Herz aus Stöcken im Schnee

WIE DAS KALTE HERZ WIEDER WARM WIRD

Was geschieht, wenn ein einstmals warmes Herz plötzlich erkaltet? Wie ist es möglich zur Wärme zurückzufinden? Medizinisch wäre das eventuell möglich, aber auch „seelisch“?

Hier erfahren Sie mehr über

  • Peter Munk aus dem Schwarzwald
  • Vermeintliche Vorbilder
  • Den Weg zu mehr Freude

Text Irmela Neu

Schwarz-Weiß-Bild von Prof. Dr. Irmela Neu.

Prof. Dr. Irmela Neu lehrt Interkulturelle Kommu­nikation in Spanien und Lateinamerika an der Hochschule München für angewandte Wissenschaften (HM), gibt Seminare zur empathischen Kommu­nikation und ist Mitautorin des Buches „Kardiosophie“.

Alles beginnt mit der Sehnsucht nach Veränderung. Der schwäbische Dichter Wilhelm Hauff (1802 – 1827) hat ein visionäres Märchen über „Das kalte Herz“ geschrieben, das in diesen Zeiten besonders aktuell ist, weil es zum Nachdenken und -spüren über das anregt, was uns heue besonders bewegt.

Hauff erzählt das Schicksal vom „jungen Peter Munk“ aus dem Schwarzwald, der „ein schlauer Bursche“ war; in der Tradition seines Vaters und seiner Vorfahren stellte er als „Brenner“ Kohle und verkaufte diese in der Stadt, wie es in der Gegend seit jeher üblich war.

Die einsame Tätigkeit, der dunkle Wald, die tiefe Stille, ließen in ihm eine Sehnsucht nach Veränderung seiner gesamten Lebenssituation aufkommen. Er wollte raus aus seinem Berufsstand, aus seinem „elenden Leben“ in Monotonie. Er hatte es satt, ein ewig rußgeschwärzter, zur Armut verdammter Köhler zu sein.

Ihn gelüstete nach Neuem, was ihm soziale Anerkennung bringen würde. Kurzum, er wollte Reichtum, Ruhm und Ansehen durch einen entscheidenden sozialen Aufstieg. Er war karriereorientiert und suchte den Kick, es „zu schaffen“.

Unzufriedenheit macht abhängig

Dem jungen Peter schien das Leben anderer Gleichaltriger wesentlich attraktiver als seines. Er empfand beim Vergleichen Neid. Die Kleidung, Lebensart und das gesamte „savoir vivre“ der Menschen, mit denen er sich verglich und die nach und nach seine Influencer wurden, schienen ihm immer erstrebenswerter. Welch elegante Stiefel und lässig Pfeife rauchende Müßiggänger, die allseits hofiert wurden, waren diejenigen, denen er es gleichtun wollte.

Seine größte Bewunderung galt drei besonders reichen Männern: dem „dicken Ezechiel“, ein gerissener Geschäftsmann; dem „Schlurker“, dessen rücksichtsloses und unverfrorenes Benehmen man sich wegen seiner Machtposition gefallen ließ; und schließlich dem „Tanzboden König“, der die halbseidene Kneipen- und Musikszene der Unterwelt beherrschte.

Woher sie ihren Reichtum hatten? Da gab es allerlei Vermutungen und Gerüchte. Beliebt waren sie keinesfalls, eher sogar wegen ihres brutalen Vorgehens verhasst. Alle kuschten vor ihrer durch Reichtum erworbenen Macht. Für unseren Peter stellten sie Vorbilder dar, die er nicht nur erreichen, sondern sogar noch übertreffen wollte. Er war von dieser Absicht wie besessen. Und irgendwann hatte sie Besitz von ihm ergriffen.

Die Trias von Neid, Gier und Reichtum schlägt zu

Seine drei Vorbilder aber waren nicht nur reich, sondern auch geizig. Ihr „unermesslicher Geiz, ihre Gefühllosigkeit gegen Schuldner und Arme“ schlugen immer und allseits brutal zu.

Generell gilt: Der Neid heizt die Sehnsucht nach Reichtum bis hin zur Gier an. Das Haben-Wollen verselbständigt sich, wird zur Sucht. Letztlich beherrscht die Trias den Verstand, so dass dieser alles daransetzt, ihr zu dienen. Schließlich wird der Mensch völlig hiervon beherrscht, verliert die Bodenhaftung und bewegt sich nur noch in diesem Radius.

Die drei Vorbilder unseres Peters sind ein anschauliches Beispiel hierfür. Sie sind selbst abhängig und machen die Menschen von ihnen abhängig. Sie sind selbst würdelos und berauben die Menschen ihrer Würde. All das sieht unser Peter nicht; vielmehr glorifiziert er die Tatsache, dass die Umwelt vor ihnen kuscht – aus Angst vor ihrer Macht.

Der Weg zum Ziel

Der Weg zur Zielerreichung ist der Weg zur Selbstzerstörung oder: Müßiggang ist aller Laster Anfang.

Wie es sich für ein Märchen gehört, trifft Peter schließlich zwei Wesen, die zaubern können: zuerst das „kleine Glasmännlein“, das es sehr gut mit ihm meint, dann später den riesengroßen, skrupellos-verbrecherischen „Holländer Michel“, der ihn ins Verderben stürzt.

Beim kleinen Glasmännlein darf er zwei Wünsche aussprechen, die dann – dank dessen Zauberkunst – Wirklichkeit werden. Was wohl wünscht sich unser Peter? Als erstes, dass er besser tanzen kann als der „Tanzboden König“ und über doppelt so viel Geld für seine Vergnügungen in Kneipen verfügt als er. Als zweites wünscht er sich die „schönste und reichste Glashütte im ganzen Schwarzwald, mit allem Zubehör und Geld, sie zu leiten.“ Trotz der gut gemeinten Ermahnungen, dass er mit diesen Wünschen nur die Trias von Neid, Gier und Reichtum ohne Korrektiv durch den Verstand hervorruft, erfüllt das Glasmännlein ihm letztlich die beiden Wünsche.

Es kommt, wie es kommen muss: Peter gibt sich der Spiel-, Tanz- und Kneipenleidenschaft hin; die Glashütte verkommt mangels Interesse und der Fähigkeit, sie unternehmerisch zu leiten. Bald hat Peter all seinen Reichtum verpulvert und wird zum Gläubiger.

Aus der großen Not heraus begibt er sich zum bösen, wegen seiner brutalen Härte gefürchteten „Holländer Michel“, der einen ausgeklügelt windigen Holzhandel mit den Niederlanden betreibt.

Wegweiser mit einem Herz

Das kalte Herz verspricht die Lösung aus der Misere

Der teuflische Holländer Michel schlägt unserem Peter einen Deal vor, nämlich sein warmes, pochendes, lebendiges Herz gegen ein kaltes Herz aus Stein auszutauschen.
Die Überredungskunst des Holländer Michel könnte einem modernen Handbuch über Techniken zur Manipulation entstammen: Bitte, wozu, braucht der Mensch denn sein natürliches Herz? Es macht nur Ärger, lässt Leid so deutlich empfinden, macht krank, hindert am Wohlstand und Reichtum; die moderne Wissenschaft, so sei im Vokabular von heute ergänzt, kann doch Abhilfe schaffen!

Das kalte Herz muss also her! Es erhält, so das Argument, doch genauso am Leben, beschert nur Vorteile wie Ruhe, Gelassenheit und damit Handlungsfreiheit in alle Richtungen, so seine Überzeugungsrede. Sie wirkt.

Unser Peter lässt sich nach anfänglichem Zögern auf den Deal ein. Abgemacht und getan. Er tauscht sein warmes, pochendes, lebendiges Herz gegen ein Herz aus Stein aus. Der Holländer Michel legt sein Herz in einen Glasbehälter mit Flüssigkeit. Zu Peters Erstaunen sieht er weitere Gläser mit Herzen! Er erfährt, dass seine drei Vorbilder genau diesen Schritt vor ihm getan haben.

Die Narzissmus Falle oder: Hochmut kommt vor dem Fall

Fortan lebt er wie seine drei Vorbilder: skrupellos, grausam, gierig und besessen vom Reichtum. Er spürt gar nichts mehr, ist programmiert wie ein Roboter – kein Leid, aber auch keinerlei Freude. Schließlich will er heiraten, um sein Ansehen zu mehren. Es soll die Allerschönste und Tugendhafteste sein, darüber hinaus eine Frau, die sein „Glück und seinen Verstand“ gebührend zu preisen versteht. Narziss lässt grüßen!

Schließlich findet er die schöne, tugendhafte und mitfühlende Lisbeth, die mit ihm zwangsverheiratet wird. Immer wieder gibt sie Almosen, doch Peter nötigt sie brutal, diese „Geldverschwendung“ zu unterlassen. Als sie es eines Tages wieder tut, treibt ihn sein Jähzorn zur Gewaltanwendung gegen sie. Sie stürzt bewusstlos zu Boden. Obwohl sein kaltes Herz nichts mehr spürt, ergreift ihn schließlich die Blutleere des Entsetzens. In seiner Not sucht er wieder das kleine Glasmännlein auf, das es gut mit ihm meint.

Peter erhält sein warmes Herz wieder

Ja, das kleine Glasmännlein hilft ihm, indem es sich eine raffinierte List ausdenkt:
Er schickt unseren Peter mit genauen Instruktionen zum Holländer Michel. Dort angekommen, bezichtigt ihn dieser plangemäß der betrügerischen Lüge: er habe sein warmes Herz gar nicht gegen ein steinernes Herz eingetauscht. Er könne er gar nicht zaubern, seine angeblichen Fähigkeiten seien nichts als Lug und Trug.

Angesichts dieser schwerwiegenden Vorwürfe gerät der Holländer Michel außer sich vor Wut, setzt ihm sein warmes Herz wieder ein und fragt triumphierend, ob er nicht genau den Unterschied spüren könne. Vergeblich versucht er dann, die Aktion wieder rückgängig zu machen. Doch die Gebete von Peter wirken; der Spuk des teuflischen Holländer Michel ist beendet und alle Herzen fingen wieder an, „zu zucken und zu pochen, dass es tönte wie in der Werkstatt eines Uhrenmachers.“

Jetzt war der Betrüger der Betrogene!

Unser Peter erkennt und bereut zutiefst, welches Unheil er mit seinem kalten Herzen angerichtet hat. Es ergreift ihn große Dankbarkeit für sein wieder erlangtes warmes, lebendiges Herz, das ihm alle seine Empfindungen zurückgibt, die er nun wie ein Geschenk wertschätzt.

Frau hält Stickerei mit Herz vor Ihre Brust

Nur ein von Freude erfülltes Herz macht glücklich

Er spürt genau, worin der Unterschied zu einem kalten, skrupellosen und warmen, lebendigen, fühlenden Herzen besteht. Das kalte ist gefühllos, brutal und zur Gewalt bereit. Nur das warme ist zur Liebe fähig. „Liebe und Gewalt sind unversöhnliche Widersprüche“, so hat es Erich Fromm formuliert. Das warme Herz spürt Leid und Freude, löst Weinen und Lachen aus.

Die Freude in der Verbindung mit Menschen und Natur lässt das Herz vor Glück hüpfen. Aus diesem entsteht die Liebe zum Sein, zum Leben, zur Arbeit. Die dankbar aufgenommene Fülle aus der Freude erzeugt inneren und äußeren Reichtum – nicht um seiner selbst willen, sondern als Folge von zugewandtem Geben und Nehmen mit warmem Herzen. Freude, schöner Götterfunken!

Die Fähigkeit zur verbindenden Liebe ist es, die das Herz auszeichnet. Es ist ein Glück, das sich von innen verströmt. Nach dem kosmischen Gesetz der Resonanz zieht ein warmes Herz all das an, was es selbst empfindet.

Natürlich erlebt dies unser Held auch noch mit seiner Frau Lisbeth. Beide genießen ihr Leben in Liebe mit warmem, spürendem Herzen; sie bauen sich eine eigene, erfolgreiche Existenz auf, sind geachtet, angesehen und werden geliebt.

Welch ein beglückender Weg in die innere und äußere Freiheit! Ja, den Pfad der Freude ausfindig zu machen, dazu fordert uns das Leben auf. Es unterstützt uns dabei, ganz sicher! Nicht nur im Märchen …

Fotos: Unsplash / Abhishek Chadha, Nick Fewings, Yahor Urbanovich

 

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