Schildbrürger Streich

Humor befreit

Vielleicht ist der Unterschied von Klugheit und Dummheit nur graduell. Beide haben eine gewisse Anziehungskraft, wie die Schildbürger zeigen. Während erstere Normen und Konventionen bedient, entstammt letztere dem Reich des Närrisch-Absurden. Verführerisch sind sie beide.

Hier erfahren Sie mehr über

  • Die Kreativität der Schildbürger
  • Überengagement
  • Humor

Text Irmela Neu

Schwarz-Weiß-Bild von Prof. Dr. Irmela Neu.

Prof. Dr. Irmela Neu lehrt Interkulturelle Kommu­nikation in Spanien und Lateinamerika an der Hochschule München für angewandte Wissenschaften (HM), gibt Seminare zur empathischen Kommu­nikation und ist Mitautorin des Buches „Kardiosophie“.

Von der Verführungskraft der Klugheit

Es waren einmal Schildbürger, die Einwohner der Stadt Schilda, irgendwo in Deutschland, die für ihre Klugheit berühmt waren. Sie waren Honoratioren und amtlichen Würdenträger, die immer einen Rat wussten; sie fanden stets Wege aus schwierigen Situationen, was sich weit über die Stadt-, ja Landesgrenzen herumsprach.
Erlauchte Persönlichkeiten wie Könige, Fürsten oder Emire, ja der Sultan im Orient, zogen die Schildbürger immer wieder zu Rate. Dies führte dazu, dass sie kaum noch in ihrer Stadt Schilda weilten, sondern ständig unterwegs waren.

Von der Klugheit zur Dummheit

Das wollten die Frauen der Schildbürger nicht länger mitmachen. Sie hatten es einfach satt, die anfallenden Arbeiten alleine erledigen zu müssen. Sie beorderten also ihre Männer zurück – und die Männer folgten. Wieder in ihrer Stadt angekommen, hielten die Schildbürger im Wirtshaus eine höchst feierliche Beratungsrunde ab, die zu einem klaren Ergebnis führte.
Nach längerer Überlegung und vom Bier beseelt kamen sie einmütig zu folgender messerscharfen Analyse: „Die Klugheit war an allem schuld und nur die Dummheit kann uns retten.“ So entstand der einstimmige Beschluss, sich dumm zu stellen. Ein klarer Fall, denn „sonst lassen uns die Könige, der Kaiser und der Sultan nicht in Ruhe.“
Das leuchtete allen ein, und die Schildbürger schritten zur Tat: sie führten nur noch das aus, was ihnen dumm genug erschien – wobei unter „Dummheit“ „wider alle uns bekannte logische Vernunft“ zu verstehen ist. Die Nähe, wenn nicht sogar die Identität mit dem Absurden liegt auf der Hand.

Mensch mit einer Narrenkappe trägt eine Masse und hält eine weitere in der Hand

Der Nutzen der Dummheit

Zu viel Kompetenz, zu viel Bereitschaft, sie zu teilen, führt zwar zum Erfolg, doch auch zu einseitigem Überengagement. Das dürfte uns heutigen Menschen ebenso bekannt sein wie den Schildbürgern damals. Ist jedoch „sich dumm stellen“ der Ausweg?

Schauen wir, welches Ergebnis die Umstellung auf die Dummheit mit sich brachte.

Von der Klugheit, dumm zu scheinen

Die „Schildbürgerstreiche“ sind berühmt für ihre normsprengenden, genialen Einfälle. Die Einwohner – genauer gesagt, der Club der Honoratioren der Stadt Schilda – beschloss, „dumm zu scheinen, ohne dumm zu sein, was viel Scharfsinn verlangt,“ wie der Schweinehirt sagte; dieser Beschluss wurde einstimmig in der Wirtschaft, sozusagen im Schildbürgermagistrat, angenommen. Sie machten sich also auf, konkrete Projekte in die Tat umzusetzen, die ebenso verrückt wie spektakulär sein würden. Und genau das ist ihnen gelungen!

So entstand ein ungewöhnlich origineller Bau, das Schildbürger-Rathaus. Sie wollten mit ihrem dreieckigen Rathaus Schilda berühmter machen als Pisa mit seinem schiefen Turm. Halten wir fest: Die Befreiung von bekannten Erfolgsrezepten öffnet den Weg für Innovationen und damit für völlig Neues. Allerdings machte der Wunsch nach strahlendem Ruhm ohne weitere Vision und Gesamtplanung die Schildbürger auch blind und einseitig … und das in anderer Hinsicht, als sie dachten.

Dummheit macht kreativ

Das dreieckige Rathaus wurde gebaut – und, oh Schreck, drinnen war es stockfinster. Nach längeren Recherchen fanden die Schildbürger heraus, dass sie die Fenster vergessen hatten. Bei der Ratsversammlung im Wirtshaus kam dem Hufschmied in bewährter Runde die Erleuchtung. Per Analogieschluss fand er die Lösung: Wenn Wasser im Eimer transportiert werden kann, sollte dies auch mit Licht möglich sein. Also schaufelten sie Sonnenlicht ins Innere des Neubaus – ohne Erfolg. Oh, welche Enttäuschung!

Die nächste Idee zur Lösung kam von einem Obdachlosen. Das Dach abdecken! Was sie auch taten. Über den Sommer ging es gut, und sie mussten nicht befürchten, dass ihnen die Decke, vielmehr das Dach auf den Kopf fällt, weil sie ja keins hatten. Doch die Realität holte sie ein; Regen- und Kälteschauer kamen über sie, so dass sich die Dachlosigkeit als untauglich erwies. Sie bauten deshalb ein neues Dach.

Schlagartig und ganz zum Schluss kam ihnen bei ihrer Magistratssitzung im Wirtshaus die erlösende Erkenntnis: „Wir haben die Fenster vergessen!“

Nicht durch das dreieckige Rathaus wurden die Schildbürger berühmt, sondern durch die vergessenen Fenster, was zum Touristenmagnet wurde. Ihre Schlussfolgerung: „Als wir gescheit waren, mussten wir das Geld in der Fremde verdienen. Jetzt, da wir dumm geworden sind, bringt man’s uns ins Haus.“

Mann sägt an dem Ast auf dem er sitzt

Das Ungeplante wird zum Erfolg

Ihr Plan, berühmt zu werden, ging auf, doch anders, als erwartet. Das Geplante war ein Misserfolg, doch das, was die Schildbürger zunächst gar nicht bemerkt hatten, wurde zum Kassenschlager. Erfolg ist eben nicht eins zu eins planbar! Hauptsache, alle bleiben guter Dinge, was unsere Schildbürger immer tun, und finden zuversichtlich umgesetzte, unkonventionelle Lösungen. Sie konnten – wie im Fall des fröhlichen Analogieschlusses – zwar erst scheitern, setzten aber dann eine neue Kreativität frei.

Im frohgemuten Reich von Absurdistan

Folgen wir der Definition von „absurd“ als „wider die Vernunft“, in ihrer Terminologie: „dumm“. Genau das wollten unsere Schildbürger ja! Mit stets guter Laune, viel Schalk und immer einträchtig in ihren Beschlüssen, entführen sie uns in das Reich des Absurden und Närrischen, was die Leser zum Lachen bringt.

Sie nehmen alles an, was sich aus ihren Handlungen ergeben hat; wenn mal etwas nicht so gelingt, wie sie es sich vorgestellt haben, bleiben sie gut gelaunt und hoffnungsfroh; der Erfolg gibt ihnen recht.

Eigentore gehören dazu

Nicht alle Narreteien, pardon: dummen Aktionen gereichen zum Erfolg. Es gibt auch Eigentore. So etwa, wenn sie auf dem Gemeindeacker Salz ausstreuen und sich am prachtvollen Wachsen der herrlich grünen Pflanze erfreuen. Das heftige Brennen auf der Haut beim Ernten macht spürbar: es waren keine Salzpflanzen, sondern Brenneseln …

Ein Eigentor ganz besonderer Art ist der juristische, bürokratisch korrekte Prozess gegen einen Krebs, der „wegen mutwilliger Sachbeschädigung und des versuchten Mordes“ in einem höchst ordentlichen Gerichtsverfahren angeklagt und einstimmig für „schuldig“ befunden wurde. „Tod durch Ertränken“, so lautete der Richterspruch. In feierlicher Zeremonie wurde das schwerwiegende Urteil vollstreckt, nämlich der Krebs voller Verachtung – ins Wasser geworfen.

Es wird nicht berichtet, dass sie dieses Eigentor als solches erkannt hätten. Warum auch? Sie waren ja auf ihre Dummheit stolz und übten sich eifrig in ihr, um sich zu verbessern. Manchmal führt sie jedoch auch zu einem handfesten Schaden….

Frau in Pop Up mit Sprechblase "Listen to your inner child"

Lehrgeld gehört auch dazu

Folgende, mit dem Scharfsinn der Dummheit ausgeführte Tat, kam sie teuer zu stehen:

Angesichts eines drohenden Krieges beschlossen sie – na, Sie wissen ja mittlerweile, wo -, ihre wertvolle Kirchenglocke im nahegelegenen See zu versenken. Gesagt, getan. Um sie wieder zu finden, schnitt der Schmied eine tiefe Kerbe in den Bootsrand an der Stelle, an der sie die Glocke in den See hinabgelassen hatten.

Zum Glück kam es nicht zum Krieg. Unschwer zu raten, dass sie die Glocke nie wiederfanden … ein echter Schildbürgerstreich eben! Voll gelungen!

Humor befreit

Unsere Schildbürger sind in ihrer selbst gewählten Dummheit ebenso scharfsinnig wie in den Zeiten, als sie noch für ihre Klugheit berühmt waren. Mit dem freudigen Humor ihrer Taten – oder sind es Streiche? – führen sie Zustände vor, die auch bei Lesern heute Assoziationsketten aktueller Beispiele, vergleichbar der Schildbürgerstreiche, auslösen.

Scheinbar vernunft- und faktenbasierten Entscheidungen auf der Grundlage von garantiert objektiv-wissenschaftlich abgesicherten Daten setzen sie eine andere Logik entgegen: die der Dummheit aus dem Reich von Absurdistan. Wo genau liegt da der Unterschied? Das gilt es zu entdecken.

Es macht Freude, an ihrem unerschütterlichen Humor teil zu haben. Erich Kästner hat „Die Schildbürger“ wunderbar feinsinnig nacherzählt. Lachen beim Lesen garantiert! Entdecken Sie ihre Welt und freuen Sie sich an ihrem närrischen Tun. Sie sind unschlagbar kreativ – und damit Herzöffner pur.

Fotos: Alamy, iStock, Unsplash / Tim Hufner

 

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