Palomino – Von der Sehnsucht nach Ursprünglichem
Was reizt so viele junge Menschen aus Europa, USA und Kanada an dem kolumbianischen Küstenort Palomino? Ein Reisebericht.
Hier erfahren Sie mehr über
- Die Karibik Kolumbiens
- Indigene Kultur
- Ein beschwingtes Lebensgefühl
Text Irmela Neu

Prof. Dr. Irmela Neu lehrt Interkulturelle Kommunikation in Spanien und Lateinamerika an der Hochschule München für angewandte Wissenschaften (HM), gibt Seminare zu empathischer Kommunikation, ist Autorin und studierte Politologin. www.irmela-neu.de
Noch vor 50 Jahren war Palomino ein kleines, unbedeutendes Fischerdorf mit wenigen Einwohnern, das allenfalls bei einigen betuchten Kolumbianern bekannt war, die sich dort oder im Umfeld ein Zweithaus oder so etwas wie eine Sommerresidenz bauen ließen. Kein Vergleich zu den früheren, kleinen, niedrigen Häuschen, da sie weit mehr Platz, Raum und Komfort aufweisen.
Wie überall auf der Welt, geht die Wachstumstendenz in die Höhe und Breite, doch das allgemeine Stadtbild ist hier generell (noch?) von diesen kleineren Häusern mit Gärten, üppigen Pflanzen und Bäumen geprägt. Allerorten gibt es kleinere, mittlerweile auch größere Läden, Cafés und Bewohner, die meist bei lauter Musik vor dem Haus in der Mittagshitze schattige Plätzchen aufsuchen.

Der besondere Reiz des Küstenortes „Palomino“ an der Karibikküste Kolumbiens: Blumen-Kraft
Ein Wandel vollzog sich, als im Zuge der „Hippie und Flower-Power-Bewegung“ Aussteiger vor allem aus den USA den besonderen Reiz des Ortes und seiner Umgebung entdeckten: eine tropische, dicht bewachsene Natur, noch naturbelassene Flüsse, das Gebirge der „Sierra Nevada de Santa Marta“ im Hinterland und natürlich die weiten Strände des Atlantik. Sie suchten eine Alternative zum Leben im Wohlstandskonsum mit seinen Normen, Verführungen und dem Stadtleben.
Raus in die Natur, das Ursprüngliche wieder finden, neue Formen des Zusammenlebens in radikal anderen Wohnverhältnissen aufbauen. Raus aus der Stadt-, rein in weite, naturbelassene Kleidung. Da gleichzeitig Indien als Land der Aussteiger und Suchenden beliebt wurde, kombinierten manche Aussteiger beides miteinander; nicht nur im Lebensstil und ihrem Aussehen, sondern auch in ihren Praktiken wie Yoga oder Meditation.
Es entstanden Wohngemeinschaften, Kommunen und neue Lebensformen. Schmuck, Kleidung und Kräutermedizin selbst herzustellen und zu verkaufen wurde immer beliebter. Viele Aussteiger kauften damals noch sehr billig zu erwerbende Grundstücke, in denen sie Gärten anlegten und die sie bebauten. Einige dieser Wohngemeinschaften dieser Art existieren auch heute noch und sind bei „Insidern“ bekannt.
Seit jener Zeit gibt es ein zunehmendes Interesse an der indigenen Bevölkerung – vor allem der „Kogi, Aruhacos und Wiwa“, die in den Gebirgsdörfern leben und die kleineren Städte wie Palomino zum Handel und Einkaufen aufsuchen.
Eine genauere, ausführlichere Beschreibung ihrer Weltsicht finden Sie hier.
Der Ort war und ist nach wie vor mehr als attraktiv für alle, die nach neuen, alternativen Lebensformen suchen.
Doch es gibt noch Weiteres zu erkunden, das bis zum heutigen Tag eine besondere Faszination ausübt. Schauen wir uns dies genauer an.

Das praktisch umgesetzte Wissen der indigenen Bevölkerung
Sofern sie nicht in die Städte abgewandert sind, leben deren Vertreter nach wie vor in ihren Dorfgemeinschaften. Die traditionellen Lebensformen sind vor allem bei den Kogi zu finden, da die „mamos“ streng darauf achten, ihr Gebiet vor Eindringlingen aller Art zu schützen, wozu auch die Touristen gehören.
„Mamos“ sind speziell ausgebildete Dorfälteste, Berater, Visionäre und Hüter der Gemeinschaft, wobei sie als Autoritäten in der jeweiligen Dorfgemeinschaft fest verankert sind.
Ihr großes Wissen hat der Alt-Hippie Silfo Cifuentes in seinem Buch „El indio interior – Memorias de un Hippie Kogui“ sehr anschaulich beschrieben, das in der zweiten Auflage 2023 nach wie vor nur auf Spanisch erschienen ist. Als er sich der Dorfgemeinschaft vor gut 50 Jahren vorstellte, musste er über eine lange Zeit vor den Mamos und in der Dorfgemeinschaft zahlreiche ihm gestellte Aufgaben bestehen, die ihn „auf Herz und Nieren“ prüften. Mit welchen Absichten wollte er in ihrer Gemeinschaft dabei sein? Das suchten sie herauszufinden.
Allmählich gelang es ihm, ihr Vertrauen zu erwerben, indem er auch einige Kenntnisse seines eigenen Wissens weitergab, so etwa beim Bau einer neuen Wohnstätte oder bei der Anlegung von Nutzgärten. Im Gegenzug lernte er sehr viel von ihnen: von der nachhaltigen Landwirtschaft mit ökologischem Fruchtwechsel, natürlichen Düngemitteln bis hin zum traditionellen Bauen vorwiegend aus dem Naturmaterial Lehm und der besonderen, kunstvollen Verarbeitung verschiedener Hölzer.
Nach indigener Vorstellung ist alles beseelt und verlangt eine sorgsame, respektvolle Behandlung im Rhythmus der natürlichen Gezeiten. Die Regeln des Zusammenlebens sind demgemäß eher streng: die Familie genießt eine besondere Achtung, die Arbeitsteilung ist klar strukturiert: die Frauen sind für Heim und Garten, Vorratshaltung, Planung und Verwaltung des Einkommens zuständig, um die Gesunderhaltung der Familie und Gemeinschaft zu gewährleisten.
Den Männern kommen weitgehend Schutzaufgaben, Reparaturarbeiten im Haus, Mitaufgaben für die Gemeinschaft zu. Natürlich sind gewisse Veränderungen klar im Trend. Doch auch wenn inzwischen die Spuren der modernen Zeiten in Ansätzen sichtbar sind, hat sich die traditionelle Lebensweise und eine gewisse Verschlossenheit und Zurückhaltung gegenüber neuzeitlichen Übergriffen auf ihr Territorium vor allem bei den Kogi auch weiterhin erhalten.
Was macht nun das Besondere ihrer Waren aus, die sie zum Beispiel in Palomino anbieten, und die überall sichtbar sind?

Die Präsenz der indigenen Bevölkerung
Von ihren Dörfern kommen die indigenen Familien, Frauen-, Männer- und Kindergruppen in die Stadt, um das für sie Lebensnotwendige ein- und ihre Waren zu verkaufen. Dazu gehören im Wesentlichen landwirtschaftliche Produkte und ihre Handarbeiten – insbesondere die aus Naturmaterialien gewebten Taschen, die überall in den Ständen und Läden zum Verkauf angeboten werden. Es sind nach wie vor die Frauen, die sie herstellen. Ja, es lohnt sich, sie genauer in Augenschein zu nehmen. Genau dies hatte ich vor, als mir der Zufall zu Hilfe kam. Dies sei nachfolgend beschrieben.
Es gibt auf dem Hin- und Rückweg von der Sierra Nevada in die Stadt ein geräumiges Unterkunftshaus, das sich zum Übernachten, Rasten und Verweilen eignet – und zwar jeweils ein Haus für die Frauen, ein anderes für die Männer, also eine strenge Trennung nach Geschlechtern. Auf einer Wanderung konnte ich mit den Frauen in ihrer Unterkunft Kontakt aufnehmen. Frauen aller Altersgruppen waren dabei, ihre kunstvollen, traditionellen Taschen herzustellen. Die Muster kannten sie auswendig, doch das Arbeiten mit einer dicken Nadel erfordert nicht nur viel Können, Geduld und Ausdauer, sondern auch Geschicklichkeiten im Umgang mit den Wollfäden verschiedener Farben.
Die Muster entsprechen dem traditionellen Verständnis der Verbundenheit mit dem Kosmos und der Natur. Die geometrische Anordnung und Wiederholung symbolisieren das ewig Gültige über Raum und Zeit hinweg. Wir sind ein Teil dessen, und die Herstellung der Taschen ist ein meditativer Prozess, der uns daran erinnert, dass wir selbst in das Webmuster und in seine Anordnung eingewoben sind. Die Naturfarben beige und braun entsprechen dem Holz und Lehm, das ihnen in weiter verarbeiteter Form zum Bau ihres Hauses als Schutzraum dient. All dies vereinen die Taschen in sich!
Welch andere Vorstellung einer Tasche, die im Verständnis industrialisierter Gesellschaften zur Kleidung passen soll, eine besondere Markenaffinität spiegelt, ein gewisses Statussymbol und die eigene Lebenseinstellung nach außen sichtbar macht! Wechselt die Mode, ist dies auch im Bereich der Taschen sichtbar. Mit „Kein Plastik“ kamen die Ökotaschen auf, ein Bekenntnis zur Nachhaltigkeit, was die Verwendung des Materials angeht.
Vor allem die von Aruhacas und Wiwa hergestellten Taschen haben Weiterentwicklungen erfahren und sich modernisiert. Sie verarbeiten farbenprächtige Variationen ihrer geometrischen Muster zu Taschen, Handyhüllen und mehr. So manche ihrer Taschen eignet sich auch für ein festliches Gesamtoutfit in Europa z.B. als das „i-Tüpfelchen“! Wenn dann noch die symbolische Bedeutung bewusst gewürdigt wird, ist ein interkulturelles Gesamtkunstwerk entstanden.

Der besondere Charme von Palomino
Die sichtbare Präsenz der indigenen Bevölkerung ist etwas Besonderes in Palomino. Deren Mitglieder sind leicht an ihrer weißen Leinenkleidung zu erkennen und natürlich an den Taschen, die sie über eine Schulter quer am Körper tragen oder auf dem Rücken, wobei der Haltegurt über der Stirn liegt; dies erfordert eine ausbalancierte Haltung des Kopfes, gar nicht leicht!
Die Stände und Läden, in denen die Taschen verkauft werden, befinden sich vor allem in der schmalen Straße, die von der Hauptstraße zum Meer führt, doch auch entlang der Hauptstraße, die zur Großstadt Santa Marta führt. Die Hauptstraße in Palomino trennt den touristisch geprägten Teil von jenem, der über kleinere Straßen zum Fluss Palomino und weiter weg gelegenen Ansiedlungen führt. Inzwischen haben sich auch dort Hotels und Herbergen angesiedelt, die entsprechend weiter weg vom Strand liegen. Die schmalen Straßen, die von der Hauptstraße in diesen strandferneren Teil führen, verwandeln sich bei (Stark-)Regen in Pfützenlandschaften.
Bleiben wir auf der schmalen Straße, die zum Meer führt. Manche Stände erinnern mit ihrem „indian style“ an die zu Hippiezeiten beliebte Kleidung ebenso wie der selbstgemachte Schmuck. Auch kommen Liebhaber von Kräutermedizin, Salben und Lebensmitteln aus naturbelassener Herstellung auf ihre Kosten. Für jeden Geschmack ist etwas dabei!
Natürlich auch in lukullischer Hinsicht mit köstlichen Speisen, die zahlreiche Restaurants anbieten. Einige gleichen zwar mit den üblichen Angeboten wie Pizza & Co. dem allgemeinen Trend, doch bieten andere besondere Spezialitäten wie Fischgerichte an, jedoch auch zu gehobenen, an Touristen angepassten Preisen.
Nicht so bei kleineren, etwas abseits gelegenen Restaurants von Einheimischen. Eine „Cervichería“ mit Fischspezialitäten erklärte ich zu einem meiner Lieblingsorte. Dort ist nicht nur das Speisenangebot vorzüglich, sondern auch der Besuch ein besonderes Erlebnis. Es geht dort menschlich zu: die Bedienungen sind freundlich, zu einem kleinen Schwätzchen bereit, der Koch sichtbar, es kommen die Kinder aus der Nachbarschaft, jagen Küken oder Katzen …
Das Restaurant „Donde la María“ ist in der Nähe des Strands, etwas versteckt. Dort krächzte ein nicht zu übersehender und -überhörender Papagei fröhlich ein einladendes „Hola“ und mehr. Gekocht wurde auf einem offenen Feuer in einem riesengroßen Topf – zumindest die Suppe. Die Besitzerin war meist persönlich anwesend und hatte alles in ihrem prüfenden, zugleich freundlichen Überblick.
Aber was macht denn nun die besondere Attraktion des Ortes Palomino vor allem für junge Rucksacktouristen aus?

Die besondere touristische Attraktion
Schon immer war die Karibik und auch Palomino ein Schmelztiegel von Menschen aus Afrika, Seeleuten, Abenteurern aus Europa und anderen Teilen der Welt. Dies prägt das Ambiente der Kleinstadt nach wie vor – ebenso wie seit Neuerem die Alt- und Neu-Hippies, Glückssucher, Lebenskünstler und eben Touristen. Vorwiegend sind es junge Rucksacktouristen, die hier ihr Ferienparadies finden wollen. Zahlreiche Herbergen bieten einigermaßen günstige Übernachtungsmöglichkeiten.
Natürlich ist es vor allem das Meer, die kräftigen Wellen, die Surfer anziehen. Im Januar und Februar 2026 haben Stürme und Regenmassen mit heftigen Überschwemmungen 17 Meter des Bilderbuchstrandes weggeschwemmt. Viele Surferstände und dadurch erst einmal verschwunden.
Doch es gibt Alternativen: Auf dem Fluss Palomino können sich bis zu vier Personen auf einem breiten Reifen von der Strömung außerhalb der Stadt bis in die Nähe der Stadt treiben lassen. Natürlich ist es keinesfalls mit Surfen zu vergleichen, ist es doch ein Angebot, das keine körperlichen Aktivitäten erfordert.
Dafür kann sich, wer will, an etwas Anderem erfreuen: mit dem aus Lianen gebundenen Seil, das ziemlich weit oberhalb des Flusses an einem Baumast befestigt ist, wie Tarzan mit Schwung in den Fluss fallen lassen. Etwas abenteuerlich ist es schon!
Für Wanderbegeisterte bieten mehrere Touristenagenturen Ausflüge in die nahe gelegene Sierra Nevada an, auch in einige Dörfer der Indigenen. Sonnenaufgänge und spektakuläre Ausblicke inklusive! Wahlweise gehören Reitausflüge zum Programm – und so Manches mehr.
Die kolumbianische, zum Tanzen anregende Musik ist überall präsent: in den Läden, Hotels, Restaurants, Privathäusern, auf der Straße – einfach überall. Es schallt und wallt allerorten! Vom Liebesschmerz, der -sehnsucht, von Abenteuern gelungener oder misslungener Art schmettert es in die Ohren und vermittelt ein heiteres, beschwingtes Lebensgefühl. Natürlich bieten sich für Tanzbegeisterte reichlich Gelegenheiten, vor allem nachts der Tanzleidenschaft zu frönen.
Doch es geht nicht nur ums „Spaß haben“; vielmehr liegt eine tiefere Sehnsucht zugrunde.
Die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen
Genau das ist es, was in den Großstädten von der Moderne überlagert wird. An diesem Ort gibt es eine besondere Kombination, die uns gewahr werden lässt und einfach guttut: zum einen eine noch weitgehend als intakt spürbare Natur, das Meer, ursprünglich belassene Flüsse, Gebirge, Wärme, Lebensfreude. Kinder, die wild spielen, Zeit zum Innehalten. Begegnungen.
Ein Leben in Einfachheit, wer das möchte, und sei es nur für die Ferien. Neue Erfahrungen, andere Menschen. Raus aus dem getakteten Alltag.
Was können wir daraus für unsere Zeit nach den Ferien wieder in unsere Umwelt mitnehmen? Ganz sicher die Fähigkeit, sich auch an kleinen Dingen und Begebenheiten zu erfreuen. Überraschungen wahrnehmen. Lösungen finden. Leichtigkeit leben.
Viel Freude dabei!
Fotos: iStock, Shutterstock, Privat


