Halbtransparentes Porträt eine Frau.

VON DER KLUGHEIT DER DUMMHEIT

Das Märchen „Die kluge Else“ fordert dazu auf, genauer hinzuschauen, was als „Klugheit“ und was als „Dummheit“ gilt. Denn Else ist in einer traumatischen Welt gefangen. Worin liegt der Weg aus der Misere?

Text Irmela Neu

Schwarz-Weiß-Bild von Prof. Dr. Irmela Neu.

Prof. Dr. Irmela Neu lehrt Interkulturelle Kommu­nikation in Spanien und Lateinamerika an der Hochschule München für angewandte Wissenschaften (HM), gibt Seminare zur empathischen Kommu­nikation und ist Mitautorin des Buches „Kardiosophie“.

„Die kluge Else“ dürfte zu den weniger bekannten der Grimm‘schen Märchen gehören; dies mag daran liegen, dass es keinesfalls in ein fröhliches Fahrwasser mündet, ganz im Gegenteil.
Doch lesen Sie selbst:

DAS MÄRCHEN DER BRÜDER GRIMM

„Es war ein Mann, der hatte eine Tochter“, so beginnt das Märchen. Als diese, namens Else, im heiratsfähigen Alter war, wollten die Eltern sie verheiraten, wobei die Mutter hoffte, es käme einer „der sie haben wollte“. Schließlich war der Aspirant Hans bereit.

Nach dem gemeinsamen Essen schickte die Mutter Else mit dem Auftrag in den Keller, sie möge Bier heraufholen. Else zog mit einem Krug los, stellte ein Stühlchen vor das Fass und nahm sich in Acht, dass sie sich nur ja nicht weh täte. Sie dreht den Hahn auf und während das Bier in den Krug lief, erblickte sie – fleißig umherschauend – eine Kreuzhacke direkt über sich, die dort aus Versehen stecken geblieben war. Sie schrie: „Wenn ich den Hans kriege, und wir kriegen ein Kind, und das ist groß, und wir schicken das Kind in den Keller, dass es hier soll Bier zapfen, so fällt ihm die Kreuzhacke auf den Kopf und schlägt es tot.“ Über das bevorstehende Unglück weinte sie aus Leibeskräften.

DAS UNGLÜCK IN SPE UND DER KLAGECHOR

Nachdem sie nicht wieder vom Keller auftauchte, schickte die Mutter die Magd in den Keller, die ebenfalls laut mit Else heulte, nachdem diese ihr genau mit diesen Worten vom bevorstehenden Unglück erzählt hat. „Was haben wir für eine kluge Else“, sagte diese, und so heulten beide um die Wette. Dasselbe geschah mit dem Knecht, den der Mann in den Keller schickte. Auch er fand die Klugheit der Else bestätigt und stimmte lauthals in den Klagechor von Else und der Magd ein. Schließlich schickte der Mann seine Frau in den Keller; sie erweiterte den Klagechor, nachdem sie Elses Spruch vernommen und die Klugheit von Else gelobt hatte. Ebendies ereilte den Vater im Keller.

Schließlich stieg der Bräutigam in spe, Hans, in den Keller hinab. „Mehr Verstand ist für meinen Haushalt nicht nötig“, befand er, nahm Else an der Hand mit hinauf in die gute Stube und es ward Hochzeit gefeiert.

„BIN ICH’S ODER NICHT?“

Nach einer Weile des Zusammenlebens schickte er unsere kluge Else zum Kornschneiden aufs Feld, wozu sie einwilligte. Sie bereitete sich ein Essen zu, das sie mitnahm. Am Feld angekommen, beschloss sie, sich erst zu stärken und schließlich erst ein Nickerchen zu machen, bevor sie mit der Arbeit beginnen wollte. Hans wartete zu Hause auf sie, bis es dunkel wurde, und vermutete als Grund für ihr Ausbleiben ihren eifrigen Fleiß bei der Erfüllung der ihr angetragenen Aufgabe. Schließlich sah er nach ihr und fand sie im Korn schlafend, ohne dass sie die ihr zugewiesene Arbeit getan hätte.

Hans eilte heim, holte ein Vogelgarnnetz mit kleinen Schellen und hängte es um sie, während sie noch immer schlief. Er ging heim und verschloss die Haustüre. Spät in der Nacht erwachte die kluge Else und bemerkte, dass bei jedem Schritt Schellen um sie herum klingelten, was sie erschrecken ließ und irre machte. „Bin ich’s oder bin ich’s nicht?“ wollte sie wissen und lief nach Hause. Durchs Fenster fragte sie Hans: „Hans, ist die Else drinnen?“ Er bejahte dies, was sie zu der Schlussfolgerung veranlasste: „Ach Gott, dann bin ich’s nicht“.

Sie zog weiter und bat die Nachbarschaft um Einlass, doch niemand öffnete ihr die Haustüre angesichts des lauten Klingelns der Glöckchen. „Da lief sie zum Dorfe hinaus, und niemand hat sie wieder gesehen,“ so der letzte Satz des Märchens.

VON DER KLUGHEIT DER „KLUGEN ELSE“

Der Begriff „Klugheit“ leitet sich etymologisch aus dem Griechischen ab, der Lateinische lautet: „prudentia“. Es wird darunter die Fähigkeit zu einem umsichtigen, angemessenen Verhalten in einer konkreten Situation verstanden. Ein „kluger Mensch“ wägt ab, kommt zu einem Entschluss und handelt dementsprechend.

„Klug“ ist eine Bewertung, die nicht die Person sich selbst, sondern deren Umwelt ihr beimisst. Ihr Auftreten, Benehmen, ihr Reden und Handeln werden als „klug“ angesehen.

Ob es auch eine allgemeingültige moralische Richtlinie gibt, dergemäß ein Mensch als „klug“ qualifiziert wird, ist im laufe der Philosophiegeschichte immer wieder unterschiedlich diskutiert worden. „Klugheit als Tugend – und wenn ja, mit welchen Tugenden verbunden?“ – diese Frage beschäftigte schon Platon und Aristoteles, ebenso wie christliche Theologen und Philosophen quer durch die Jahrhunderte. Wir kommen damit auf einen wichtigen Aspekt ihrer Debatte zurück.

Umgangssprachlich wird mit „Klugheit“ die Fähigkeit bezeichnet, das eigene Verhalten so auszurichten, dass es zu einem guten, wertvollen Ergebnis führt. Ein kluger Mensch ist also in der Lage, sich seines Verstandes so zu bedienen, dass es für ihn und andere förderlich ist. Erfahrungen, Kombinationsgabe und gewisse hellseherische Fähigkeiten gehören dazu. Das Gegenteil von klug ist dementsprechend „impulsiv, eruptiv, sich wegreißen lassen von Emotionen, dumm, verängstigt, eng.“ Das Assoziationsfeld von „klug“ umfasst hingegen „umsichtig, abgewogen, vorausschauend, erfahrungsbasiert, viele Aspekte betrachtend, Weite.“

WIE ES ZUR KLUGHEIT KAM

Nach diesem Verständnis von „Klugheit“ soll unsere Else „klug“ sein? Ist das ein Witz? Nein, es ist keiner. Sie handelt vorteilhaft für sich. Schauen wir uns das näher an: Else wird von ihrer Mutter in den Keller geschickt, um Bier zu holen. Der Keller ist im Allgemeinen ein finsterer, enger, muffiger Ort, der durchaus das Fürchten lehren kann. Es ist ein geschlossener Ort, in dem sich die inneren und äußeren Dämonen zeigen. „Enge“ und „Angst“ hängen etymologisch zusammen.

Symbolisch ist es der Abstieg in den eigenen Keller des Schattenreiches, in dem Verdrängtes, Unverarbeitetes, Ängste eine Alliance, ja Hochzeit, mit der Umgebung eingehen. Es ist der Raum des „Es“ (Sigmund Freud) und der Ort vom „Schattenreich“ (Carl Gustav Jung), das Reich des Abgestorbenen, des Toten. Kein Wunder also, dass unsere Else magisch von der Kreuzhacke angezogen wurde, nachdem sie ihre Blicke überall herumschweifen ließ, als würde sie nach einer Bedrohung suchen. Sie fand diese – und es setzte bei ihr eine Assoziationskette ein, die zu einem wilden Heulen und der Warnung vor einer Katastrophe führte, während das Bier, der Lebenssaft, unbeachtet auslief.

Else malt sich nun eine Zukunft in Verkettung aus. Hochzeit – Kind – Erschlagen werden miteinander verknüpft und führen zu einer anhaltenden Panikreaktion. Sie wirkt mit ihrem herzzerreißenden Weinen offensichtlich so ansteckend, dass auch in dieser Reihenfolge die Magd, der Knecht, die Mutter, der Vater in das wilde Wehklagen der imaginierten Katastrophe einstimmen. Die Gewissheit, dem drohenden Unheil hilflos ausgeliefert zu sein, macht sie zu Hilfe schreienden Opfern.

DIE TRAUMALOGIK

Alles deutet darauf hin, dass unsere Else Opfer eines traumatischen Erlebnisses ist. Traumatisierte Menschen folgen einer eigenen Logik, wie etwa der Traumaforscher Peter A. Levine in seinem Buch Trauma-Heilung beschreibt. Übermäßige Wachsamkeit, wie sie bei unserer Else zu finden ist, die „Hypervigilanz“, behindert insbesondere die Orientierungsreaktion, weil sie Traumatisierte in einen permanenten Zustand lähmender Angst versetzt.“ (S.156). Die „chronische Hilflosigkeit … macht sie zu Opfern, die nur darauf warten, immer wieder zu Opfern zu werden.“ (S. 163).

Genau das ist hier der Fall. Unsere Else folgt der Traumalogik – und genau darin besteht ihre Klugheit. Sie kommt nicht aus dem Verstand, sondern aus dem Bauch, dem Ort der Triebe, Ängste und Dämonen. Dort, im wörtlichen und symbolischen Keller, führen sie ihr Eigenleben und veranlassen den Verstand, ihnen zu folgen. Es ist ihre Klugheit, die des Überlebens, wie wir noch sehen werden.

DER GENDERASPEKT

„Die Klugheit des Überlebens“ als Folge von einem Trauma, von Traumata, die Panikattacken verursachen, führt zu einem Wiederholungszwang des erlebten Zustandes. Die spanischen Psychoanalytiker Isabel Pinillos und Antonio Fuster gehen in ihrem Buch Guerreros de la mente. Claves para superarar las amenazas de nuestro mundo interior (Krieger des Verstandes. Schlüssel zur Überwindung von Bedrohungen aus unserer inneren Welt) von einer ganzen Armee von Wächtern aus, die wie Krieger unser System von Emotionen und Überlebenstaktiken verteidigen.

Mit einem Trauma lässt sich leben, wenn die Auswirkungen akzeptiert werden, ja als „klug“ gelten. Der „guerrero de la mente“ hat also die Aufgabe, den Ruf der Klugheit zu erhalten; dies dient einerseits dem Überleben, andererseits verewigt die Verteidigung der Opferrolle eben diese.

Im Fall unserer Else ist es eine Frau, deren innere „Wächter-Kriegerin“ ihr gesellschaftliches Ansehen als kluge Else stabilisiert. Welcher Art ihr Trauma ist, lässt sich nur vermuten. Es kann eine Gewalterfahrung sein, die einen sexuellen Hintergrund hat. Sie soll verheiratet werden, die Vorstellung von einem Kind und dessen Unglück, an dem sie schuld wäre, löst eine Panik aus. Die Angstattacken reißen ihr Umfeld mit. So wird sie also Opfer zugleich Täterin.

Wir können davon ausgehen, dass ihre Dramainszenierung als Folge der Panik auf Resonanzen bei Menschen in ihrem Umfeld stößt, so dass sie Elses „Hellsichtigkeit“ als „klug“ bewundern. Solange sie es selbst ebenso wie ihre Umwelt glaubt, ist alles gut. Die Umwelt stabilisiert sie durch einen Spiegeleffekt.

ERFÜLLTE ANFORDERUNG

Als Frau soll sie in einem bestimmten Alter verheiratet werden; der Eheaspirant Hans fordert mit diesen Worten „Klugheit“ von seiner Zukünftigen ein: „Wenn sie nicht recht gescheit ist, so nehm ich sie nicht.“ Welch ein Antrag für eine Ehe! Seine Bedingung ist klar, Else wird erst gar nicht gefragt; vielmehr soll und muss sie sich beweisen, eine gescheite Frau zu sein. Was hierunter zu verstehen ist, zeigt sich später im Märchen: sie soll in der Lage sein, mitzuarbeiten, etwa auf dem Feld, während er, Hans, seiner Arbeit nachgeht. Vielleicht hat er intuitiv erkannt, in welcher Opfer-Täterrolle sie befangen ist und vermutet, sie könne für seinen Haushalt genau die Richtige sein und das ausführen, was er ihr anträgt. Vielleicht glaubte er an eine Umkehr ihrer Verhaltensweisen mit Anpassung an die seinen.

Immerhin stimmt er in den lauten Klagechor im Keller nicht ein, lässt sich also nicht mit wegreißen, sondern befindet, sie erfülle seine Anforderung. Was er dabei nicht bedacht hat: Sie sorgt vor allem auf ihre Weise für sich selbst.

DER LEBENSWICHTIGE RUF

Schon im Keller achtet Else darauf, sich beim Bierzapfen nicht zu verrenken. Später auf dem Feld gönnt sie sich erst einmal eine gute Mahlzeit und einen stundenlangen Schlaf, ohne überhaupt einen Finger für die ihr aufgetragene Arbeit krumm gemacht zu haben. Sie akzeptiert den Arbeitsauftrag, entzieht sich ihm jedoch, indem sie sich ausschließlich um ihr eigenes Wohl kümmert.

Ist das Selbstliebe? In gewisser Weise ja, denn nur so fühlt sie sich lebendig. Das Essen gibt ihr das Gefühl im Körper, überhaupt zu leben. Verletzte Seele, intakter Körper. Würde auch er noch einen Schaden erleiden, wäre sie nicht nur vollständig im Würgegriff als Opfer, sondern auch ihr Ruf dahin, der sie am Leben erhält. Sicher spielt auch der Aspekt eine Rolle, dass sie sich als Empfängerin einer Aufgabe durch ihren Mann durch Nichtstun verweigert.

Der Erfüllung einer Verpflichtung als Arbeitskraft, die das zu tun hat, was ihr der Ehemann anträgt, entzieht sie sich. Gleichzeitig pflegt sie in der Verweigerung ihre Rolle als „klug“.

  • Porträt eine Frau in verzerrter Optik
  • Zwei Bäume illustriert wie zwei zugewandte Gesichter.

DER WOLF UND DER FUCHS

Essen als Kompensation, die Gaumenlust als Triebverhalten – darauf weist Eugen Drewermann in seiner Interpretation eines anderen Märchens hin, besser gesagt der Fabel Der Wolf und der Fuchs der Gebrüder Grimm. In seinem Buch Landschaften der Seele: Wie man die Angst überwindet – Grimms Märchen tiefenpsychologisch gedeutet interpretiert er die Fresssucht des Wolfes als „Symptom einer schweren seelischen Krankheit.“

Auch wenn die kluge Else nicht unter einer gierhaften Fresssucht leidet wie der nimmersatte Wolf, so ist ihr Verhalten des „erst komm ich dran“ doch ebenso Ausdruck einer kompensatorischen Sucht. Ihr liegt sicher ein Trauma zugrunde; darüber hinaus ist es auch ihre Art, sich gegen die Anforderung ihres Mannes aufzulehnen, die sie als brave Ehefrau zu erfüllen hätte.

Ist sie eben doch eine „kluge Else“? Nicht wirklich, denn ihre Klugheit ist konditioniert von ihrem Trauma. Was für ihre Lebensbewältigung klug ist, führt letzten Endes zu ihrem Verschwinden. Ihre Klugheit lüftet ihren Schleier und enthüllt die Dummheit – und das auch noch in der Situation, in der sie unter einem Netzschleier gefangen ist!

VON DER DUMMHEIT DER KLUGEN ELSE

Dem „etymologischen Wörterbuch des Deutschen“ ist zu entnehmen, dass sich das Wort „dumm“ vom althochdeutschen „tumb“ ableitet, was soviel bedeutete wie „stumm, taub, töricht, einfältig, unvernünftig, dumm“, später im Mittelhochdeutschen „schwach von Sinnen oder Verstand, dumm, töricht, unerfahren, stumm“.

Ja, Else ist eindeutig auch dumm in dem Sinn, dass sie, wie sich gegen Ende des Märchens herausstellt, nicht weiß, wer sie ist – töricht eben. Doch wodurch kippt ihre Klugheit in Dummheit? Oder war sie nie nur klug, sondern auch immer beides gleichzeitig? Eins ums andere, erst sei der Aspekt der „Dummheit“ näher beleuchtet.

Den entscheidenden Wendepunkt führt ihr Ehemann herbei; er entdeckt sie im Felde schlafend, die Arbeit hat sie nicht ausgeführt. Wie einem entfleuchten Vogel legt er ihr einen Schleier an, der zudem noch mit Glöckchen ausgestattet ist; dies erinnert an die Glöckchen von Narrenkostümen, deren Erklingen etwas Eingeschlafenes in Bewegung bringen soll. Sie rütteln wach – auch unsere Else, die davon völlig aus der Bahn des Gewohnten geworfen wird.

ELSES LOSGELÖSTHEIT

Jetzt zeigt sich das, was vorher auch schon da war: die „Dissoziation“, also ein „Gefühl völliger Losgelöstheit vom eigenen Körper“ (Peter A. Levine). „Dissoziation ist eines der klassischen und gleichzeitig auch eines der subtilsten Traumasymptome … die Dissoziation scheint das wichtigste Mittel zu sein, das Menschen bei traumatischen Geschehnissen Erfahrungen aushalten lässt, die eigentlich unerträglich sind …“ . Bislang konnte Else die Dissoziation ausgleichen. Das geht nun nicht mehr.

Sie hat sich auch vorher nicht selbst gespürt, doch nun weiß sie noch nicht einmal mehr, wer sie ist. Sie ist im Netz und im Prozess des Wachrüttelns gefangen. Vorher war sie Gefangene ihrer traumatischen Selbstverleugnung, die sie jedoch durch ihr Ansehen ausgleichen konnte; jetzt ist sie Opfer ihrer Selbstverleugnung, ihrer Strategie, entkleidet unter dem enthüllend-verhüllenden Schleier. Sie geht heim – wie symbolisch!

Zu Hause angekommen, fragt sie, ob Else drinnen sei. Ja, antwortete ihr Ehemann Hans, und das stimmt: sie war im Netz drin.

Zu Hause ankommen konnte sie auf diese Weise nicht. Ihr Verschwinden weg vom Dorf, das ihre gewohnte Heimat gewesen war, ist nur folgerichtig.

DAS BEZIEHUNGSMUSTER DER KOLLUSION

Ankommen ist unter diesen Umständen unmöglich, doch auch unter milderen Gegebenheiten ernüchternd. „Vor Ankommen wird gewarnt“, diesem Thema widmet Paul Watzlawick in seiner Anleitung zum Unglücklichsein ein eigenes Kapitel. Die Gefahr, sich im Loch eines Katzenjammers wieder zu finden, ist beachtlich. Im Märchen lauerte eine noch viel größere Gefahr auf unsere Else. Sie ist gleich ganz verschwunden.

Salopp gesagt: Dumm gelaufen! Ihre Klugheit war eine Strategie, sich am Leben zu erhalten; die Umwelt hat ihr dabei geholfen, weil ihre Nächsten ihr folgten und sie damit bestätigten. Sie war die kluge Else oder, als sie es nicht mehr sein konnte, gar nichts mehr. Sie brauchte ihre Umwelt, das „Beziehungsmuster der Kollusion“.

Gemeint ist damit „ein subtiles Arrangement, … eine Vereinbarung auf der Beziehungsebene …, wodurch man sich vom anderen als die Person bestätigen und ratifizieren lässt, als die man sich selbst sieht. … Erst durch den Partner, der die notwendige Rolle uns gegenüber spielt, werden wir wirklich. Ansonsten wären wir nur Schemen, provisorische Menschen sozusagen.“ (Paul Watzlawick)

Genau dafür ist unsere Else ein gutes Beispiel.

Schriftzug: What Else?

ZUR DIALEKTIK VON KLUGHEIT UND DUMMHEIT

Die Klugheit unserer Else erweist sich als traumageleitete Angstpanikattacken. Aufgrund ihrer Fähigkeit, diese in Argumentationsketten höchst emotional nach außen zu kommunizieren, immer dasselbe eindringlich wiederholend, erzielt sie eine überzeugende Wirkung in ihrer Umwelt. Der Prozess der Überführung von Angst in Worte ist beeindruckend in seiner logischen Verknüpfung – diese „traumabedingten Verknüpfungen“ (Peter A. Levine) sind deutlich ein einschlägiges Symptom; der Verstand ist im Dienst der Panik, es gibt keine reflektierende Metaebene des Verstandes. Sie gilt als hellseherische Warnerin vor einer zu erwartenden Katastrophe – die „selbsterfüllende Prophezeiung“ (Paul Watzlawick) lässt grüßen. Die Angst, deren Lähmung und Ansteckung wirken so gewaltig, dass niemand mehr die Tragfähigkeit ihrer Warnungen hinterfragt.

Der sie heiratende Hans wiederum hält sie für klug, weil er in ihrem Verhalten eine Selbständigkeit des Handelns und die Fähigkeit zur Eigenständigkeit sieht; das Angstgeschrei bleibt ausgeblendet. Im ursprünglichen Sinn des Wortes ist er „tumb“, also dumm, weil er nichts hört und nur das wahrnimmt, was ihn konditioniert. Seine Bewertung der Else als „klug“ und damit „ehetauglich“ entspringt dem kopfgesteuerten Wunsch, er könne diese von ihm wahrgenommenen Eigenschaften von unserer Else in seinem Sinne im gemeinsamen Haushalt nutzen.

Darauf weist sein Kommentar hin, als er wartend zu Hause arbeitet und Else vom eingeforderten Kornschneiden nicht heimkommt. Er hält ihr Ausbleiben für ein Zeichen von besonderem Fleiß. Seine wunschgesteuerte Sichtweise wird beim Anblick der Realität, also dessen, was Sache ist, eines Besseren belehrt. Er erkennt die Ich-bezogene Klugheit seiner Ehefrau und handelt sofort.

VER-RÜCKTSEIN

Das Netz mit Schellen, das er ihr umhängt, macht unserer Else und ihrer Umwelt ihr Ver-rücktsein augenscheinlich und hörbar. Er geht damit in die Rolle dessen, der das Wesen ihrer „Klugheit“ erkannt hat, die sie und andere in ihrer Welt gefangen hält. Er agiert mit der Methode eines Narren, der aufrüttelt. Sie ist „drinnen“, wie er auf ihre entsprechende Frage antwortet, und damit aus ihrer Logik draußen. Welch wunderbare Doppeldeutigkeit von „drinnen“: unsere Else versteht mit ihrer Frage „Hans, ist die Else drinnen?“ das eigene Haus, was er bejaht, weil er das Schellennetz meint. Frage und Antwort erfolgen aus der jeweiligen Perspektive.

Das Doppelbödige der Antwort von Hans wirkt. Sie versteht eindimensional – und verschwindet.

Die Urteile von „Klugheit“ und „Dummheit“ sind also als Gradmesser der Wirksamkeit einer individuellen Strategie zu verstehen, die als triebgesteuerte Strategie das Leben mit einem Trauma „klug“ ermöglicht – wie bei unserer Else. „Klugheit“ ist dann ein individuell ausgeformtes Konstrukt, das die Außenwelt unweigerlich in ihren Bann zieht. Angst wirkt hochgradig ansteckend – noch mehr, wenn sie sich als „Klugheit“ tarnt.

DIE KRAFT SITTLICHER EINSICHT

An dieser Stelle wird die philosophisch-theologische Debatte klar, ob nicht ein allgemeingültiges Kriterium nötig ist, an dem sich das Urteil „klug“ bzw. „dumm“ ausrichtet. Aristoteles stellt in seiner Nikomachischen Ethik die Forderung nach einer „sittlichen Einsicht“ auf. Sie entsteht durch Selbsterkenntnis, Verinnerlichung von vernünftigen, ja klugen Normen durch Einsicht und der Bereitschaft, dem Wohle des Ganzen zu dienen. In Buch VI, Absatz 5 schreibt er:

„…als Merkmal des Menschen mit sittlicher Einsicht gilt, dass er fähig ist, Wert und Nutzen für eine Person richtig abzuwägen, und zwar nicht im speziellen Sinn, z.B. Mittel und Wege zu Gesundheit und Kraft, sondern in dem umfassenden Sinn: Mittel und Wege zum guten und glücklichen Leben.“

Was unter „sittlicher Einsicht“ genau zu verstehen ist, lassen wir in diesem Rahmen außer Acht. Die Psychoanalyse zeigt uns, wie komplex das Thema ist. Die Einsicht reicht allein nicht aus, es gibt andere Kräfte „aus dem Keller“. Erst wenn Bauch, Hand und Hirn im Einklang miteinander sind, können sie im Dienst von „Gesundheit und Kraft“ sein.

Ja, und wenn das Herz mit seiner Energie und Botschaft einen herausragenden Platz im Team einnimmt, ist der Weg zu einem „guten und glücklichen Leben“ geebnet. Es liegt an uns, ihn mutig und hoffnungsfroh zu beschreiten.

Fotos: iStock, Unsplash / Loris Marie

 

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