WOZU DIE ANSTRENGUNG?
Warum muss oder soll man im Leben nach etwas streben, wie Schulabschluss, Ausbildung, beruflichen Erfolg, wenn wir doch alle sterben?
Hier erfahren Sie mehr über
- Die Dynamik des Lebens
- Selbstbestimmtes Erleben
- Ein erfülltes Leben
Text MoonHee Fischer

Dr. Moon Hee Fischer, Philosophin und Kolumnistin, verbindet philosophisches Denken und spirituell gelebtes Gewahrsein u.a. in ihrem Buch „Wir erleben mehr, als wir begreifen“. Seit vielen Jahren begleitet sie Menschen in Lebensfragen und -themen in ihrer philosophisch-spirituellen Praxis in München.
Ob belebt oder unbelebt, alles, was wird, vergeht. Die Vergänglichkeit allen Seins macht den Menschen leidend und erfüllt ihn mit Angst und Schrecken.
Viele Menschen versuchen, diesem Schmerz durch Aktivismus zu entrinnen.
Andere wiederum stellen sich tot und leben mit einer angezogenen Handbremse.
Beides führt zu einem Leben, das auf die eine oder andere Weise anstrengend und unbefriedigend ist.
LEBEN FÜR DAS LEBEN
Alles Belebte strebt nach etwas. Leben kann nicht nicht nach etwas streben. In erster Linie strebt Leben danach, zu leben. Weiterhin will es sich fortpflanzen und seine physischen Bedürfnisse stillen. Höhere Lebewesen suchen nach Gemeinschaft und Wohlempfinden. Beim Menschen als Geistwesen kommt noch das Streben nach Sinn und Glück hinzu. Das liegt daran, dass das Universum lebendig ist und nicht tot.
Leben ist ein dynamischer Prozess: Es ist Entfaltung und Wandel. Ohne Wandel und Streben gäbe es nichts.
Das Streben ist die natürliche Energie allen Seins – eine Energie, die nach vorne gerichtet ist. Freigesetzte Energien können nicht wieder zurückgenommen werden. Ausgelaufenes Wasser bekommt man nicht mehr in die Flasche zurück; eine Vase, die zerbrochen ist, wird trotz Kleben eine andere sein; ein Wort, das gesagt wurde, ist gesagt, etc.

DIE ENDLICHKEIT BEFLÜGELT UNS
Das Leben ist eine Anreihung von Veränderungen. Nichts ist von Dauer. Wir können an dieser Unbeständigkeit verzweifeln und mit dem Leben hadern, oder wir erkennen ihre Notwendigkeit, mit all den großartigen Möglichkeiten, die das Leben lebenswerter machen.
Abgesehen davon, dass Leben ohne Wandel nicht möglich ist, ist die Endlichkeit keine Strafe oder ein Fluch. Gerade das Wissen und die Sorge um unser zeitlich begrenztes Dasein beflügelt uns, über Grenzen hinauszugehen.
Wir Menschen schaffen Kulturen und Kunst, machen Erfindungen, betreiben Forschung und Wissenschaften. Weil wir Vorstellungskraft und Reflexionsvermögen besitzen, uns in Beziehung zu unserer Umwelt setzen und kreativ tätig sind, fragen wir nicht nur nach dem Sichtbaren, auch das Unsichtbare interessiert uns.

WAS IST EIN GUTES LEBEN?
Was ist der Sinn des Lebens? Warum bin ich hier? Wonach soll ich streben? Diese Fragen stellen wir uns, weil wir endliche Wesen sind. Wir wollen nicht einfach unsere Zeit zwischen
Leben und Tod absitzen oder uns von unseren Trieben, Instinkten und Ängsten leiten lassen; wir wollen unsere begrenzte Zeit sinnvoll nutzen und ein gutes Leben haben.
Ein gutes Leben ist für uns eins, in dem wir uns entfalten können. Wir alle möchten ein Leben führen, das zu uns passt. Dafür müssen wir jedoch erst einmal wissen, wer oder was wir sind. Das heißt, wir müssen uns (aus)bilden. Indem wir lernen und Erfahrungen machen, erschließt sich mir: Ich bin, weil anderes ist. Gewissen Strukturen zu folgen, auch mal Dinge zu tun, die einem nicht unbedingt liegen, sich Anstrengungen auszusetzen und nicht gleich aufzugeben, lässt uns über uns selbst hinauswachsen und die Welt in einem größeren Licht erscheinen.

WISSEN FÜR FREIHEIT UND ERFÜLLUNG
Die Welt eines Wissenden ist größer als die eines Unwissenden. Bildung und Wissen sind für ein selbstbestimmtes Leben existenziell. Je mehr ich von der Welt und ihrem Wirken weiß, desto freier kann ich mich in ihr bewegen. Aus diesem Grund sind Chancengleichheit und das Recht auf Bildung für eine freie und friedvolle Welt unerlässlich.
Allein ein selbstbestimmtes Leben sieht im Teilen eine Bereicherung und keinen Verlust. Nie können wir Freiheit und Glück erreichen, wenn wir nicht lernen, Versagen und Scheitern auszuhalten. Ob uns das gefällt oder nicht: Das ganze Leben ist eine Ausbildungsstätte, eine Vorbereitung auf den Tod. Alles Lernen, alle Mühen und alle Disziplin dienen zur inneren Stärkung. Wir alle sterben. Die Frage ist nur: wie? Wer werden wir sein, wenn es so weit ist? Werden wir mit Reue und Bedauern sterben oder erfüllt und in Frieden?
Die Antwort wird sich nach dem richten, wonach wir im Leben gestrebt haben. Das, wonach wir im Leben streben, macht uns zu dem Menschen, der wir sind. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard sagte: „Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“
Wir können nicht nicht handeln. Selbst sich des Lebens zu enthalten, ist eine Handlung. Wir können alles infrage stellen und passiv vor uns hindümpeln, oder wir nutzen die Freiheit, zu lernen, vor allem die bedingungslose Hingabe an das Leben, sodass der Tod unserem Leben nichts anhaben kann.
Im PURPOSE-Magazin finden Sie einige Leseproben mit Fragen und MoonHee Fischers Antworten darauf.
Fotos: Unsplash / Vidar Nordli Mathisen, Austin Neill, Alex Shuper, Siora Photography



