ALS UNSERE TOCHTER DIE KITA VERLIEß
Sprachförderung, soziale Kontakte, Erziehung zur Selbstständigkeit: Im Hinblick auf unsere Kinder leben wir in einer Überredungskultur. Man will uns weismachen, frühe Fremdbetreuung sei die ideale Lösung für jede Familie. Doch nicht für jede Kinderseele ist dies der richtige Plan.
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- Kindertagesstätten
- Eingewöhnung
- Trennungsängste
Text Daniela Holsboer

Daniela Holsboer ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Expertin für Digital Detox. Unter ihrem Mädchennamen Daniela Otto veröffentlichte sie zwei Sachbücher zu diesem Thema. Sie setzt sich als Vorstand der Florian Holsboer Foundation für das Thema Mental Health ein.
Eines vorneweg: Dies ist eine persönliche Erfahrungsgeschichte. Ich weiß, wie schwierig die Situation für viele Familien ist; dass viele auf Betreuungsangebote angewiesen sind; dass manche Kinder gerne in Kitas gehen, ja dort aufblühen; dass manche Mütter gerne zuhause wären, es aber nicht können.
Ich habe Respekt vor jeder individuellen Situation und weiß, dass ich in vielerlei Hinsicht privilegiert bin, denn ich hatte immer die Wahl. Dennoch möchte ich diese Geschichte erzählen dürfen.
Denn worum es mir geht, ist genau das: die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse vor allem sensibler Kinder, die, so scheint mir, zu wenig Raum in unserer Familienkultur einnehmen.
KITA FÜR KIND UND KARRIERE
Meine zweieinhalbjährige Tochter war fünf Monate lang in der Kita – und ich bereue es. Zugegeben, ich war nie ein Fan von Kitas. Ich habe nie wirklich die Simpsons angeschaut, doch ich erinnere mich vor vielen, vielen Jahren, als man noch zappte, an eine Szene. Es ging um Starbucks. Die Filialen schossen plötzlich wie Pilze aus dem Boden. Ähnlich empfand ich es mit Kindertagesstätten. Vielleicht trügt meine Wahrnehmung, doch auf einmal waren sie da.
Die neue Lösung für alle modernen Frauen. Die gesellschaftlich bevorzugte Antwort auf die Frage, wie moderne Elternschaft auszusehen habe. Kind und Karriere? Kita macht’s scheinbar möglich. Ich, noch jung und weit davon entfernt, Mutter zu werden, empfand trotzdem ein Störgefühl. Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Bin erst spät in den Kindergarten gekommen. Ich habe mit meinen Geschwistern und den Nachbarskindern gespielt. Meine Mutter war da. Ein schönes, warmes, geborgenes Gefühl, das bis heute trägt.

BESCHÜTZEN, BEHÜTEN, BINDEN…
Dann wurde ich selbst Mutter. Spät, bewusst, voller Dankbarkeit. Das erste Jahr: ein Ankommen im neuen Sein. Ich wollte kaum unsere kleine Welt, unser Nest, verlassen. Die Welt draußen kam mir mit einem Mal rau, unsicher vor. Ich wollte beschützen und behüten. Mehr nicht. Das zweite Jahr: ein langsames Öffnen. Eine Spielgruppe. Spielplatz. Doch immer war ich dabei. Meine Tochter klebte an mir wie eine Briefmarke. Schlimm? Nein. Anstrengend manchmal. Aber schön.
Dann die Frage: Wie geht es weiter? Damit verbunden der Druck: Es kann ja nicht ewig so weitergehen. Braucht das Kind nicht andere Kinder? Muss die Mutter nicht wieder arbeiten? Es ist ein bisschen wie mit dem Stillen: Wer es zu lange tut, erregt Misstrauen. Statt stillst du noch heißt es: Dein Kind geht noch nicht in die Kita?
Mir scheint, zu viel Bindung ist in unserer Gesellschaft befremdlich.
Den Druck spüre ich deutlich. Langsam werden die Kinder in der Spielgruppe weniger, die einen kommen zur Tagesmutter, die anderen in die Kita. Ich spüre einen Stich im Herzen. Traurigkeit. An einem Tag sehe ich während unseres täglichen Spaziergangs eine Kita-Gruppe, dann eine andere Frau mit ihrem Kind. Es sind zwei unterschiedliche Welten. Die eine fühlt sich traurig an. Die andere schön.
Als Mutter habe ich nicht viel Zeit, doch während der wenigen Minuten beim Zähneputzen spielt mir mein TikTok-Algorithmus bezeichnende Clips ein: eine Mutter kocht morgens in ihrer Küche mit ihrer Tochter Tee. Dazu der Text: „My luxury: slow mornings“. Wie sagt man heute so schön? „It resonates“. Denn das ist es, denke ich mir. Liebe. Geborgenheit. Zweisamkeit. Frieden.

VON EINGEWÖHNUNG UND SCHWIERIGEN ABGABEN
Dennoch. Natürlich ist da auch der Stress, die Anstrengung. Meine Tochter ist Einzelkind, keine Großeltern um die Ecke. Schließlich doch die Entscheidung: Ok, wir probieren es. Wir melden sie bei der angeblich besten Kita an, auch das ein Privileg, ich weiß. Erst mit 2 – viel später als alle anderen. Nur halbtags (auch wenn man ganztags zahlen muss), kürzer als alle anderen. Ich versuche, offen zu sein. Vielleicht ist es ja doch gut, wie alle sagen. Wie es heißt.
Wir starten zwei Tage nach ihrem zweiten Geburtstag. Der Empfang ist nett, die Gruppe klein, die Einrichtung schön. Meine Tochter macht erstaunlich gut mit. Ich übersehe: Noch ist alles neu, aufregend, ein Spiel. Sie weint nicht. Dennoch spüre ich in mir eine gewisse Grundnervosität. Wir probieren einen früheren Drop-Off-Slot: Es wuselt in der Garderobe. Ein kleiner Junge brüllt, klammert sich an seine Mutter. Sie gibt ihn dennoch ab. Die Szene empfinde ich als unerträglich. Beim Abholen mittags ist er immer noch da, blass, die Augen vom Weinen verquollen. Manche Kinder sind hier erst ein halbes Jahr alt. Sechs Monate.
Ich sage: Der Slot passt nicht für uns, die Vibes sind zu stressig. Ich bringe sie später. Nach drei Wochen ist die Eingewöhnung offiziell vorbei. Prima, denke ich, war wohl doch nicht so schlimm. Dann, in Woche vier, kurz vor Weihnachten, mein erster Alptraum: Meine Tochter will nicht mehr hin. Sie sagt in aller Deutlichkeit: „Nicht in den Kindergarten“. Ich will sie nicht bringen. Ich bringe sie doch. Denn – sagen das nicht alle? – das ist normal. Das gehört dazu. Da müssen die Kinder durch.
Die Abgabe ist schrecklich, für mich kaum zu ertragen. Die Erzieherin nimmt sie, ich warte draußen, weine. Nach ein paar Minuten kommt das Zeichen: Sie hat sich beruhigt. Okay. Ich bekomme weitere Foto-Updates. Es scheint zu klappen. Dann aber weint sie in der Nacht, schreit „Nein Kindergarten“. Ich kann das nicht mehr. Ich lasse sie zu Hause. Sie wird krank. Weihnachten steht vor der Tür. In der Kita ist Weihnachtsfeier.
„Mitkommen, mitkommen“, sagt meine Tochter. Ich bin froh, dass ich ihr sagen kann, dass ich dabeibleiben werde. Mit mir zusammen fühlt sie sich wohl. Dann die Weihnachtspause. Was bin ich froh.
GUTE ZEITEN, SCHWERE ZEITEN
Im neuen Jahr folgen ein paar gute Monate. Die Abgabe: problemlos. Die Vormittage: für mich daheim entspannt. Vielleicht waren alle meine Sorgen und Vorbehalte umsonst und unbegründet, sogar falsch. Vielleicht stimmt es ja doch und Kitas sind toll. Meine Tochter lernt englische Kinderlieder, erzählt viel von den Erzieherinnen, den anderen Kindern. Sie erlebt viel. Denn klar, ich mache nicht montags Kinderturnen, dienstags Kindertanz, mittwochs Musikunterricht …
Aber dann. Unerwartet wird sie krank, sehr sogar. Atemnot, 40 Grad Fieber, Krankenwagen. Als sie wieder gesund ist, funktioniert nichts mehr. Schon zuhause sagt sie, dass sie nicht in den Kindergarten will. Ich bitte um eine separierte Übergabe – was ermöglicht wird, aber dennoch, wie ich spüre, ungern gesehen wird. „Back to normal“, so die Botschaft, sei jetzt wichtig. Meine Tochter soll funktionieren. Sie weigert sich. Alles in mir sträubt sich. Mein Kind ist kein Gepäckstück. Ich kann sie nicht abgeben wie einen Koffer am Flughafen.
Die Abgabe am nächsten Tag: eine Katastrophe. Mein absoluter Alptraum wird wahr. Ich erlebe eine Urszene, die ich als traumatisch empfinde. Man nimmt mir mein schreiendes Kind aus den Armen. Ich spreche nicht von einem kurzen Trennungsschmerz. Ich spreche von Angst. Ich kann ihre Panik spüren. Ich spüre sie schon auf dem Weg in die Kita. Mir graut. Offensichtlich wie ihr. An diesem Tag hole ich sie früher ab. Am nächsten Tag probiere ich es ein letztes Mal. Sie brüllt. Ich renne zurück in das Zimmer, nehme sie mit. Es war das letzte Mal, dass sie in der Kita war.

WOZU DAS GANZE?
Wir werden zum Gespräch gebeten. Ein freundliches Gespräch, dennoch mit pädagogischen Standardformeln. Die Eltern müssten mit Positivität rangehen. Das Gefühl der Mutter übertrage sich auf das Kind. Ich höre zu. Ich habe längst den Stempel der Mutter, die nicht loslassen kann. Es ist mir egal. Ich werde mein Kind niemals loslassen.
Wir gehen nach Hause. Meine Tochter hat sich verändert. Sie ist stiller, nachdenklicher. Abends vorm Einschlafen legt sich ein Schleier über sie. Sie weint. Immer wieder sagt sie, sie habe Angst vor dem Kindergarten. Sie müsste dort weinen, weil ich nicht da sei. Sie sei unglücklich dort.
Ich sage zu meinem Mann: Wozu das Ganze? Warum tun wir das ihr an? Und uns? Mein Nervensystem ist auf Daueralarm. Ich schlafe schlecht. Ich kann nichts essen.
Ich schreibe der Kita. Wir brauchen Pause. Abstand, dann nochmals eine kleine Eingewöhnung. Das hatte auch unsere Kinderärztin empfohlen. Eine lange Antwort. Viel Pädagogik, die mein Mutterherz nicht beruhigt. Eine lange Pause sei nicht gut, eine erneute Eingewöhnung aus organisatorischen Gründen nicht möglich. Wir kündigen.
Ich bin erleichtert, dennoch vollkommen durcheinander. Haben wir einen Fehler gemacht? Wäre es nicht doch besser, jetzt durchzuhalten? Macht es nicht nur alles noch schlimmer? Wir fahren aufs Land. Unsere Haushälterin holt die Sachen ab. Diese zu sehen – darunter noch süße Basteleien – tut weh. Es gab auch schöne Momente dort, gewiss. Aber dann, ein Blick auf meine Tochter. Ich hätte ihr Vertrauen missbraucht, hätte ich sie dorthin gebracht, wofür sie sich fürchtet. Sie hatte sich mir anvertraut. Und ich nehme sie ernst. Die Sorgen eines kleinen Kindes sind nicht klein. Sie sind enorm.
Je mehr Abstand ich gewinne, desto froher bin ich. Wie konnte ich je an der Entscheidung zweifeln? Langsam kann ich aufatmen. Mein Nervensystem beruhigt sich. Mein Oura Ring attestiert mir einen niedrigeren Ruhepuls. Vor uns liegt der Sommer. Ein Sommer in Freiheit. Ein unbezahlbarer Luxus.

STARKE TRENNUNGSÄNGSTE
Nach dem Kita-Erlebnis entwickelt meine Tochter starke Trennungsängste. Ich kann keine zwei Meter von ihr weggehen. Wir waren schon einmal weiter, viel sogar. Ich nehme sie einfach überallhin und immer mit. Sie ist meine kleine Komplizin.
Ich hätte meiner Tochter gerne diese Erfahrung erspart und will doch an meine Mutter denken, die zu sagen pflegt: „Selten ein Schaden, wo nicht auch ein Nutzen dabei ist.“ Wir hätten sie sonst sicher mit drei in einen Kindergarten gegeben. So haben wir uns dazu entschlossen, sie noch ein ganzes Jahr zuhause zu lassen. Es fühlt sich an wie das Beste, das vor uns liegt. Dankbar und mit dem Wissen, dass dies nicht selbstverständlich ist, nehmen wir das Geschenk dieser Möglichkeit an.
Und so schließe ich diesen Erfahrungsbericht mit einer Erkenntnis: Ein Kind erst mit fast 4 in den Kindergarten? Ich habe gelernt, eine Rebellin zu sein. Niemals, niemals an meiner Intuition als Mutter zu zweifeln. Und mit aller Gewissheit sagen zu können: Die ersten Jahre, sie gehören nicht dem Zeitgeist. Keinem Konzept. Sie gehören uns. Uns als Familie.
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