Mann springt von einer Klippe ins Meer.

Lebensrisiken, Lebewesen und gesunde Gesellschaften

Besteht die Hoffnung, dass Corona dabei hilft, des Menschen Gier durch Nachhaltigkeit und Mitmenschlichkeit zu ersetzen? Ellis Huber hat sich mit dieser Frage beschäftigt.

Schwarz-Weiß-Portrait von Dr. Ellis Huber.

Dr. Ellis Huber ist Arzt, Gesundheitspolitiker und seit 2007 Vorstandsvorsitzender des Berufsverbandes der Präventologen e. V.. Er plädiert für eine beziehungsstarke Medizin und Pflege nach der Devise: »Liebe statt Valium«

Drei Themenfelder sind in ihrer weiteren Entwicklung bedeutsam: eine realistische Risikobewertung und Risikokommunikation, eine neue medizinische Antwort auf Pandemien, die auf salutogene Orientierung setzt und die Entwicklung gesunder Gemeinschaften und gesunder Wirtschaftskulturen genauso wichtig nimmt wie den Kampf gegen ein Virus und eine politische Führungskultur, die mit der digitalen Transformation kreative Demokratie unterstützt und subsidiär das Bürgerschaftliche Engagement mit Ressourcen und mit Freiheit fördert.

Das ist Antwortsuche auf die Leitfragen: Was macht Gesunde Gesellschaften aus, wie wollen wir künftig leben und was ist für das Sein wirklich, wirklich wichtig?

Dramen und wahre Herausforderungen

Die Corona Pandemie ist eine kleine Herausforderung angesichts der realen Lebensrisiken der modernen Welt: Klimakatastrophe, Flüchtlingselend, Krieg und Gewaltherrschaft, Armut und Hunger oder die Ausbeutung von Mensch und Natur. Die überbordende Angst vor dem neuartigen Virus ist verständlich, aber nicht realitätsbezogen. Die tägliche Datenflut dramatisiert die Gefahren und produziert Unsicherheiten, wo Gelassenheit nötig wäre.

Die gesellschaftlichen Reaktionen auf das Virus sind der Stoff, mit dem Wissenschaft und Forschung eine Lernende Gesellschaft und ein kreatives politisches Handeln unterstützen sollte. Unter dem Stichwort „Reinventing Politics“ müssen wir ein neues Verhältnis zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft entwickeln. Die Weisheit und Lebenstüchtigkeit eines biologischen Organismus können uns dabei zeigen, wie wir soziale Organismen künftig gestalten sollten.

Die neue Kultur des Überlebens

Es geht um lebensnahe Organisationskulturen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Corona lehrt uns eine neue Kultur des Überlebens und des gelingenden Lebens. Es geht dabei auch um die Chancen der Digitalen Transformation und um eine lebendige Demokratie mit Freiheit und bürgerschaftlicher Autonomie: Selbstorganisation, dienende Führung, Sinn und Werte als Handlungsmaxime sind mögliche Wege.

Das individuelle und das soziale Leben gehören zusammen und gesunde Menschen brauchen auch eine gesunde Erde. Die ganze Erde ist ein lebendiger Organismus, der aus ähnlichen Bestandteilen wie der menschliche Körper aufgebaut und zur Selbstregulation fähig ist. Die Erkenntnisse aus der Gaia-Theorie der Mikrobiologin Lynn Margulis und des Chemikers, Biophysikers und Mediziners James Lovelock sehen vergleichbare Lebensprinzipien, die beim menschlichen oder biologischen Organismus und beim Leben der Erde gültig sind.

  • Ein Schmetterling landet auf dem Finger einer Frau.
  • Kaffeetasse mit der Aufschrift "Begin."

Organisch organisieren lernen

Jetzt sollten auch die sozialen Organisationen, Unternehmen und Betriebe ihre Organisationsweisen an lebendigen Prozessen orientieren. Frederic Laloux beschreibt das in seinem Bestseller „Reinventing Organizations“. Die Metapher für effiziente und effektive Organisationen ist der lebendige Organismus mit all seiner Komplexität in einem komplexen Umfeld.

Diese “organischen” Organisationen besitzen wie der menschliche Leib keine Machthierarchien, kennen keine Organigramme und adaptieren sich eigenständig an die Umwelt. Die grundsätzlichen Neuerungen dieser evolutionären Organisationsform finden sich in den Bereichen Selbstmanagement, Ganzheitlichkeit und sinnstiftende Führungskultur.
Das ist im Kern auch das Ergebnis der Digitalen Transformation: Kooperation statt Rivalität und Konkurrenz. Die künftigen Netzwerke gemeinsamen Handelns regeln ihr Miteinander von unten und ohne Autorität von oben.

Die Aufgabe: Nachhaltigkeit und Menschlichkeit durchsetzen

Die sozialökologischen und politischen Schlussfolgerungen aus der Corona Pandemie sind mehr als ein erfolgreicher Kampf gegen ein Virus. Corona ist das Symptom einer entgleisten Weltwirtschaft und einer nationalistisch popularisierten und selbstgerechten Politik. Machtgebaren und Geldgier stehen zur Diskussion.

Die „Prüfung unserer Menschlichkeit“ kann nur bestanden werden, wenn zwischen Ethik und Profit die Gesundheitswirtschaft als Heilmittel gegen den Wachstumswahn und die geldgesteuerte Habsucht der kapitalistischen Wirtschaftskultur wirken. Die Grundsätze einer Gemeinwohlökonomie und einer Gesunden Marktwirtschaft formulieren dazu eine „realistische Utopie“ oder eine machbare Mission: die Corona Krise als Chance für Verhältnisse, die das individuelle und gesellschaftliche Gesundheitspotential optimal entfalten und für eine Medizin, die der Gesundheit des einzelnen Menschen und der gesamten Gesellschaft wirklich dient.

Ein Mann hängt an einer Mauer.

Soziale Entwicklung ist nötig

Der Sinn des Wirtschaftens in unserer Gesellschaft ist der Nutzen für die Menschen und die Sicherstellung eines guten Lebens. Konsumzwang, Protzereien, Schönheitschirurgie oder Statussymbole machen nicht glücklich. Die Erfüllung sozialer Bedürfnisse und persönlicher Entfaltungsmöglichkeiten sind wichtiger.
Zur Bewältigung der ökologischen Krise brauchen wir also mehr soziale Entwicklungen, nicht nur technische Innovationen. Soziales statt materielles Wachstum, die Orientierung an gesellschaftlichen und menschlichen Werten und keine Vergötterung von Geld und Besitz sind das Ziel.

Das Corona Virus markiert tatsächlich eine Zeitenwende. Die 17 Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals – SDGs) der Vereinten Nationen, die weltweit eine nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Ebene durchsetzen wollen und die allesamt einen Bezug zum Thema Gesundheit haben, formulieren genau, wohin wir alle streben müssen.

Resilienz statt autoritative Politik

Es gibt ein Vorbild für Regierungshandeln, das mit dienender Macht die Menschen regiert. Autoritäre oder autoritative Politik ist der falsche Weg. Die Beteiligung der Menschen, vertrauensbasierte Gesellschaft und lernende Gemeinschaften sind die Alternative. Die finnische Regierung zeigt dies eindrücklich und überzeugend: Finnland setzt auf sozial verantwortliche Bürger und unterstützt sie mit den Maßnahmen, die ihre Resilienz stärken und ihre eigenständige Handlungskompetenz fördern.

Diese Strategie hat im Bildungssystem und den internationalen Vergleichen mit den PISA-Studien der OECD zur Schulleistung ähnliche Erfolge gezeitigt, wie wir sie jetzt bei der Corona Pandemie sehen können. „Die Corona-Krise ist nur ein Glied in einer Reihe von Ereignissen, die sich fortsetzen wird. Sie ist die Chance, endlich aufzuwachen, wenn wir ihre Botschaft richtig lesen“, schreibt der Psychoneuroimmunologe und Psychiater Joachim Bauer in seinem neuesten Buch: „Wir sind aufgerufen, uns in unserer inneren Haltung und mit unserem Verhalten gegenüber der Natur neu aufzustellen.

Die Natur ist für den Menschen nicht nur ein Lebensraum, sie kann ihm als eine gewaltige medizinische und soziale Ressource dienen. Menschliche Gesundheit, gutes menschliches Zusammenleben und die Bewahrung der Natur stehen in einem Dreiecksverhältnis der Gegenseitigkeit. Die Lebensweise jedes Einzelnen ist für die Menschheit als Ganzes von Belang“.

Jetzt die neue Zeit gestalten

Das Virus verändert die Gesellschaft und es gibt kein Zurück zu den alten Zeiten. Jetzt steht an, die neue Zeit zu gestalten und Verhältnisse zu erreichen, die weniger Angst und Panik vor der Endlichkeit und den Existenznöten des Lebens verursachen. Wir müssen entscheiden, ob wir uns weiter vom „Haben“ dominieren lassen oder ob uns das „Sein“ wichtiger ist.
„Die Pandemie hat uns unsere globale Verbundenheit gezeigt“, sagte Angela Merkel bei ihrer Rede auf dem Weltwirtschaftsforum 2021. Der Versuch der dauerhaften Abschottung schlage fehl. Außerdem habe sich die Verwundbarkeit der Menschen gezeigt: Man habe gesehen, dass wir „eingebettet in unsere Umwelt“ leben. Das zeige, dass die Menschheit abhängig bleibe von der Natur.

Die Bundeskanzlerin will offensichtlich in ihrer Lehre aus der Corona Pandemie die Aussage von Albert Einstein beherzigen: „So sehe ich für den Menschen, will er die Zukunft seines Geschlechtes sichern, die einzige Chance darin, dass er zwei ganz einfache Einsichten endlich praktisch beherzigt: dass sein Schicksal mit dem der Mitmenschen in allen Teilen der Erde unlösbar verbunden ist und dass er zur Natur und diese nicht ihm gehört.“

„Ich bin das Leben“

Die Vernunft, sagte Albert Schweitzer unmittelbar nach dem Erleben der Spanischen Grippe vor hundert Jahren, müsse jedem Menschen sagen: „Ich kann nicht anders als Ehrfurcht haben vor allem, was Leben heißt, ich kann nicht anders als mitempfinden mit allem, was Leben heißt. Das ist der Anfang und das Fundament aller Sittlichkeit.“ Der zentrale Satz aus Schweitzers Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben lautet: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“
Es ist eine begründete Hoffnung, dass nach der Corona Pandemie die Ehrfurcht vor dem Leben, Nachhaltigkeit und Mitmenschlichkeit die Gier nach Macht und Geld überwinden hilft

Fotos: iStock, Unsplash / Danielle Macinnes, Austin Neill