Modernes Gemälde in Rottönen.

DAS SINNterview: „Storytelling war schon bei van Gogh entscheidend“

Was macht Kunst populär, was zeitlos berühmt, was zur Kapitalanlage? Der Kunsthändler Alexander Kunkel hat sich auf das 19. und 20. Jahrhundert spezialisiert. Ein Gespräch zur Entwicklung auf dem Kunstmarkt.

Interview: Hans Christian Meiser

Schwarz-Weiß-Bild von Dr. Alexander Kunkel.

Dr. Alexander Kunkel studierte Kunstgeschichte, Geschichte und Literatur, war bei Christie’s in London, dem Kunsthistorischen Museum in Wien und gründete 2012 Kunkel Fine Art in München. Zudem ist er Geschäftsführer von HIGHLIGHTS und hat einen Lehrauftrag an der LMU.

Bildende Kunst, speziell die des 20. und 21. Jahrhunderts, wird oft von denen, die sich kaum damit beschäftigen, mit Kopfschütteln bedacht, nicht nur in Bezug auf die Formgebung, sondern vor allem auch auf die meist exorbitanten Preise. Was sagt der professionelle Kunsthändler dazu? Handelt es sich hier um ein Missverständnis?

Dr. Alexander Kunkel: Die letzten Jahre waren von starken, oft gegensätzlichen Preisentwicklungen auf dem Kunstmarkt geprägt. Während Alte Meister und Kunsthandwerk in der Regel günstiger wurden, erlebte die Klassische Moderne, Nachkriegskunst sowie zeitgenössische Kunst eine regelrechte Hausse. Dies liegt teils an dem gestiegenen Vermögen einer breiten internationalen Käuferschicht, teils am gewandelten Geschmack einer neuen Sammlergeneration. Ob dieser Trend anhält oder aber sich wieder umkehren wird, wird die Zeit zeigen.

Kunst, nicht nur die Malerei, bedarf eines Marktes und geeigneter Vermittler. Oder anderes gesagt: Ein Literat ohne Agent, ein Maler ohne Galerist, ein Komponist ohne Auftraggeber ist angesichts der großen Konkurrenz fast chancenlos. Das bedeutet, dass der Weg zum Publikum meist nicht direkt vollzogen werden kann, und wenn doch, so ist er selten erfolgreich. Was ist der Grund dafür, dass es der Kunstvermittler bedarf?

Bereits in der Renaissance bildete sich ein Kunstmarkt heraus, dessen Strukturen den heutigen ähnlich waren. Auch damals schon traten Agenten im Namen der geistlichen und weltlichen Herrscher in Erscheinung, um für deren Sammlungen nach geeigneten Objekten Ausschau zu halten. Die von Ihnen angesprochene Arbeitsteilung verschafft dem Künstler die Freiheit, sich primär dem eigenen Schaffen widmen zu können.

Die Anforderungen des kunsthändlerischen Tagesgeschäftes – die Publikation von Katalogen, die Kontaktpflege mit Sammlern, Kuratoren und Museumsdirektoren, die Organisation von Ausstellungen etc. – sind sehr zeit- und arbeitsintensiv und verlangen ein hohes Maß an Professionalisierung. Kunstvermittler haben m. E. einen wesentlichen Anteil daran, dass sich die Kunst ungestört entfalten kann.

Sie sind Spezialist für die Kunst des 19. und 20.Jahrhunderts. Wie immer sind auch hier die Kunstwerke Spiegelbilder ihrer Zeit, der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse usw. Wie schätzen Sie die Kunst des (bisherigen) 21. Jahrhunderts ein? Wird sie ähnlich bedeutend werden wie die der vergangenen beiden Epochen?

Wie zu allen Zeiten wird letztlich nur ein kleiner Teil der Kunstproduktion von der Nachwelt als relevant empfunden werden. Künstlerinnen und Künstler, die sich heute großer Aufmerksamkeit erfreuen und zu hohen Preisen am Markt gehandelt werden, können schon in wenigen Jahrzehnten wieder aus dem Blickfeld verschwunden sein. Vermutlich werden dafür einige Aussenseiter des Kunstbetriebes in der Zukunft als wegweisend für die weitere Entwicklung der Kunst angesehen werden.

Was unsere Epoche sicherlich von vorangegangenen unterscheidet, ist der Aspekt der Globalisierung. Vielleicht wird sich herausstellen, dass andere Länder bzw. Kontinente Europa und die USA als Epizentren der Kunst ablösen, vielleicht aber auch nicht.

Es gibt in unseren Köpfen immer noch den Mythos, dass ein Maler ein unbürgerliches Leben führen sollte, mit vielen Abstürzen und gelegentlichen Höhenflügen. Eine solche Story mache ihn zum Künstler, der viel Geld bringen könnte. Ein verbeamteter Grundschullehrer, der vielleicht viel tollere Bilder malt, würde hingegen vom Markt und vom Publikum nicht anerkannt werden. Warum?

Storytelling ist und war schon immer ein entscheidendes Element bei der Anheizung des Kunstmarktes – die Lebensläufe von Künstlern wie da Vinci, Rembrandt und van Gogh liefern hierfür den besten Beweis. Dieses Element fällt bei einer von Höhen und Tiefen unberührten Biografie weg.

Gerade aber die Abenteurer und Grenzgänger der Kunst kommen oft mit interessanten Persönlichkeiten in Berührung (Musen, Galeristen, Kritikern, Mäzenen, Sammlern etc.) und werden durch diesen Austausch beflügelt. Dies ist erfahrungsgemäß kaum zu erwarten, wenn der Alltag des Künstlers durch einen nine to five-Job bestimmt wird.

  • Ein Mann inspiziert ein Gemälde genau.
  • Eine Kunstauktion ist in vollem Gange.

Auch Kunsthistoriker spielen eine wichtige Rolle im Kunstmarkt. Oft sprechen sie bei Vernissagen mit moderner Kunst kaum Verständliches und das Publikum nickt zustimmend. Ein Beispiel aus Ephraim Kishons Provokation „Picassos süße Rache“: Das Bild besteht nur aus einer leeren Leinwand und ist auf der Rückseite signiert. In der Kritikersprache würde das dann lauten: „Vorgezeichnete vibrierende Synthese als optische Distanz zu melodiöser Hyptertrophie.“ Welchen Einfluss haben solche Worte auf den Preis eines Kunstwerkes?

Hier drängt sich der Gedanke an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern auf. Sprich: irgendwann wird sich jemand zu Wort melden, um das auszusprechen, was alle anderen auch sehen und denken. Die Kunstgeschichte hält zahlreiche Beispiele parat, in denen hochgejubelte Künstler wieder verschwunden sind, wenn ihre Ansätze und Ansprüche à la longue als zu abgehoben und weltfremd erscheinen. Durchaus ein tröstlicher Gedanke für all jene, die einer zu vergeistigten bzw. pseudointellektuellen Kunstkritik nicht folgen können oder wollen…

Wenn man Kunst als Kapitalanlage betrachtet, wann wäre dann der rechte Zeitpunkt einzusteigen bzw. kann man – ähnlich wie beim Börsengeschehen – verstehen lernen, wie der Markt funktioniert?

Wie jeder Markt ist auch der Kunstmarkt ständigem Wandel unterlegen. Bewegung aber ist ein Element, das sowohl Risiken als auch Chancen mit sich bringt, egal ob wir uns in einer Phase des Auf- oder Abschwungs befinden. Was ich am Kunstkauf interessierten Personen als Kunsthändler stets empfehle, ist sich zuallerst auf Werke von Künstlern zu konzentrieren, die dem eigenen Geschmack entsprechen. Dies wird dann meist von alleine zu einer intensivierten Auseinandersetzung mit der Materie führen.

Im weiteren Verlauf wird man die Akteure und Mechanismen des Marktes kennenlernen und zunehmend besser verstehen. Wie bei jeder Kapitalanlage gilt auch für den Kunstmarkt, dass man sich erstens selbst damit beschäftigen sollte und zweitens auf die Expertise eines erfolgreichen Akteures am Markt verlassen sollte.

Bilder alter Meister, solange sie nicht von Rembrandt, Dürer o.a. stammen, erzielen heute kaum mehr einen adäquaten Preis, obwohl ihre Schöpfer für die Kunstgeschichte bedeutsam sind oder sogar Museen nach ihnen benannt sind, so wie Franz von Lenbach zum Beispiel. Kann es sein, dass diese Künstler eines Tages wieder wertvoll werden oder muss man diese Hoffnung ein für allemal begraben?

Die Kunst der Alten Meister wie des 19. Jahrhunderts erfährt immer wieder Phasen allgemein steigender und fallender Preise. Diese Trends sind allerdings nicht schnelllebig, sondern ziehen sich über Generationen hinweg. Sollte das Sammlerherz für Werke einer derzeit unterbewerteten Epochen schlagen, bietet dies die Gelegenheit, Erwerbungen zu günstigen Konditionen zu machen. Man kann in der vermeintlichen Krise also durchaus Chancen sehen.

Nahaufnahme eines Auges vor einem Pflanzenstiel mit Dorn.

Von Friedrich Nietzsche stammt der Satz „Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen.“ Er will damit sagen, dass Kunst eben immer ein wichtiger Realitätskatalysator ist, der uns hilft (oder: helfen sollte), die moderne, unübersichtliche Welt besser zu verstehen. Leistet die moderne Kunst das noch?

Das ist m.E. eine sehr schwierig zu beantwortende Frage. Seit Beginn der Neuzeit, also seit über einem halben Jahrtausend, erlebt der Mensch die Welt als ein immer komplexer werdendes Phänomen. Neueste Erkenntnisse der Wissenschaft stellen alte Gewissheiten in Frage, die voranschreitende Technisierung bringt nicht nur Komfort, sondern auch Unbehagen.

Dass die zeitgenössische Kunst unsere Gegenwart leichter verständlich macht, wage ich zu bezweifeln. Allerdings konfrontiert sie uns mit Fragen und Problemen, auf die wir Antworten suchen. Damit hilft sie uns, das Bewußtsein für die Unsicherheiten und Unwägbarkeiten unserer Zeit zu schärfen.

Kürzlich wurde ein digitales Kunstwerk, das nur aus Pixeln bestand, für 63 Millionen Dollar versteigert. Digitale Briefe, digitale Bücher, digitale Kunst, digitales Geld: Werden wir uns in nicht allzuferner Zukunft vollständig entgegenständlichen?

Mit die ältesten Artefakte der Menschheit sind Papyrusrollen aus Ägypten. Wir dürfen gespannt sein, was in 5.000 Jahren noch von der Digitalisierung übrig sein wird, wenn es den Menschen dann überhaupt noch gibt…

Herr Kunkel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch und hoffen, dass die Kunst in unserem Leben den Platz einnimmt, der ihr gebührt.

Fotos: Adobe Stock, Unsplash / Hasan Almasi

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