MALER UND MODELL
Paul César hat wie kein zweiter Künstler die Vorstellung vom Frauenbild der Belle Époque geprägt. Dies ist nicht zuletzt seiner Ehefrau zu danken: Alice Helleu. Ein Blick auf eine überaus glückliche Beziehung zwischen Künstler und Modell in Paris um 1900.
Hier erfahren Sie mehr über
- Kunst der Belle Époque
- Präsenz im Portrait
- Virtuose Zeichentechnik
Text: Dr. Alexander Kunkel

Dr. Alexander Kunkel studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Literatur an der LMU München. 2012 gründete er den Kunsthandel KUNKEL FINE ART mit Schwerpunkt auf Zeichnungen, Gemälden und Skulpturen des 19. bis 20. Jahrhunderts. Seit 2016 ist er Geschäftsführer der HIGHLIGHTS – Internationale Kunstmesse München.
Alice, Alice, Alice! Schon bei seiner ersten Begegnung mit Alice Guérin im Jahr 1884 wusste der um zehn Jahre ältere Maler Paul César Helleu, dass er der Frau seines Lebens gegenüberstand. Das Kennenlernen der beiden fand unter ungewöhnlichen Umständen statt. Denn Alices Mutter wollte nicht sie, sondern ihre ältere Schwester von dem spanischen Maler Rafael de Ochoa porträtieren lassen.
Dass jener sich ein Atelier mit Helleu teilte und dieser dadurch Familie Guérin kennenlernte, darf als Glücksfall betrachtet werden: 1886 heirateten Alice und Paul César, der fortan eine Vielzahl von Bildnissen seiner Frau schuf, die zu den schönsten Beispielen der Pariser Porträtkunst um 1900 zählen.

Fotografie von Paul César Helleu und Alice Guérin am Tag ihrer Verlobung,
Privatsammlung, © Foto: Les Amis de Paul-César Helleu
DER BEGINN EINER KARRIERE UND DIE KUNST DES RADIERENS
Bereits vor seiner Eheschließung hatte Paul César Helleu den Grundstein zu einer steilen Karriere gelegt. So bewegte er sich in einem elitären Kreis von Malern mit internationaler Reputation, dem unter anderem Claude Monet, Giovanni Boldini, John Singer Sargent, James Whistler und James Tissot angehörten. Letzterer führte Helleu in die Kunst des Radierens ein.
Diese Technik wurde neben der Zeichnung und der Malerei zu seiner eigentlichen Domäne und verschaffte ihm in ganz Europa sowie in den USA Bekanntheit. Darstellungen von Alice avancierten dabei zu den begehrtesten Motiven.

Fotografie von Helleu und seiner Frau Alice zu Besuch bei John Singer Sargent,
Privatsammlung © Foto: Les Amis de Paul-César Helleu
DAS LEBENSGEFÜHL DER PARISER BELLE ÉPOQUE
Der Erfolg von Helleus Kunst ermöglichte dem Paar und seinen vier Kindern einen komfortablen Lebensstil. Eine eigene Yacht und Aufenthalte in mondänen Badeorten zählten ebenso zu den Annehmlichkeiten wie der Bezug einer repräsentativen Wohnung unweit des Bois de Boulogne im vornehmen 16. Arrondissement. Nicht zuletzt liebte Alice exklusive Kleider, Hüte und Mode-Accessoires, die ihre Schönheit unterstrichen.
Ihrem Mann war dies nur recht, denn so ergaben sich fast von allein immer wieder neue Motive, die er in Szene zu setzen verstand. Jene Werke gewähren nicht nur intime Einblicke in das Privatleben der Helleus, sondern vermitteln auch einen authentischen Eindruck vom spezifischen Lebensgefühl der Pariser Belle Époque.

Paul César Helleu: Alice Helleu vor dem Kamin, um 1902, Kohle, Rötel, weiße Kreide und Pastellkreide auf Papier 70 x 55 cm, Signiert unten links,
© Foto: Walter Bayer, München
ALICE HELLEU VOR DEM KAMIN
Die mit verschiedenfarbigen Kreidestiften in repräsentativem Format ausgeführte Zeichnung Alice Helleu vor dem Kamin zeigt die auf einem Louis XVI-Stuhl sitzende Frau des Künstlers im heimischen Salon. Für Helleu typisch ist die Wiedergabe der Porträtierten von hinten. Hierdurch verleiht er der Situation eine intime Note, die durch die seitliche Bewegung des Modells zum Betrachter verstärkt wird.
Der direkte Blickkontakt, die natürliche Grazie sowie das angedeutete Lächeln unterstreichen Alices Präsenz zusätzlich. Es entsteht der Eindruck, als ob wir unmittelbar in das Lebensumfeld der Helleus getreten wären und nun für einen kurzen Moment daran teilnehmen dürfen. Die Strenge des neoklassizistischen Interieurs – auf dem Marmorkamin thront vor einem Spiegel eine Büste der Königin Marie Antoinette, die seitlich ein Vasenpaar flankiert – wird dank Alices ungezwungener Art auf subtile Weise abgemildert, ohne dadurch den großbürgerlichen Anspruch seiner Bewohner zu verleugnen.
Dieser wird nicht zuletzt durch die aufwendige Robe der Dame des Hauses unterstrichen, als deren Blickfang ein mit mitternachtsblauen Schleifen geschmückter Hut dient.

Paul César Helleu: Die Kennerin, um 1897,
Privatsammlung, © Foto: Les Amis de Paul-César Helleu
Mit seinem Werk Alice Helleu vor dem Kamin schließt Paul César Helleu an die Tradition des Trois Crayon (Kohle, Rötel, weiße Kreide) an, die im 18. Jahrhundert zu den bevorzugten Zeichentechniken in Frankreich zählte und bis ins frühe 20. Jahrhundert als Inbegriff von Raffinesse, Eleganz und Virtuosität galt.
An dieses Erbe anzuknüpfen und es durch ein dem zeitgenössischen Leben entnommenes Repertoire an Themen in die Gegenwart zu überführen war sowohl der Anspruch als auch Erfolgsgarant von Helleus Zeichenkunst.
Fotos: Oberstes Bild: Paul César Helleu: Alice Helleu vor dem Kamin, um 1902 (Ausschnitt), © Foto: Walter Bayer, München


