die andere bis ca 19 Uhr, denn da wird es dann schon dunkel.
LUXURIÖSE AUSSTATTUNG – UND DER WAHRE LUXUS
Noch habe ich keine rechte Vorstellung von dem, was ich gleich sehen werde, aber als es soweit ist, bin ich mehr als überrascht. So luxuriös und großzügig hätte ich mir das Camp nicht vorgestellt. Alles, aber auch wirklich alles, vom Moskitonetz (braucht man eigentlich nicht, sieht aber schick aus) bis zur Dusche, der Kupferbadewanne und selbst das gedimmte Licht erinnert an die Filmausstattung von „Out of Africa“ oder andere Streifen, die in der Kolonialzeit spielen.
Nun hatte diese natürlich ihre Schattenseiten, aber soll man deshalb auf ein solches Interieur verzichten? Dann dürfte man gar nicht hierherkommen. Das Thema begegnet einem ohnedies auf Schritt und Tritt, selbst in der Hauptstadt Nairobi. Auf jeden Fall versteht man recht schnell: Der wahre Luxus ist hier, in der Masai Mara zu finden, denn es gibt Wasser, Weite, Stille, Raum – all das, was der moderne Mensch freiwillig aufgegeben hat, um sich dem Konsum von Unnötigem hinzugeben.
In meinem Zelt mit drei „Zimmern“ (Wohn-, Schlaf- und Badezimmer) finde ich neben einem Fernglas eine professionelle Kameraausrüstung, mit der vertraut zu machen ich aber leider nicht die Zeit habe. Hätte ich sie, würde ich bei meiner Abreise einen USB-Stick erhalten, auf dem meine fotografische „Beute“ zu sehen wäre.
Es muss, denke ich, auch mit dem Handy gehen, und werde gleich bei meiner ersten Pirschfahrt eines Besseren belehrt. Giraffen, Elefanten, Büffel, Rhinozerosse, Krokodile, Paviane, Hyänen, Antilopen etc. sind zwar recht nah, aber wirklich tolle Fotos erhält man nur mit professionellem Equipment.
Dafür stehen ja auch Beverly und Derek Joubert, die seit mehr als 40 Jahren das Tierleben in Afrika professionell filmen und fotografieren (z.B. für National Geographic), aber nicht um der Sensation willen, sondern damit sie das filigrane Wechselspiel zwischen Natur und Mensch sichtbar machen.
Keiner kann sich der Magie dieser Bilder entziehen, und je tiefer er in die Materie eintaucht, umso mehr versteht er, dass er selbst ein Teil dieser Schöpfung ist und möglichst dazu beitragen sollte, sie zu bewahren.

DIE GREAT PLAINS FOUNDATION
Die Jouberts tun dies über ihre Stiftung, die „Great Plains Foundation“, die sich um die Restaurierung des dortigen Ökosystems, die Nahrungsmittelsicherheit für die Bevölkerung, die Wiederaufforstung, die Bezahlung von Lehrern, den Unterricht für geistig behinderte Kinder, den Bau von stabilen Brücken (in der Regenzeit werden die oft hölzernen Stege vom Wasser weggespült, so dass eine Fahrt oder ein Schulweg von A nach B nicht mehr möglich ist), die Selbstbestimmung von Frauen und vieles andere mehr kümmert.
Gerade der letzte Punkt ist besonders wichtig, denn da hier ein Mann bis zu fünf Frauen „haben“ und mit jeder von diesen bis zu zehn Kinder zeugen kann, es aber kaum ein öffentliches Schulsystem gibt (und wenn doch, ist es unterfinanziert), und es für die Mädchen und junge Frauen keine beruflichen Chancen gibt, versucht die Stiftung zu wirken, indem sie sie lehrt, Schmuck, Seife und Honig herzustellen – Dinge also, die dann wiederum an die Touristen verkauft werden.
Außer durch Spenden finanziert sich die Stiftung durch eine „Conservation & Community“-Abgabe, die bei der Buchung und Bezahlung der Reise fällig wird – $ 100 pro Nacht und Person.
Sinnvoller kann man sein Geld sicher nicht ausgeben.

BIG FOUR AN EINEM EINZIGEN TAG
Im Nyika Camp treffe ich bei den Ausfahrten an einem einzigen Tag zwar nicht die Big Five (Löwe, Elefant, Büffel, Leopard, Rhino), aber immerhin Big Four – das Rhinozeros lebt in einem anderen Teil der Conservation, dennoch gibt es die Chance, ihm zu begegnen, wie mir Gäste versichern.
Das Erstaunliche ist: Kaum hat man die eine Spezies bewundert, trifft man „um die Ecke“ schon auf die nächste, so dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt. Hier baden Happy Hippos, dort, nur zwei Meter entfernt schläft ein Löwe, hier verfrühstückt eine Geparden-Mama mit ihrem Jungen eine kleine Antilope, während Geier und Hyänen in der Nähe auf die Überbleibsel warten.
Ich entwickle eine Ehrfurcht vor der Natur, und erlebe das Gefühl, das ich bei den Safaris, die ich bislang unternehmen durfte, immer hatte, erneut: Ich bin im reinen Sein, im Jetzt, in purer Gegenwart. Es gibt kein Gestern und kein Morgen, nur das Hier und Heute.
Als mich Samson dann noch zu einer Lichtung fährt, in der ein Frühstück mit Müsli, Eierspeisen, Toast, frischen Säften und Kaffee für mich aufgebaut ist, weiß ich, wie es sich anfühlt, in der Wildnis umsorgt zu werden. Es ähnelt ein wenig der Pause in der Oper, in der man das eben Erlebte „verdaut“ und sich für den nächsten Akt stärkt.
MARA EXPEDITION CAMP
Dieser Akt beginnt für mich am nächsten Tag im „Mara Expedition Camp“, das ebenfalls zum Imperium der Jouberts gehört und seinen Namen zu Recht trägt. Denn es besteht aus fünf Zelten, die nicht unbedingt so luxuriös eingerichtet sind wie die im Nyika Camp, dafür kann man sich aber fühlen wie einer der frühen europäischen Forscher, welche die Geheimnisse Afrikas entdecken wollten, David Livingston z.B..
Die Illusion ist perfekt, selbst einen Plungepool gibt es hier, er ist allerdings auf dem Dach eines großen Trucks angebracht, der für diesen Zweck eine neue Funktion gefunden hat.
Alles wirkt enorm authentisch, auch mein Guide Alex, der Biologie studiert und hier nun eine Anstellung als Ranger gefunden hat, was ihm offenkundig Spaß macht. Ohne ihn wären meine Biologiekenntnisse rudimentär geblieben, jetzt aber verstehe ich das Was, Wann, Wie und Warum jenes Tierlebens, das ich bewundern darf, z.B. bei einem Frühstück am Mara River.
Am gegenüberliegenden Ufer sonnt sich ein Krokodil, daneben meditiert ein Storch und im Fluss lässt es sich eine Gruppe von Hippos gut gehen. Ob das für sie nicht gefährlich sei, möchte ich von Alex wissen, doch er klärt mich auf, dass sich Krokodile und Hippos respektieren und nicht gegenseitig angreifen.
Alles hat hier seine natürliche Ordnung und solange der Mensch nicht eingreift, wird dies auch so bleiben.
Am Abend darf ich noch eine Party singender Köche miterleben, welche die Küche des Camps als Showbühne nutzen und die Gäste mit Tänzen und afrikanischen Gesängen („Hakuna Matata“) unterhalten.
Ohne Security kann man in der Nacht übrigens nicht zu seinem Zelt zurückkehren. Ich werde von einem mit einem Speer bewaffneten Masai-Krieger begleitet, denn da die Camps mitten in der Wildnis liegen und nicht umzäunt sind, könnte es geschehen, dass …
Und tatsächlich hört man in der Nacht die Stimmen vieler nachaktiven Tiere, und ist froh, ihnen jetzt nicht zu begegnen … Na dann, „la la salama“, wie es hier heißt, „gute Nacht!“
IM MARA TOTO TREE CAMP
Einen Tag später bin ich im Mara Toto Tree Camp, dem bislang neuesten Camp der Jouberts, Ein echtes, in den Baumbestand gebautes Schmuckstück, nur vier Zelte, ein jedes mit ca. 100 m² Wohnfläche, riesigem Bad – auch hier mit kupferner Badewanne -, Veranda, Wohn- und Schlafzimmer.
Die Wände zieren, wie in allen Camps, Wildtierfotos von Beverly, auf dem Couchtisch liegen zwei ihrer Bücher. Überall entdeckt man kleine, feine Details, wie z.B. den beweglichen Specht aus Eisen, mit dem man an der Türe klopft.
Ich trete auf die Terrasse und kann es kaum fassen, dass fünf Meter unter und zehn Meter vor mir, auf einer Sandbank des Ntikitiak Flusses, der sich hier vorbeischlängelt, ein riesiges Krokodil die Sonne anbetet. Angst verspüre ich keine, Ehrfurcht vor der Natur indes schon.
Zudem habe ich von Edward, so heiß mein Ranger hier, gelernt, dass man keine Angst vor den Wildtieren haben muss, solange man ihnen ihr Territorium nicht streitig macht und sie nicht in Situationen bringt, die sie als Gefahr wahrnehmen.

AM LAGERFEUER MIT DEN TIERFILMERN BEVERLY UND DEREK
Nach der Nachmittagssafari treffe ich am Lagerfeuer Derek und Beverly. Es wird ein langer Abend bei bestem Essen, das vom riesig großen Timothy zubereitet und vom smarten Joel serviert wird.
Als es zu regnen beginnt, verlassen wir das Lagerfeuer und begeben uns ins Zelt, wobei man eigentlich das Gefühl hat, in einem Haus zu sein, so genial sind die Camps gebaut. Wir sprechen über die Foundation, über Beverly und Dereks Werdegang, über die Zukunft dessen, was sie hier einst begonnen haben.
Eines ist sicher: Ihr einzigartiges Werk muss und wird weitergehen. Denn selten haben zwei Künstler den Mut und die Mittel gehabt, etwas so Nachhaltiges zu errichten, an dem viele Menschen partizipieren können. Was die einen dafür geben, erhalten die anderen, so will es der Kreislauf des Win-Win-Prinzips.
Am Ende stehen alle als Gewinner da, die Gründer, deren Gäste, die Mitarbeiter, die Tiere, die Natur, der Planet.
In dieser Nacht höre ich ein Hippo den Fluss entlang stapfen, Paviane, die allgegenwärtig sind, vernehme ich ebenso, und Löwen – immer wieder Löwen. Das Konzert der Nacht hat seinen eigenen Rhythmus und die Orchestermitglieder spielen das, was ihnen gefällt. Und dennoch: Alles folgt bestimmten Regeln und Gesetzen, doch die sind nicht menschengemacht …
„I LOVE YOU“
Bei der Rückfahrt zum Olkiombo Airstrip (ein Wunder, wie Edward ihn in dieser Endlosigkeit ohne Straßen finden kann) kommen wir an einer kleinen Stallung mit Kühen vorbei. Ein etwa fünfjähriges Kind sieht uns, läuft uns nach, winkt mit den Händen und ruft: „I love you.“
Ja, wir lieben Dich auch und die gesamte Masai Mara, jene leuchtend lockende Welt im Herzen Kenias, die nicht nur Karen Blixen, Derek und Beverly Joubert und mich verzaubert hat und immer verzaubern wird.
Great Plains
Great Plains ist eine authentische Tourismusorganisation, die 2006 von Dereck und Beverly Joubert gegründet wurde und von ihnen geleitet wird. Das Unternehmen besteht aus vierzehn renommierten eigenen und Partner-Safari-Anlagen in Botswana, Kenia und Simbabwe. Great Plains bietet außergewöhnliche Safarierlebnisse, die auf maßgeschneiderten, fürsorglichen, sinnvollen und rücksichtsvollen Werten basieren.
Mehr Informationen: www.greatplainsconservation.com
BUCHTIPP: DER BILDBAND MIT TOLLEN WILDLIFE-FOTOS VON BEVERLY JOUBERT

Der große Bildband von Great Plains präsentiert Fotografie von der National Geographic-Fotografin Beverly Joubert und wurde von Dereck Joubert geschrieben. Es ist eine bewegende Retrospektive, die die 40-jährige Odyssee des Ehepaars durch Kenia, Botswana, Simbabwe und Tansania dokumentiert.
Fotos: Beverly Joubert/National Geographic, Great Plains, Privat


