DAS GEHEIMNIS DES SEINS
Der libanesische Autor schildert im „Im Garten des Propheten“ seine Vorstellung von jenem Geheimnis, das nicht nur die Philosophie als „Sein“ bezeichnet – jenem Zustand, der allem, das ist, zugrunde liegt. Lauschen Sie den Worten von Gibrans Prophet Almustafa!
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- Liebendes Leben
- Wertschätzung
- Wahrhaftes Wohlergehen
Text Khalil Gibran

Der Schriftsteller und Maler Khalil Gibran (1883 – 1931) zählt zu bekanntesten Autoren spiritueller Prägung. Er wurde im Libanon geboren und zog später nach Amerika. Sein Hauptanliegen: die Versöhnung von Christentum und Islam. „Der Prophet“ war ein Welterfolg.
Einer der Schüler, der im Tempel gedient hatte, seufzte: „Lehre uns Meister, dass unsere Worte wie die deinen werden, Lied und Weihrauch für das Volk.“
Und Almustafa antwortete und sprach:
„Ihr sollt über eure Worte wachsen, doch euer Weg soll bleiben, ein Gleichklang und ein Wohlgeruch; ein Klang für Liebende und Geliebte zugleich und ein Duft für die, die in einem Garten leben möchten.
Ihr sollt über euere Worte wachsen bis zum höchsten Punkt, auf den der Sternennebel fällt, und ihr sollt eure Hände öffnen, bis sie gefüllt sind; dann sollt ihr euch niederlegen und schlafen wie ein weißer junger Vogel in einem weißen Nest, und ihr sollt vom Morgen träumen wie die weißen Veilchen im Frühling.
Ihr sollt auch tiefer als eure Worte dringen. Ihr sollt die verlorenen Quellen der Ströme suchen, und ihr sollt eine verborgene Höhle sein, welche die matten Stimmen der Tiefen, die ihr jetzt nicht einmal hört, widerhallt.
Ihr sollte tiefer als eure Worte und tiefer als alle Klänge zum wahren Herzen der Erde gehen, und dort werdet ihr alleine sein mit Ihm, der auf den Bahnen der Sterne wandelt.“

„Meister, was heißt es heute zu Sein?“
Nach einer Weile bat einer seiner Schüler: „Meister, sprich zu uns vom Sein. Was ist sein?“
Und Almustafa blickte ihn lange liebevoll an. Dann erhob er sich und ging hinweg von ihnen. Als er zurückkehrte, sagte er:
„In diesem Garten liegen mein Vater und meine Mutter, von den Händen des Lebens begraben; und in diesem Garten liegen die Samenkörner des vergangenen Jahres, von den Schwingen des Windes hierhergetragen.
Tausend Male werden meine Mutter und mein Vater hier begraben; tausendmal wird der Wind den Samen begraben; und in tausend Jahren werden ihr und ich und diese Blumen wieder zusammenkommen in diesem Garten, und wir werden sein, liebendes Leben, und wir werden sein, träumend vom Raum, und wir werden sein und uns zur Sonne erheben.

Doch heute zu sein,
heißt, weise sein, wenn auch vertraut mit der Torheit; heißt stark sein, aber nicht zum Schaden des Schwachen; heißt mit den Kindern spielen, aber nicht als ihre Väter, sondern als ihre Kameraden, die ihre Spiele lernen wollen;
heißt, einfach und offen sein mit den Alten und mit ihnen im Schatten betagter Eichen sitzen, auch wenn ihr noch im Frühling steht;
heißt, einen Dichter suchen, auch wenn er hinter sieben Flüssen wohnt, und in seiner Gegenwart Frieden empfinden, nichts wollen, ohne Zweifel sein und ohne Frage auf den Lippen;
heißt wissen, dass der Heilige und der Sünder Zwillingsbrüder sind, deren Vater unser Barmherziger König ist, und dass der eine nur kurz vor dem anderen geboren wurde, weshalb wir ihn als Kronprinzen betrachten;
heißt, der Schönheit folgen, auch wenn sie zum Rand des Abgrunds führt; und wenn sie Flügel hat, ihr aber ohne Flügel seid, ihr folgen, auch wenn sie über den Abgrund geht, denn wo keine Schönheit ist, da gibt es nichts;
heißt, ein Garten sein, ohne Mauern, ein Weinberg ohne Wächter, eine Schatzkammer, immer offenstehend für Besucher;
heißt, ausgeraubt, betrogen, enttäuscht, ja sogar irregeführt, in die Falle geraten und dann verspottet sein, trotz alledem aber herabblicken von der Höhe eures größeren Selbst und lächeln im Bewusstsein, dass es einen Frühling gibt, der in euren Garten kommt, um in euren Blättern zu tanzen, und einen Herbst, der eure Trauben reifen lässt;
heißt wissen, dass ihr nur ein Fenster nach Osten öffnen müsst, um niemals allein zu sein, und verstehen, dass alle, die für Übeltäter und Räuber gehalten werden, eure Brüder sind, die ihr braucht, und dass ihr selbst all das seid in den Augen der seligen Bewohner der Unsichtbaren Stadt jenseits von uns.“

„Versucht, euer größeres Selbst zu sein!“
„Und nun zu euch, deren Hände all die Dinge formen und finden, die nützlich sind für das Wohlergehen unserer Tage und Nächte: Sein heißt, ein Weber sein mit sehenden Fingern; ein Baumeister, der auf Licht und Raum achtet; ein Bauer, der fühlt, wie er mit jedem Samenkorn einen Schatz vergräbt; ein Fischer und Jäger mit Erbarmen für den Fisch und das Tier, jedoch mit größerem Erbarmen für den Hunger und die Not der Menschen.
Und ich sage euch: Ich möchte jeden einzelnen von euch zum Gefährten haben, zum Nutzen eines jeden; denn nur so könnt ihr hoffen, eure eigenen höheren Ziele zu erreichen.
Meine geliebten Kameraden, seid mutig und nicht sanftmütig; schafft Raum in euch und seid nicht beengt; und bis zu meiner letzten Stunde versucht, euer größeres Selbst zu sein.“
Übersetzung: Hans Christian Meiser
Fotos: iStock, Unsplash / Josh Berendes, Thevaler


