DIE SYNCHRONIZITÄT VON WERDEN UND VERGEHEN
Manchmal geschieht alles auf einmal: Waschmaschine und Spülmaschine geben den Geist auf, zwei Familienmitglieder sterben fast zeitgleich – Zufall, Pech oder „asynchrone Synchronizität“? Jedenfalls nicht leicht auszuhalten! Die Fähigkeit zum „Ausfühlen“ kann helfen..
Hier erfahren Sie mehr über
- Werden und Vergehen
- Asynchrone Synchronizität
- Einfühlen und Ausfühlen
Text Daniela Holsboer

Daniela Holsboer ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, Autorin und Expertin für Digital Detox. Unter ihrem Mädchennamen Daniela Otto veröffentlichte sie zwei Sachbücher zu diesem Thema. Sie setzt sich als Vorstand der Florian Holsboer Foundation für das Thema Mental Health ein.
Der Begründer der analytischen Psychologie und Freud-Unterstützer Carl Gustav Jung verstand unter Synchronizität ein „akausales Ordnungsprinzip“. Gemeint sind Ereignisse, die zwar nicht ursächlich miteinander verbunden sind, für uns jedoch einen sinnhaften Zusammenhang bilden, weil wir in ihnen ein Muster erkennen.
Natürlich gibt es keinen geheimen Pakt zwischen Haushaltsmaschinen, gemeinsam zu streiken, und vermutlich auch keine Verabredung zwischen der eigenen und der angeheirateten Großmutter, diese Erde kurz nacheinander zu verlassen. Und doch erscheinen uns solche Häufungen oft zu auffällig, um bloßer Zufall zu sein.
Wir Beobachter neigen dazu, Sinn in einzelne Ereignisse zu legen und daraus Geschichten zu formen. Denn genau so entstehen Geschichten: indem wir Geschehnisse kausal miteinander verknüpfen. Aus „Der König stirbt“ und „Die Königin stirbt“ wird: „Erst starb der König, dann starb die Königin vor Kummer.“

Synchronizitätsdissonanz: Die unstimmige Gleichzeitigkeit von Gegensätzlichem
Nun sprach ich jedoch von der Gleichzeitigkeit von Gegensätzlichem. Waschmaschine und Spülmaschine, Oma und Opa oder König und Königin sind einander immerhin ähnlich. So leidig solche Synchronizitäten sein mögen, sie bleiben doch in gewisser Weise harmonisch.
In meinem eigenen kleinen Leben beobachte ich derzeit eine andere Form – eine Synchronizitätsdissonanz. Dinge, die sich im Grunde diametral gegenüberstehen, fallen zusammen, und es fühlt sich so unstimmig an, als würden Sonnenaufgang und Sonnenuntergang gleichzeitig stattfinden.
Ich meine damit das Erblühen meiner kleinen Tochter – und das zeitgleiche Verwelken meiner Eltern. Um hier emotional im Gleichgewicht zu bleiben, bedarf es einer besonderen Übung: der ekpathischen Fähigkeit, also der bewussten Ausleitung von Mitgefühl.
Mehr dazu später.
Im Grunde ist all dies meiner (zumindest relativen) späten Mutterschaft geschuldet. Meine Tochter wurde geboren, als ich Ende dreißig war. Für mich persönlich ein grandioses Alter: Das eigene Leben bereits ein gutes Stück gelebt, eine gewisse Reife erreicht, die Lebensumstände gefestigt, der Kinderwunsch wohlüberlegt. Die Demut vor dem Wunder groß, die Dankbarkeit noch größer. Das Nest sicher und warm.

Die Tochter erblüht, die Eltern verwelken…
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich hadere keine Sekunde damit. Im Gegenteil, ich könnte mir sogar vorstellen, mit Ende vierzig noch einmal Mutter zu werden. Denn wenn mir eines widerstrebt, dann ein jammerndes „Ich bin schon so alt“-Mindset. Nicht mit mir. Klagen bringt niemanden weiter (auch wenn es zuweilen legitim ist, ich weiß).
Ich habe mir einmal geschworen, nicht älter, sondern besser zu werden. Gegen Falten kann man etwas tun, sogar Eizellen lassen sich auf Eis legen. Man muss es nur tun. Ich hadere also nicht mit dem Zeitpunkt meiner Mutterschaft, im Gegenteil, ich liebe ihn. Woran ich nur vorher niemals eine Sekunde verschwendet hatte, war die Tatsache, dass natürlich auch meine eigenen Eltern – einer noch gänzlich vom Longevity-Spleen verschonten Generation angehörend – entsprechend alt sein würden.
Wer mit Mitte zwanzig oder Anfang dreißig Mutter wird, kann häufig auf vitale Großeltern hoffen. Anders bei mir. Hier beginnt ein Schmerz, der die Freude über das neue Leben, das ich erschaffen durfte und nun täglich wachsen sehe, manchmal zu trüben droht. Denn so wie meine Tochter älter wird, so werden es auch meine Eltern. Doch während das Mädchen erblüht, verwelken jene, denen ich selbst entspringe.
Und ich – die Mittelalte – stehe da und weiß bisweilen nicht, wie ich fühlen soll.
Während meine Tochter die Welt mit wachen, neugierigen Augen erobert, erblindet meine Mutter. Während mein Kind nach draußen drängt, zieht sich mein Vater immer weiter zurück. Das, wonach ich mich so lange gesehnt habe – mein kleines Mädchen – fällt zusammen mit dem, wovor ich mich stets gefürchtet habe: dem langsamen Vergehen meiner Eltern. Und während ich nicht umhinkann, die Liebe zu meiner Tochter als allumfassende Empathie zu empfinden, erkenne ich zunehmend: So wie ich mich in sie einfühlen will und kann, so muss ich lernen, mich aus meinen Eltern auch wieder auszufühlen – nicht, um kalt zu werden, sondern um selbst gesund zu bleiben.

Die eigenen Gefühle – und die Emotionen der anderen
Vielleicht sprechen wir in unserer Gesellschaft zu wenig darüber. Diagnosen wie „hochsensibel“, „ADHS“ oder „narzisstisch“ boomen, bleiben jedoch oft nur Lifestyle-Etiketten. Was ich meine, ist etwas anderes: ein vollkommen natürliches emotionales Regulationssystem, das es uns erlaubt, uns von den Gefühlen anderer abzugrenzen, ohne dabei selbst gefühllos zu werden.
Würde ich all die Emotionen, die ich im Zusammenhang mit meinen Eltern erlebe, vollständig in mich aufnehmen, würde mich eine maßlose Trauer überwältigen – eine Trauer, die die Freude über mein eigenes Mutterglück überschattete. Wem wäre damit geholfen?
Ich will meinen Eltern gegenüber weder empathielos noch abgestumpft sein. Ich möchte nur nicht über ihr Unglück selbst unglücklich werden – zumal ich in meinem eigenen Leben gerade so viel Glück empfinde.
Klingt das widersprüchlich?
Denken Sie einmal darüber nach: Wann fühlen Sie Ihre eigenen Gefühle – und wann die der anderen?
Nähe und Distanz, Einfühlen und Ausfühlen
Praktizieren Sie es selbst: das Einfühlen und das Ausfühlen. In der Nähe bleiben und dennoch eine gesunde Distanz wahren. Verbindung halten, ohne sich aufzureiben. Mit dem anderen mitschwingen können – und doch immer wieder auf die eigene Ruhefrequenz zurückfinden. Um es mit einem kindlichen Bild zu vermitteln: Wenn meine Tochter im Schlamm spielt, setze ich sie danach in die Badewanne.
Ein solcher Reinigungsprozess der Gefühle ist erstrebenswert. Man darf sich im Leid suhlen und danach wieder vor hellster Freude erstrahlen. Denn vielleicht ist genau das der Schlüssel, um mit den kleinen und großen Synchronizitäten unseres Lebens zu leben: nicht jedes Gefühl festzuhalten, das an unsere Tür klopft, sondern zu lernen, welche wir in uns wohnen lassen – und welche wir wieder ziehen lassen.
Fotos: Dall-E, iStock, Unsplash / Alex Grodkiewicz, Pawel Czerwinski


