Abstraktes Bild aus farbigen Lichtpunkten und dunklem Hintergrund, erinnert an ein digitales Netzwerk.

Purpose im Zeitalter von KI

Die Menschheit tritt in eine Ära ein, in der Intelligenz kein biologisches Privileg ist. Maschinen optimieren, antizipieren und breiten die Sphäre des Berechenbaren immer weiter aus – doch sie kennen keine biografische Verwundbarkeit, kein Bewusstsein von ihrer Endlichkeit und sie lieben nicht. Zeit für einen neuen Humanismus!

Hier erfahren Sie mehr über

  • Zukunftschancen
  • KI als Katalysator
  • Neuen Humanismus

Text Maik Hosang

Schwarz-weiss Porträt von Dr. Maik Hosang.

Dr. Maik Hosang ist ein deutscher Philosoph, Zukunftsforscher und Sozialökologe. Er ist Professor für Kulturwissenschaften an der Hochschule Zittau/Görlitz und leitet dort den Bachelor-Studiengang „Kultur und Management“.

Gerade darin liegt eine sanfte, aber machtvolle Einladung: Im Spiegel der Künstlichen Intelligenz erkennen wir, was wahrhaft menschlich ist. Mehr denn je kann dadurch sichtbar werden, was am Menschsein unersetzbar bleibt – die Fähigkeit, aus Begrenztheit Tiefe zu gewinnen und aus Unsicherheit Bedeutung zu schöpfen.

Menschliche Potenziale wie Kreativität, Metabewusstsein, Sinn und Liebe erscheinen vor diesem Hintergrund nicht als romantische Gegenpole zur Technik, sondern als Entwicklungsachsen, an denen sich eine neue Form von Humanismus ausbilden kann.

Während KI die Sphäre des Berechenbaren immer weiter ausdehnt, wächst der Druck – und die Chance –, die nicht-berechenbaren Dimensionen des Lebens bewusster zu kultivieren.

Halbes Frauengesicht, das mit digitalen Icons, Datenpunkten und Lichtstrukturen überlagert ist.

Kreativität: Das Wagnis des Unberechenbaren

Kreativität zeigt sich nicht nur in spektakulären Kunstwerken, sondern in jeder Entscheidung, die sich nicht vollständig aus Vergangenem ableiten lässt. KI kann heute Texte, Bilder und Musik erzeugen, die menschliche Ästhetik erstaunlich gut treffen; viele sprechen bereits von einer Art „synthetischer Kreativität“, bei der neue Kombinationen aus riesigen Datenräumen entstehen.
Doch im Kern jeder menschlichen Schöpfung steht ein existenzielles Risiko: die Möglichkeit zu scheitern, missverstanden zu werden oder das eigene Selbstbild zu irritieren.

Gerade hier eröffnet die Zusammenarbeit mit KI neue Räume. Indem Maschinen Routinen, Varianten und Alternativen vorschlagen, werden Menschen von einem Teil des kognitiven Ballasts befreit und können sich stärker auf Intuition, Urteilskraft und experimentelle Grenzüberschreitungen konzentrieren.

Kreativität wird weniger zu einem isolierten Akt eines genialen Individuums, sondern zu einem dialogischen Prozess, in dem menschliche Intentionalität und maschinelle Kombinatorik sich gegenseitig verstärken.
Der Mensch bleibt dabei derjenige, der Bedeutung vergibt, Wagnis eingeht und Verantwortung für die Folgen des Neuen übernimmt

Kleines Haus, aus dessen Dach ein grüner Baum wächst, vor hellem Himmel.

Metabewusstsein: Vertiefte Selbstbegegnung mithilfe des Datenraums

Noch nie war es so leicht, Spuren des eigenen Denkens und Fühlens zu beobachten. Digitale Systeme protokollieren Schritte, Entscheidungen und Vorlieben, während KI-Modelle Muster in diesem Verhalten sichtbar machen können – vom Kaufverhalten bis hin zu emotionalen Tendenzen.
Diese Transparenz kann bedrohlich wirken, eröffnet aber auch eine ungeahnte Schule des Metabewusstseins: Der Mensch sieht sich nicht mehr nur im Spiegel anderer Menschen, sondern auch im Spiegel seiner Daten.

Wenn klar wird, dass Algorithmen nur das verstärken, was bereits vorhanden ist, wächst die Frage: Welche inneren Muster sollen überhaupt verstärkt werden? Metabewusstsein bedeutet dann, nicht nur zu bemerken, dass Gedanken und Emotionen auftreten, sondern zu erkennen, dass sie formbar sind – individuell wie kollektiv.
KI zwingt so zu einer neuen Form der inneren Ehrlichkeit: Wer bin ich jenseits meiner Profile, Vorhersagen und Scores, und welche Version meiner selbst möchte ich in die Zukunft fortschreiben?

Junge Frau sitzt vor Laptop mit dem Blick nachdenklich zur Seite gerichtet.

Sinn: Orientierung jenseits von Effizienz

In einer Welt, in der Algorithmen Entscheidungen vorbereiten, Prozesse optimieren und selbst Lebensläufe strukturieren können, droht Sinn auf reine Funktionalität reduziert zu werden. Doch Sinn im existenziellen Sinn entsteht dort, wo ein Mensch eine Beziehung zu seinem Tun, zu anderen Menschen und zu einem größeren Ganzen erlebt. Diese Beziehung kann nicht aus Daten „herausgerechnet“ werden; sie wird in biografischen, kulturellen und spirituellen Deutungszusammenhängen geformt.

Gerade weil KI vieles messbar und vergleichbar macht, rückt die Frage nach dem Unmessbaren in den Vordergrund: Was ist ein gelungenes Leben, wenn Effizienz nicht mehr das knappste Gut ist? Wenn Maschinen Routineaufgaben übernehmen, wird Zeit frei – doch erst eine bewusste Sinnorientierung entscheidet, ob diese Zeit in Zerstreuung, in Selbstoptimierung oder in echte Vertiefung fließt.

Die Herausforderung des KI-Zeitalters liegt daher weniger darin, mehr Informationen zu verarbeiten, sondern Kriterien zu entwickeln, nach denen wir auswählen, wofür wir unsere begrenzte Lebensaufmerksamkeit einsetzen wollen.

Sinn entsteht, wenn Handeln und Sein sich berühren. In der global vernetzten Welt suchen viele nach Orientierung, nach einem Fixstern im Datenmeer. Doch Sinn kann nicht berechnet werden; er wird gefühlt, gelebt, geteilt.

Die KI mag Korrelationen erkennen, aber sie kennt keine Bedeutung. Wir hingegen können Bedeutung erschaffen – durch Aufmerksamkeit, Verbundenheit und Haltung.

Glühbirne, in deren Innerem eine grüne Landschaft mit Bergen dargestellt ist.

Liebe: Beziehungsfähigkeit im Schatten der Simulation

Kaum ein Bereich wird so stark von KI berührt wie unsere Beziehungen. Systeme können Emotionen erkennen, auf Stimmungen reagieren und Zuwendung simulieren, sodass Menschen sich tatsächlich gesehen und verstanden fühlen. Diese „emotionale KI“ kann Einsamkeit lindern, therapeutische Prozesse unterstützen oder soziale Interaktionen erleichtern – und zugleich die Grenzen zwischen echter Beziehung und technischer Inszenierung verschwimmen lassen.

Gerade deshalb gewinnt Liebe als bewusst gelebte Resonanzfähigkeit an Bedeutung. Liebe im tiefen Sinn meint nicht nur Romantik, sondern die Bereitschaft, die Realität des Anderen zu achten – inklusive seiner Unverfügbarkeit und Unberechenbarkeit. KI kann Zuneigung nachahmen, aber sie trägt kein eigenes inneres Leben, das bedeutungsvoll, verwundbar, veränderbar wäre. Indem Menschen diese Differenz fühlen und reflektieren, entsteht eine neue Ethik der Verbundenheit: Beziehungen zu Maschinen können hilfreich, tröstlich oder inspirierend sein, aber sie dürfen nicht den Raum verdrängen, in dem echte Gegenseitigkeit und gegenseitige Verantwortung wachsen.

Liebe ist kosmische Energie

Liebe ist dabei nicht nur ein individuelles Gefühl, sondern gewinnt – etwa in der Perspektive von Teilhard de Chardin – den Rang einer kosmischen Energie. In seiner Sicht treibt Liebe die Evolution des Universums voran, indem sie getrennte Elemente in immer komplexere und bewusstere Einheiten integriert. Im Kontext der KI kann dieser Gedanke so gelesen werden, dass technologische Vernetzung nur dann zu einer höheren Stufe kollektiver Entwicklung führt, wenn sie von einer Kultur der Verbundenheit, Fürsorge und Transzendenz getragen wird.

Daraus erwächst tendenziell auch ein neues, von der Begrenztheit der dies bisher vermittelnden Religionen befreites Verständnis der Liebe als jene Kraft, die alles verbindet. Als etwas, was kein Algorithmus je simulieren kann – ein Feld, das Präsenz und Anmut zugleich ist.

Liebe ist die Fähigkeit, das Andere als Teil des eigenen Seins zu erfahren. Wenn wir diese Qualität in unsere Technologien, Institutionen und Lernräume einweben, wird das Zeitalter der KI kein kaltes Maschinenzeitalter sein, sondern eine Erweiterung des menschlichen Herzens.

Eine neue Gestalt des Humanen

So betrachtet ist künstliche Intelligenz weniger Bedrohung als Katalysator. Sie macht sichtbar, welche Fähigkeiten delegierbar sind – und welche nicht. Alles, was sich vollständig automatisieren lässt, verweist indirekt auf das, was nicht automatisierbar ist: die Fähigkeit zu staunen, zu zweifeln, zu vergeben, zu trauern und zu hoffen.

Die Potenziale von Kreativität, Metabewusstsein, Sinn und Liebe können sich im Zeitalter der KI nicht trotz, sondern gerade wegen der technologischen Beschleunigung entfalten. Voraussetzung ist, dass der Mensch sich nicht auf seine Rolle als Nutzer oder Konsument reduziert, sondern sich als Ko-Kreator einer gemeinsamen Wirklichkeit versteht.

In diesem Verständnis entsteht eine neue Form des Humanismus: Technik erweitert das Außen, Bewusstsein vertieft das Innen – und zwischen beiden Sphären spannt sich der Raum, in dem der Mensch seine eigentliche Würde findet.

Fotos: iStock, Unsplash / Omar Lopez Rincon, Ardian Pranomo

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