Das Headerbild besteht aus zwei Bildhälften. Links umfasst eine Hand ein Smartphone mit einer grafischen Darstellung eines lächelnden Chatbots auf hellblauem Display. Rechts ist eine Nahaufnahme einer Hand zu sehen, die einen schwarzen Füllfederhalter über ein Blatt Papier führt. An der Schreibfeder hängt ein blauer Tintentropfen in Form eines Herzens; im unscharfen Hintergrund stehen eine hellblaue Keramikvase mit Zweigen sowie weitere Gegenstände auf einem Schreibtisch.

KI – WENN DIE SEELE AUS DER SPRACHE VERSCHWINDET

Nur nicht anecken, niemanden verletzen. Und schon gar nicht heikle Themen ansprechen – immer öfter werden auch im Privaten KI-geschriebene Mails verschickt. Bitte nicht! Ein Plädoyer für Menschlichkeit im Schriftverkehr.

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  • Sinnvolles Schreiben

Text Daniela Holsboer

Schwarz-weiß Porträt Daniela Holsboer.

Daniela Holsboer ist promovierte Literatur­wissen­schaft­lerin, Autorin und Expertin für Digital Detox. Unter ihrem Mädchen­namen Daniela Otto veröffent­lichte sie zwei Sach­bücher zu diesem Thema. Sie setzt sich als Vor­stand der Florian Holsboer Foundation für das Thema Mental Health ein.

Letztens erhielt ich eine E-Mail. Bevor es mit „Liebe Daniela“ losging, stand da: „Gerne. Hier eine freundliche Antwort“. Eieiei, dachte ich. War jemand bei Copy & Paste aus ChatGTP wohl etwas unachtsam.

Indes ist dies kein Einzelfall. Und eines vorweg: Sorry Leute, man merkt es. Sofort.

KI-generierte Mails lesen sich wie aalglatte PR-Texte. Alles Heikle wird weggelassen. Alles Provozierende gestrichen. Alles Eckige, Kantige, Problematische wird umschifft.

Das ist so spannend wie ein politisches Sommerinterview im ZDF. Außer Phrasen nichts dabei. Schade – doch scheinbar eine unaufhaltsame Entwicklung.

VERTRAUEN WIR UNS NICHT MEHR?

Warum machen die Menschen das? Aus Zeitmangel, gewiss. Eine KI schreiben lassen geht schnell. Sicher auch aus Unsicherheit. Wir leben in sensiblen Zeiten. Einerseits kann man fast alles behaupten, behauptet man aber doch das Falsche, wird’s schnell brenzlig und man riskiert das soziale Exil. Ich verstehe, dass man sich absichern will. Im beruflichen, professionellen Bereich – okay. Aber im Privaten? Sollten wir uns nicht vertrauen können?

Ich betrauere den Verlust, der damit einhergeht: die Echtheit, das Authentische, das Persönliche, es verschwindet. Zugleich taucht es – so spannend sind Medienwechsel – in anderer Form wieder auf. Podcasts (wer hat inzwischen keinen?) boomen. Klar, wer selber spricht, kann nicht gleichzeitig eine KI das Gesagte vermeintlich optimieren lassen.

Die großen Rhetoriker der Antike nutzten auch nur das gesprochene Wort – Pech, wer sich nicht daran erinnern konnte. Ganz so hoch würde ich Podcasts nicht aufhängen. Aber zumindest sind sie noch glaubwürdiger als diese langweiligen ChatGTP-Nachrichten.

Zweiteilige Bildkomposition: Links liegt ein handgeschriebener Brief mit blauer Tinte neben einem getrockneten Zweig und einem Füllfederhalter auf einem Holztisch. Rechts zeigt ein Tablet oder Bildschirm einen digital geschriebenen Text auf weißem Hintergrund; daneben liegt ein weißer Eingabestift.

WAS FÜR EINE EHRE: ZEITGESCHENKE!

Ach, ich vermisse die streitbaren Briefe! Die, in denen wir ins Risiko gegangen sind. Die Zeit gebraucht haben – sie zu schreiben, zu lesen, zu beantworten. Welch große Ehre – rückblickend – es doch war, einen seitenlangen handgeschriebenen Brief erhalten zu haben. Oder eine lange Mail. Jemand hat mir seine Zeit geschenkt. Wahnsinn.

Kommen diese Zeiten wieder? Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich auch einfach altmodisch. Darf ich aber sein. Ich bin froh, dass ich eine Kindheit ohne Handy hatte. Eine Jugend und ein Studium ohne Smartphone. Meine Doktorarbeit und meine Bücher geschrieben habe, bevor es KI gab.

KI-HINGABE VERSUS PERSÖNLICHKEIT

Gewiss muss man, wie immer, differenzieren. Es besteht ein Unterschied darin, ob ich eine KI alles machen lasse – oder mir, gerade, wenn ich mit Worten unbeholfen bin, von ihr helfen lasse, mich besser auszudrücken. Eine KI kann bei reflektierter Nutzungsweise gewiss auch ein wertvoller Helfer sein. Weder der Fernseher, der Computer, noch das Handy haben die Welt untergehen lassen. Auch die KI wird dies nicht tun.

Doch vieles hat sich verändert. Und die Frage ist: Was gewinnen wir dabei – und was verlieren wir?

Was ich anprangere, ist insbesondere eine blinde Hingabe an die KI, durch die wir auch an Persönlichkeit verlieren. Sprache – insbesondere die geschriebene – ist hochgradig individuell. Unverwechselbar wie der Gang eines Menschen.

„Ich kann dich lesen“ bedeutet so viel mehr als nur das intellektuelle Aufnehmen einer Botschaft. Jemanden lesen können bedeutet, sein Inneres zu verstehen, zu begreifen, vollständig zu erfassen.

Doch das wird unmöglich, wenn die KI übernimmt. Denn diese hat keine Seele. Und sie wird nie eine haben.

Geöffneter Laptop auf einem Schreibtisch. Auf dem Bildschirm beginnt eine E-Mail mit den Worten „Gerne. Hier eine freundliche Antwort.“; links daneben steht eine graue Tasse, rechts liegt ein Smartphone.

LIEBER FEHLER ALS PERFEKTION!

Ich will keine Unfehlbarkeit. Ich will Menschlichkeit. Kommafehler sind mir tausendmal lieber als vermeintliche Perfektion. Am Ende schreiben keine Menschen mehr miteinander, sondern Maschinen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Die Welt fühlt sich zusehends dystopisch an.

Was tun? Schreiben Sie selbst! Denn der Akt des Selberschreibens wird zum Akt der Höflichkeit, des Respekts. Zum Geschenk. Dieses Geschenk wird Resonanz erzeugen: Ihr Gegenüber wird Ihre Aufrichtigkeit spüren und sie mit großer Wahrscheinlichkeit zurückgeben. Wer das Echte kultiviert, gibt es weiter. Es mag weniger werden – doch somit nicht gänzlich verlorengehen.

Ach ja. Bei meiner Antwort auf die oben erwähnte Mail war ich so frei, aus Pietätsgründen den verräterischen KI-Hinweis zu löschen.

Die nächste Antwort war dann aber wieder genauso nichtssagend.

Und der Briefwechsel? War damit zu Ende.

Fotos: OpenAI

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