Zwei Marmorskulpturen küssen sich

CASANOVA, ZWISCHEN LEIDENSCHAFT UND VERNUNFT

Ein Mann mit Charme und kultivierter Erotik – dafür steht Giacomo Casanova. Er war jedoch viel mehr als Frauenheld und Verführer. Eine genaue Betrachtung.

Hier erfahren Sie mehr über

  • Casanova, den Freimaurer
  • Charme und Leidenschaft
  • Das Leben als Lehrmeister

Text Irmela Neu

Schwarz-Weiß-Bild von Prof. Dr. Irmela Neu.

Prof. Dr. Irmela Neu lehrt Interkulturelle Kommu­nikation in Spanien und Lateinamerika an der Hochschule München für angewandte Wissenschaften (HM), gibt Seminare zur empathischen Kommu­nikation und ist Mitautorin des Buches „Kardiosophie“.

Casanova ist ein typischer Vertreter des 18. Jahrhunderts der „Aufklärung“, an der er lebhaft teilnahm; wie viele Aufklärer war er umfassend gebildet, an Forschungen, auch medizinischen, lebhaft interessiert, ein glänzender Historiker und brillanter Unterhalter und Schriftsteller; manche seiner Werke gelten auch heute noch in Fachkreisen als herausragend, weil er ein präziser Beobachter war und detailgetreu Fakten dokumentierte.

DAS LEBEN IN ALL SEINEN FACETTEN ANNEHMEN UND LIEBEN

Als viel Reisender und sozial glänzend vernetzter Freimaurer hatte er Zugang zu politisch wichtigen Kreisen, war jedoch ebenso von der halbseidenen Unterwelt fasziniert. Seine Gefängnisaufenthalte nutzte er stets für tiefere Erkenntnisse, für Aufzeichnungen und gewagte Fluchtversuche, die immer wieder gelangen. Kurzum, ein Abenteurer durch und durch, der sich dem Leben in all seinen vielschichtigen Angeboten stellte und aus allem und jedem nützliche Erkenntnisse zog.

In Philosophenkreisen drehten sich die Diskussionen zu seiner Zeit um das, was den Menschen eigentlich ausmacht; der Unterschied von Natur und Kultur fand besondere Beachtung, es gab verschiedene Positionen hierzu.

Die Haltung von Casanova war eindeutig: Neben aller Gesellschaftskritik – vor allem an der Vorherrschaft der Kirche – gilt es, das Leben selbst als den größten Lehrmeister anzunehmen und so zu gestalten, dass all die Ideale der Tugenden und Pflichten der Liebe untergeordnet werden. Seine spät verfassten Memoiren legen ein beredtes Zeugnis davon ab, dass er danach gelebt hat.

  • Casanova küsst eine Frau
  • Casanova Freumaurer und Lehrmeister

LEBEN VERLANGT LEIDENSCHAFT

Nur die Liebe zum Leben und zu all seinen Facetten macht das Leben lebenswert, mehr noch: das Leben verlangt Leidenschaft, es verpflichtet dazu! Es gilt, all das anzunehmen, was sich aus der Dynamik der selbst gewählten Schwerpunkte ergibt; dabei spielt auch der nüchterne Verstand eine wichtige Rolle. Die Leidenschaft schafft Freud und Leid, doch überwiegt immer die Liebe; in jämmerlichen Situationen des Lebens, so schreibt Casanova, „wagte mein Herz, sich der Freude zu überlassen“.

Er ließ sich stets vom Leben berühren, von Gefühlen überwältigen, doch als sehr genauer Beobachter ging er eine Wechselbeziehung mit dem analytischen Verstand ein, die ihn immer wieder zur Räson brachte und Auswege finden ließ.

DIE EROTIK DER VERFÜHRUNG IN DER RESONANZ

Er lässt sich vom Leben verführen und wird zum Verführer. Schönheit, Eleganz, spielerische Leichtigkeit, alle Sinnenfreuden, das bringt ihn in Wallung, er gerät „in Glut“. Natürlich ist er insbesondere von den Reizen der Damenwelt angefeuert; es beruht immer auf Gegenseitigkeit. Entweder er erhält direkt eine schriftliche Aufforderung zu einem geheimen Treffen, was ihn Lust verspüren lässt, oder eine direkte Begegnung löst schmachtende Blicke aus, die beidseitiges Herbeisehnen eines erotischen Abenteuers signalisieren.

Es geschieht das, was wir heute als die Anziehungskraft der „Resonanz“ bezeichnen. Wer das erste Signal aussendet, ist nicht immer klar. Natürlich ist Casanova immer auf der Pirsch, doch es sind immer beide daran beteiligt. Er sucht das Abenteuer, das Unmögliche, was den Reiz der Eroberung um ein Vielfaches erhöht. Eine schöne Nonne, die heimliche Treffen arrangiert, dabei einen Liebhaber hat, der von ihrem Abenteuer mit ihm nicht nur weiß, sondern es auch billigt und ihm heimlich beiwohnt, was sie ihm gesteht…, Besuche inkognito und Vieles mehr stacheln ihn an.

Geduld, Mut, Ehrgefühl und Würde sollen bei seinen amourösen Abenteuern walten, damit sie zur Freude gereichen.

Porträt von Giacomo Casanova

DAS EROTISCHE SPIEL

Der Mensch ist in Gefahr, so formuliert er mehrfach, der „animalischen menschlichen Natur“ zu verfallen, wenn er der Leidenschaft als rohem Impuls sofort nachgibt. Es bedarf deshalb immer einer Phase der spielerischen, erotischen Aufwärmung, ohne die er eine verführerische Begegnung ablehnt. Das kann ein dementsprechenden Traum sein oder eine intensive Vorstellung nach der persönlichen Begegnung, wie die Person und ihr Verhalten einzuschätzen sein könnte.

Vor allem aber bedarf es einiger Erörterungen und ausgeklügelter Pläne, die gemeinsam für das Rendezvous zu schmieden sind. In langen Dialogen wird erörtert, was die Pflicht gebietet, wenn sich die Liebe geregt hat – ihr nämlich nachzugeben, ohne jedoch eine Beleidigung auszulösen; Selbstanklage und Schuldgefühle verlangen nach Erlösung wie Beichten, Wahrung der Ehre, Umsetzen von Tugenden und praktische Anweisungen nach konkreten Ausführungen. Hingabe will vorbereitet sein!

Dann kann es so weit kommen, dass die Geliebte in der entsprechenden Situation „dein Wille geschehe“ haucht. Wie Casanova in seinen Memoiren festhielt, ließ sich z.B. eine seiner Angebeteten widerstandslos schmachtend mit diesen Worten auf das Sofa gleiten, wo er „sie beglückte.“ Die Kombination mit dem Liebesvergnügen stellte zweifellos eine pikante Pointe dar. Typisch für die provokative Einstellung und Praxis im Jahrhundert der anti-kirchlichen Positionen!

Zwei Finger bohren sich in eine Blutorange

DIE EROTIK DER VERNUNFTGELEITETEN PLANUNG

Erst eine gezielte Planung mit gegenseitigen Schachzügen, die zum erotischen Abenteuer führen, macht das Schachmatt im Ergeben reizvoll und erstrebenswert. Es muss also erst einmal ein alchimistischer Prozess stattfinden, der den Rohstoff Leidenschaft in Lust und schließlich in Glück verwandelt. Dazu braucht der Mensch seinen Verstand: „Der sinnenfreudige, denkende Mensch … ist ein Feinschmecker; er verliebt sich, aber er will das geliebte Geschöpf nur besitzen, wenn er sicher ist, geliebt zu werden.“

Der Verstand ist also das unabdingbare Pendant zur Leidenschaft; „Lust verlangt Bewusstheit“, denn „einzig der Mensch ist wirklicher Lust fähig, denn er ist mit dem Vermögen des Denkens begabt; er erwartet die Lust, er sucht sie, er verschafft sie sich, und erinnert sich ihrer, wenn er sie genossen hat.“

DER EROS SEINER ERKENNTNISSE

Für den heutigen Leser sind die Memoiren von Casanova noch immer voller philosophischer, lebenspraktischer, lebenskluger Betrachtungen und Erörterungen. Manchmal bedarf es zur intensiveren Begegnung einer sehr ausgeklügelten Planung, die Intuition, Hartnäckigkeit und stetes Dranbleiben erfordert; manchmal reichen wenige Worte, die Anerkennung und Wertschätzung zum Ausdruck bringen.

Die Phase der mal spritzigen, mal längeren, abwägenden Dialoge aus dem Füllhorn der Sehnsucht nach Gemeinsamkeit steigern die Spannung; sie lassen das erkennen, was Dialoge eigentlich sind: ein gemeinsames, freudvolles Finden von Lösungen, die Leidenschaft und Verstand miteinander verbinden und Glück erfahrbar machen. Kreativität, Spielfreude und Offenheit für den Charme von Eros sind nach wie vor eine Quelle von Inspirationen und Freude.

Und wollen wir nicht alle in diese Freude immer wieder eintauchen, indem wir sie bewusst gestalten?

Fotos: Alamy / Realy Easy Star, Sowa Sergiusz, iStock, Unsplash / Taras Chernus, Anne Nygard

 

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