Ein Mikrofon.

Umdenken steht an!

Ellis Huber ist davon überzeugt, dass mit einer durch Rohrstockpolitik erzeugten Angst in Zeiten der Pandemie wenig zu erreichen ist und setzt auf Dialoge für mehr gesellschaftliche Resilienz.

Schwarz-Weiß-Portrait von Dr. Ellis Huber.

Dr. Ellis Huber war viele Jahre Präsident der Ärztekammer Berlin und ist seit 1994 Vorstandmitglied des PARITÄTISCHEN, LV, Berlin e.V.. Gesundheitspolitische Stationen prägen seinen dem ganzheitlichen Wohl des Menschen verpflichteten Weg.

Der Umgang mit den Gefahren von Pandemien gelingt dann am besten, wenn die einzelnen Menschen individuell wie kollektiv ihre Verhaltensweisen entsprechend ausrichten und selbstwirksam handeln können. Diese Kultur der selbstständigen Verantwortlichkeit erfordert Wissen, Handlungskompetenzen und gegenseitige Rücksichtnahme. Autoritäre oder demonstrative Staatsgewalt erscheint ebenso unsinnig wie die aggressive Ignoranz der Sorglosen.

Rohrstockpolitik ist weltfremd

Mit Angst, Strenge oder Schuldzuweisungen gelingt es nicht, die richtigen Verhaltensweisen zu erzwingen. Unzufriedene Jugendliche werden mit Bevormundung nicht erreicht und die Methoden einer Rohrstockpolitik sind so weltfremd wie die der alten Rohrstockpädagogik.

Journalisten sollten auch aufhören, Politikern Fehler vorzuwerfen und sie vorführen zu wollen. Auch die Medien müssen Lernen zulassen und Unsicherheiten ertragen lernen. Politikerinnen und Politiker, die Unsicherheiten zugeben und zu ihrer begrenzten Handlungsmacht stehen, sind ein besonderer demokratischer Wertfaktor.

Das Virus wirkt entlarvend

Das Virus ist spürbar politisch und wird auch politisch funktionalisiert: es entlarvt individuelle Selbstgerechtigkeit und Hilflosigkeit ebenso wie soziale Verwahrlosung und egoistisches Gebaren. Die Mächtigen und Reichen werden genauso in Frage gestellt, wie die Ohnmächtigen und Armen besonders betroffen sind. Unsere Welt steht politisch, wirtschaftlich und moralisch vor einem grundlegenden Wandel.

Die Natur antwortet gegen die eigene Bedrohung gerne mit einer Seuche: Sie fordert damit auf, dass sich die Gesellschaften neu ausrichten müssen.

Die Corona Pandemie stellt unsere Lebensweise auf den Prüfstand. Die Menschen spüren und wissen, dass die Zerstörung der Natur und der Lebensräume in den Abgrund führt. Eine grundlegende Neuorientierung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft wird weltweit schon länger von jungen Menschen eingefordert. Sie wünschen sich Solidarität der älteren Bevölkerung mit den ökologischen Zukunftsperspektiven der jungen Generation.
Vertreibung und Flucht, Hunger und Elend, Machtwahn und Geldgier oder mörderische Kriege werden nicht vom Corona Virus gemacht.

  • Zahnräder greifen ineinander.
  • Schriftzug "Change" aus Neonleuchten.

Globale Initiativen für nachhaltige Entwicklung

Global Citizen nennt sich eine globale Bürgerinnen- und Bürgerinitiative, die sich weltweit für Bildung, Umweltschutz, Gesundheit, sauberes Wasser und sozialhygienische Versorgungsstrukturen einsetzt.

Die Verwirklichung aller 17 Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) sind das umfassende Anliegen der weltweiten Vereinigung.

Die „Fridays for Future“ Bewegung bewegt die Jugend weltweit ebenso. Vier junge Frauen, Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Anuna de Wever und Adélaíde Charlier schrieben im Juli 2020 einen Brief an die Regierungschefs der EU und forderten ein neues Wirtschaftssystem. 125.000 Menschen, darunter viele Prominente, unterzeichneten das Schreiben.

Über 26.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterstützen erklärtermaßen die Ziele der Jugendbewegung auf Grundlage gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse: „Die derzeitigen Maßnahmen zum Klima-, Arten-, Wald-, Meeres- und Bodenschutz reichen bei weitem nicht aus.“

Der Papst wagt zu träumen

Papst Franziskus fordert in der aktuellen Enzyklika „Fratelli tutti“ eine radikale wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Wende als Antwort auf die Corona-Krise. Die Pandemie fordere gemeinsames Handeln und den kollektiven Willen für ein Verhalten, das mit der Natur und den Menschen würdig umgeht. „Wage zu träumen“ ermuntert sein aktueller Buchtitel.

Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V. (KLUG), ist ein wachsendes Netzwerk von Personen, Organisationen und Verbänden aus dem Gesundheitswesen, das den Klimaschutz als Teil der beruflichen Verantwortung versteht und aktiv im Gesundheitswesen umsetzt. Ärztinnen und Ärzte übernehmen Führungsverantwortung für die sozialökologische Transformation der Gesellschaft.

KLUG und das von KLUG getragene Aktionsforum Health for Future treibt den Wandel im Gesundheitswesen voran.

Leben mit der Gefahr

Viele Menschen engagieren sich so für die Einsicht in das Notwendige und die Veränderungen im weltweiten Zusammenleben. Das gibt auch Hoffnung und Zuversicht in den Irren und Wirren der Verhältnisse, die durch Corona in Bewegung gekommen sind. Jetzt geht es um eine nüchterne und ehrliche Bestandsaufnahme und um die Entwicklung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft so, dass das Überleben aller Menschen auf dieser Erde gesichert und die Sterblichkeit als ein Teil des Lebens verstanden und angenommen wird.

Das Corona Virus mit einem Krieg besiegen zu wollen, ist Illusion. Wir müssen mit seinen Gefahren leben und mit seinen Todesfällen wie bei anderen Krankheitserregern auch umgehen lernen. Wenn eine wirksame Impfstrategie umgesetzt werden kann, wird das leichter. Die Impfung ersetzt aber nicht die Anpassung des alltäglichen Lebens an die Existenz neuer Bedrohungen durch Viren, Bakterien und andere Krankheitserreger.

Graffiti eines Paares, das sich mit Mund-Nasen-Schutz küsst.

Ein Weckruf für die freie Welt

Das Corona Virus wirkt als „Weckruf an die Menschheit“ und fordert eine Wirtschaft und Politik ein, die mit Menschen und der Natur achtsam umgeht und Ehrfurcht vor dem Leben zeigt. Corona sei „eine Prüfung unserer Menschlichkeit“, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Europa könnte Zeichen setzen und die Herausforderung anpacken. Die Gesundheitswirtschaft muss dabei die Wunden heilen, die ein entfesselter Turbokapitalismus schlägt und die Gesundheitswesen sind der Schlüssel für eine wirklich bessere Welt. Die Gesundheitswirtschaft muss gegenüber rücksichtslosen Kapitalinteressen immun werden.

Politik für mehr gesellschaftliche Resilienz

Die Corona Krise stellt angesichts der Klima Krise, der gesellschaftlichen Spaltungen, der Armutskrankheiten, von Hunger und Elend oder von Kriegen und Flüchtlingsproblemen eine überschaubare Herausforderung dar. Die Pandemie ist schlimm, aber nicht die schlimmste Bedrohung für Gesundheit und Leben in unserer Gegenwart und Zukunft. Das allgemeine Sterben wird durch Corona tatsächlich wenig verändert.

Die Einordnung der Corona Zahlen vermittelt uns eine realistische Wahrnehmung der Gefahren und hilft gegen Panik und Mutlosigkeit gleichermaßen. Die politischen Reaktionen mit Ordnung, strengen Regeln, Zucht und Strafe oder mit aggressiver, trotziger und selbstgerechter Demonstration gegen die Maßnahmen setzen jeweils falsche Signale und zerreißen die Gesellschaft. Das macht auch die individuellen wie sozialen Immunsysteme schwach. Die gesellschaftliche Resilienz braucht eine Politik des Dialoges und der Integration pluralistischer Positionen.

Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit

Das Buch „Gute Ökonomie für harte Zeiten“ erhielt den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2020. Die beiden Träger des Wirtschaftsnobelpreises 2019, Esther Duflo und Abhijit V. Banerjee berichten, dass sich Unternehmen ökologisch korrekt, sozial verantwortungsbewusst und mit einem guten Managementstil neu ausrichten.

Die „ESG-Kriterien“ (Environmental, Social and Corporate Governance) helfen bei der Bekämpfung von Armut und sozialer Ungleichheit und zeigen Respekt vor der Natur (Duflo und Banerjee 2020). In einem Interview sagt Banerjee: „Wir hoffen, wenn auch weniger als früher, dass uns dieser Moment der Pandemie dabei hilft, zu verstehen, wie alle Dinge voneinander abhängen. Vielleicht kommt das nächste Virus aus den USA, aber es wird auch Europa treffen, Australien und Indien und andere. Die Gründe dafür liegen in der Umwelt.

Wir müssen uns darüber klar sein, dass wir ein gemeinsames Schicksal haben in dieser sehr fragilen Welt. Das wird hoffentlich unsere Art verändern, über Politik zu denken. Wir hoffen, Europa übernimmt dabei die Führung.“

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