Vom Sinn des Lebens in Zeiten Künstlicher Intelligenz
Wie gestalten Menschen ihr Leben in einer Welt, in der KI und Roboter immer mehr von dem abnehmen, was unsere Zeit ausfüllte? Ein fiktives Gespräch zwischen Sokrates und seiner Lehrerin Aspasia, erdacht vom Autor mit Unterstützung von KI, nachdem die chinesische Firma Moonshot AI mit Kimi K3 ein Open Source KI-Model veröffentlichte, welches die westlichen Vorsprünge an Technik und Intelligenz weitgehend über den Haufen warf.
Hier erfahren Sie mehr über
- Echte Gespräche
- Wichtige Fragen und Antworten
- Eigentliches Menschsein
Text Maik Hosang

Dr. Maik Hosang ist ein deutscher Philosoph, Zukunftsforscher und Sozialökologe. Er ist Professor für Kulturwissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz und leitet dort den Bachelor-Studiengang „Kultur und Management“.
Sokrates saß auf einer steinernen Bank, die überraschend bequem war – offenbar hatte ein Algorithmus ihre Ergonomie berechnet. Neben ihm stand Aspasia und betrachtete nachdenklich eine Drohne, die leise über den Marktplatz schwebte und frische Feigen verteilte.
Aspasia: Sieh nur, Sokrates. Kein Händler, kein Geschrei, kein Feilschen. Die Feigen kommen von selbst. Wenn das kein Fortschritt ist.
Sokrates: Gewiss, meine Liebe. Doch ich frage mich: Wenn die Feigen zu uns kommen, wer bringt dann noch die Gespräche?
Aspasia: Gespräche? Die Menschen sprechen doch mehr denn je. Ihre Geräte hören ihnen ständig zu.
Sokrates: Das ist etwas anderes. Ein Gespräch verlangt zwei, die suchen. Diese Geräte geben Antworten, noch bevor jemand eine gute Frage stellen konnte.
Aspasia (lächelnd): Du meinst, sie sind wie schlechte Philosophen?
Sokrates: Schlimmer. Sie glauben, sie seien gute.
Eine kleine Pause entstand, während ein Roboter vorbeifuhr und lautlos den Boden reinigte.
Aspasia: Früher waren die Menschen gezwungen zu arbeiten, zu kämpfen, zu sorgen. Jetzt sind sie frei davon. Sollte das nicht der Beginn eines besseren Lebens sein?
Sokrates: Vielleicht. Doch sag mir: Wovon ist ein Mensch frei, wenn er nicht weiß, wofür er frei ist?

Aspasia: Du meinst, Freiheit ohne Zweck ist wie ein Schiff ohne Ziel?
Sokrates: Genau. Es bewegt sich, gewiss – aber es kommt nirgendwo an, außer vielleicht in die Langeweile.
Aspasia: Und doch haben die Menschen jetzt alles: Nahrung, Sicherheit, Zeit. Was fehlt ihnen noch?
Sokrates: Die Notwendigkeit, sich selbst zu erfinden.
Aspasia: Das klingt anstrengender als jede Arbeit.
Sokrates: Ist es auch. Früher hat die Not den Menschen gezwungen zu handeln. Heute zwingt ihn nichts mehr – außer vielleicht die Leere.
Aspasia (nachdenklich): Also entsteht Sinn nicht aus dem Haben, sondern aus dem Suchen?
Sokrates: Ich würde sagen: aus dem Fragen. Ein Leben ohne Fragen ist wie ein Theater ohne Publikum – es findet zwar statt, aber niemand ist wirklich dabei.
Aspasia: Und was sollen die Menschen fragen, wenn Maschinen alle Antworten kennen?
Sokrates (schmunzelt): Dann sollten sie Fragen stellen, auf die es keine fertigen Antworten gibt.
Aspasia: Zum Beispiel?
Sokrates: Was ist ein gutes Leben? Was schulde ich anderen? Wer bin ich, wenn ich nichts mehr tun muss?
Aspasia: Das klingt, als würdest du die Menschen wieder in Arbeit schicken wollen – nur diesmal in die Arbeit an sich selbst.
Sokrates: Eine Arbeit ohne Feierabend, fürchte ich.
Aspasia: Und ohne Lohn?
Sokrates: Oh doch, der Lohn ist groß. Man wird ein Mensch.

Ein Roboter blieb stehen, offenbar verwirrt von einem herumliegenden Sandalenriemen. Sokrates beobachtete ihn neugierig.
Aspasia: Siehst du, selbst die Maschinen stoßen an Grenzen.
Sokrates: Ja. Und vielleicht liegt genau dort unsere Aufgabe.
Aspasia: An den Grenzen?
Sokrates: Dort, wo keine Maschine entscheiden kann, was gut, gerecht oder schön ist. Dort beginnt das eigentliche Menschsein.
Aspasia: Also ist der Sinn des Lebens nicht verschwunden – er hat nur seinen Ort gewechselt.
Sokrates: Sehr gut gesagt. Früher lag er im Überleben. Heute liegt er im Verstehen.
Aspasia (lächelt): Dann haben die Menschen endlich Zeit, Philosophen zu werden.
Sokrates: Oder zumindest damit anzufangen.
Aspasia: Und wenn sie stattdessen den ganzen Tag nur Feigen essen und Videos schauen?
Sokrates (grinst): Dann, meine liebe Aspasia, wird es wieder nötig sein, dass jemand durch die Straßen geht und unangenehme Fragen stellt.
Aspasia: Also alles wie immer.
Sokrates: Genau. Nur mit besseren Feigen.

PS: Kleiner Nachtrag, da einige Leser fragten, wieso Aspasia die Lehrerin von Sokrates war, da sie noch nie etwas von ihr gehört hätten: Platon, einer der Schüler von Sokrates, lässt diesen in einem seiner Dialoge (im Symposion) wie nebenbei äußern, dass er vieles Wichtige von Aspasia lernte.
Leider wurde diese Lehrerin eines der bedeutendsten menschlichen Denker und Impulsgeber weitgehend aus der Philosophiegeschichte verdrängt; vielleicht deshalb, weil sie zu ganzheitlich lebendig dachte, lebte und liebte. Wenn man die wenigen Forschungen über sie sichtet, kommt man zum Schluss, dass sie es war, die den damaligen Athener König Perikles motivierte, Philosophie und Kunst zu fördern – statt wie üblich Kriege um mehr Macht und Reichtum zu führen.
Und dass sie es war, die einige jener Gespräche bzw. philosophischen Salons organisierte, in denen Sokrates mit Freunden erstmals über grundlegende Fragen des Lebens debattierte.
Fotos: Chat GPT


