Eine Amour Fou – Das Taschenbergpalais
Das Hotel Taschenbergpalais Kempinski ist nicht nur das erste Fünf-Sterne Hotel Sachsens, es blickt auch auf eine unglaubliche Geschichte zurück: Barocke Gier, blinde Liebe und eine so königliche wie herzerwärmende Auferstehung aus den Kriegsruinen Dresdens.
Hier erfahren Sie mehr über
- Eine verhängnisvolle Affaire
- Die Queens Suite im Taschenbergpalais
- Den tiefen Fall der Gräfin Cosel
Text Gerd Giesler

Gerd Giesler ist Kommunikationsprofi und Inhaber der Agentur Journal International The Home of Content sowie leidenschaftlicher Reporter und Autor, z.B. monatlich für PURPOSE.
Eigentlich sollte es ein Denkmal ihrer Liebe sein. Auf dem Taschenberg, auf dem auch das Residenzschloss steht und der Schutz vor den tückischen Hochwassern der Elbe bot, ließ August der Starke 1705 einen präsidialen Stadtpalast erbauen: das Taschenbergpalais für seine Mätresse Anna Constantia von Cosel.
Dresden ist eine Stadt, die mit diesem Mann, dem Kurfürsten von Sachsen und König von Polen, engstens verwoben ist. Auch das Schicksal der Mätresse von Cosel lag in der Hand dieses Lebemanns, der maßlos in seiner Gier nach Macht und Ruhm zum größten Bauherrn der Stadt avancierte. Letztlich wurde er sogar zum Inbegriff des Barocks schlechthin. Er schuf das spätere Elbflorenz dank erlesenster Architektur.
Und August der Starke war der Liebhaber, dem der Volksmund 120 Affairen neben seiner Ehegattin Eberhardine nachsagte.
DAS TASCHENBERGPALAIS ALS LIEBESNEST
Die Gräfin Cosel hingegen galt als aufreizend hübsch, besaß zudem einen scharfen Verstand, politische Bildung, zeigte sich selbstbewusst und ließ ihn einfach…naja, „zappeln“, was seinen Appetit nur weiter anheizte. In dieser Amour Fou entlockte sie ihm ein schriftliches Eheversprechen für den Fall, dass die Gattin frühzeitig verstarb. August ließ sich blind vor Liebe darauf ein und unterzeichnete das politisch brisante Dokument. Damit hatte sie ihn buchstäblich in der Hand.
Dass sie sich mit dem Taschenbergpalais nicht begnügte, sondern auch in sein Tagesgeschäft einmischte, brachte sie schließlich zu Fall. August der Starke verbannte die Cosel auf Burg Stolpen, wo sie ihr Lebensende im Hausarrest fristete.
So war sie aus der Welt, wie das verhängnisvolle Schreiben, das sie nicht herausrücken wollte.
NOBEL AUFERSTANDEN AUS KRIEGSRUINEN: DAS HOTEL TASCHENBERGPALAIS KEMPINSKI
Lage, Lage, Lage sagen die Immobilienprofis.
Ich kenne kein Stadtpalais, kein Grand Hotel weltweit, das diesem Grundsatz besser gerecht wird, als das „Taschenbergpalais“. Wer mit dem Auto anreist, wird es während des Aufenthalts kaum brauchen. Alle wichtigen Sehenswürdigkeiten der Innenstadt sind in 5 bis 10 Minuten zu Fuß zu erreichen.
Schon der Blick aus meiner Suite im ersten Stock, quasi in Augenhöhe mit der Balustrade des weltberühmten Zwingers und der Residenz, ist wie der Blick in eine Zeitmaschine rückwärts.
Die unmittelbare Nähe zur Residenz hatte für August den Starken jedoch vor allem praktische Gründe. Er konnte seine Geliebte Gräfin von Cosel quasi in Hausschlappen im extra für sie erbauten Liebesnest aufsuchen.
Die Dresdner lieben ihre Stadt und das Zentrum ist heute ein perfekt restauriertes wiederaufgebautes historisches Museum, in dem jede Ritze eine uralte Geschichte erzählt, wenn man nur zuhört. Selbst das Taschenbergpalais war eine Kriegsruine, wie die Frauenkirche auch; es blieb dies fast ein halbes Jahrhundert lang, bevor es 1995 originalgetreu fertiggestellt und als Hotel eröffnet wurde.
Kempinski lässt sich diese Platzhirsch-Magie bezahlen. Die Queens Suite, samt Kings-Flügel neben dem hollywoodreifen historischen Treppenaufgang kostet 12.000 Euro pro Nacht. Geradezu fürstlich, für besondere Anlässe wie eine Promi-Hochzeit.
Ich erinnere mich gerne an rauschende Feste im Haus, wie dem Privatkonzert von US-Opernsängerin Deborah Sasson für den ehemaligen Besitzer der Uhrenmarke Glashütte Original, im Beisein von Georg Prinz zur Lippe, der nach der DDR-Zeit das elterliche Weingut Proschwitz zurückkaufte und heute neben Weinanbau auch Brände von alten Streuobstwiesen destilliert. Seine Weine, zum Teil exklusiv kreierte Cuvées mit den Nummern 18 und 19, sind heute fester Bestandteil des Fisch-und-Austern-Restaurants Kastenmeiers im Taschenbergpalais.

AUGUST DER STARKE, ZUM GLÜCK AUCH EIN HUNDENARR!
Vor zwei Jahren unterzog sich das Hotel einem Facelift, das Innenarchitekt Markus Hilzinger, der schon das Adlon ausstaffierte, mit Fingerspitzengefühl und Mut zu modernen Interpretationen, bis hin zum Einsatz von KI ausführte. Die Geschichte wird neu, aber immer noch königlich erzählt.
Dabei erfüllt mich die Lobby immer wieder und wie immer mit freudiger Erwartung. Ist es das Flair internationaler Gäste, die das Elbflorenz von August dem Starken so lieben, oder sind es die Anspielungen, wie das 30 Meter lange Lampencollier, das wellenförmig den Elbverlauf nachzeichnet, bis hin zu den zwei lebensgroßen Holzfiguren gegenüber der Drehtür? Ein Hollywood-Happy-End von Bildhauer Christian Manss, der die Cosel und August hier wieder vereint.
Aber nein, es ist die Hotelcrew, die nicht nur mich, sondern auch meinen vierbeinigen Freund Tayo so unglaublich warmherzig empfängt. Wie kann sich je ein Hundebesitzer hier fehl am Platze fühlen, wo doch der Kurfürst höchstpersönlich ein wahrer Hundenarr war und stolzer Besitzer von sage und schreibe 209 Hundedamen und -herren. Auf dem Zimmer erwarten Tayo nicht nur Kissen, Napf und Leckerli, sondern auch ein eigener Willkommensbrief mit Gassi-Routenvorschlägen via Augustusbrücke zum Elbufer sowie ein eigenes Hundemenü.

DRESDEN – BALKON EUROPAS
Zur Brühlschen Terrasse, dem „Balkon Europas“ direkt an der Elbe, ist es vom Hotel aus nur einen Steinwurf. Hier ankert die größte und älteste Raddampferflotte der Welt. Eines der historischen Schiffe wird sogar noch mit Kohle befeuert.
Die Stadt hat August dem Starken viel zu verdanken. Unter seiner Regentschaft entstand die Frauenkirche und das Grüne Gewölbe. Diese Schatzkammer Dresden füllte sich mit fürstlicher Pracht. Die Polen waren davon so geblendet, dass sie dem sächsischen Kurfürsten sogar die Königskrone anboten. Und obwohl August rund 100 Jahre vor dem Bau der Semperoper starb, legte er genau an diesem Ort mit dem Großen Opernhaus am Zwinger den Grundstein für den späteren Bau nach den Plänen von Gottfried Semper. Im Nu wurde die Stadt zur Kulturmetropole.

DIE SEMPEROPER – ZWISCHEN KULTUR UND WELTPOLITIK
Zur Semperoper muss man vom Hotel aus nur den Theaterplatz überqueren. Dass hier nicht nur Opern auf die Bühne gebracht, sondern bisweilen auch quasi rein zufällig eine Verbindung zu historischen Momenten geschaffen wurde, zeigte sich ab dem 7. Oktober 1989 – also exakt zum 40. Jahrestag der DDR – als Beethovens einzige Oper „Fidelio“ zur Aufführung kam. Während auf der Bühne, rund einen Monat vor dem Mauerfall, die Befreiung aus politischer Gefangenschaft gefeiert wurde, demonstrierten draußen vor der Tür bereits tausende Menschen für die Freiheit und ein vereintes Deutschland.
Nach Opernschluss füllt sich die Hotelbar 1705 rasch mit Leben, ganz im Stil der Goldenen 20er Jahre. Ambitionierte Signature Cocktails, die coole Barkeeper bühnenreif shaken, sorgen dabei für gute Stimmung. Dass die ehemalige Karl May Bar schon immer ein wichtiger Ankerplatz für Vielreisende war, beweist die Autogramm-Türe im hinteren Barbereich. Gott und die Welt ist hier verewigt. Bekannte Namen wie die von Schauspieler Mario Adorf und Komiker Otto stechen aus dem Signatur-Teppich hervor.
Die verhängnisvolle Affaire zwischen August dem Starken und seiner Mätresse sind mittlerweile zu touristischen Highlights geworden. Aber die Sachsen kolportieren nicht nur ihre Lovestory, sondern nehmen die beiden auch gehörig aufs Korn. Zum Beispiel im Gewölberestaurant Pulverturm, wo die Kellner in historischer Militäruniform, Soljanka, den Eintopf-Klassiker der DDR-Küche zum Bier kredenzen.
Sogar die Tischkerzen in Kanonenkugelform erinnern an die wechselvolle Geschichte der Stadt und die des Taschenbergpalais vom barocken Liebesnest zur Kriegsruine bis hin zum Fünf-Sterne Luxushotel. Nirgendwo sonst ist man als Gast der Geschichte Dresdens näher.
Fotos: Kempinski Dresden/ Das Taschenbergpalais, iStock, Gerd Giesler


