Unscharfe Nahaufnahme einer Frau von hinten mit blondem Dutt vor rosafarbenem Hintergrund, die sich drei Bilder anssieht.

SINNTERVIEW MIT ROGER DIEDEREN: HAAR – MACHT – LUST

Bis zum 4. Oktober 2026 zeigt die Kunsthalle München eine Ausstellung über das Phänomen „Haare“. Dazu ein sensibilisierendes Sinnterview mit Direktor Roger Diederen über jene Aspekte der Haare, die uns oft gar nicht bewusst sind.

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  • Macht
  • Leidenschaft
  • Politische Statements

Interview Hans Christian Meiser

Schwarzweiß-Porträt von Roger Diederen.

Roger Diederen, geb. in Heerlen (Niederlande), promovierte an der Universität von Amsterdam in Kunstgeschichte und arbeitete an vielen renommierten Museen in Amerika. Seit 2013 ist er Direktor der Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung.

Ich muss gestehen, dass ich mich mit dem Thema „Haare“ und deren kulturellen Bedeutung nur am Rande beschäftigt habe. Nun, nachdem ich die Exponate der Ausstellung gesehen habe, bin ich fasziniert, wie sehr das Haar des Menschen über die Jahrhunderte die Kunst- und Kulturgeschichte geprägt hat. Ging Ihnen das ebenso, als Sie begannen, diesen faszinierenden Überblick für die Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung zu konzipieren?

 Absolut. Tatsächlich beschäftige ich mich mit Haaren als Ausstellungsthema schon seit einigen Jahren – gerade weil es jeden Menschen betrifft, oft umso mehr, wenn Haare fehlen. Bei der Konzeption wurde mir erneut bewusst, wie sehr wir die kulturelle Vielschichtigkeit dieses scheinbar Selbstverständlichen unterschätzen.

Haare sind ein Medium – ähnlich wie Kleidung –, das seit Jahrhunderten von Künstlern genutzt wird, um Identität, Status, Glauben und Emotionen sichtbar zu machen. Diese Vielschichtigkeit trägt die gesamte Ausstellung.

Nahaufnahme eines teilweise rasierten Kopfes mit buntem Irokesenschnitt in Grün-, Blau- und Pinktönen. Foto von Herlinde Koelbl, Projekt Haare, Punk, 2007 Fotografie, 100 x 80 cm © Herlinde Koelbl.
Herlinde Koelbl, Projekt Haare, Punk, 2007 Fotografie, 100 x 80 cm © Herlinde Koelbl

Das Haar, soviel wird beim Betrachten der Ausstellungsgegenstände von der Antike bis zur Gegenwart klar, hat eine Bedeutung, die immer auch mit einer Wirkung verbunden ist. Es ist also seit jeher ein Statement. Wie lautet Ihrer Ansicht nach die Haarbotschaft des Jahres 2026?

Hm, wie wäre es mit Ambivalenz? Zwischen radikaler Individualität – etwa im expressiven Styling eines Fußballers – und bewusster Inszenierung, wie wir sie von Künstlerinnen wie Lady Gaga kennen. Anders als bei Hippies oder Punks steht Haar heute weniger für eine klare Zugehörigkeit. Es ist ein flexibles Statement geworden – wandelbar, situativ und gerade darin Ausdruck unserer Gegenwart.

„In Westeuropa sind Haare politisch subtiler geworden, im Iran riskieren mutige Frauen durch das unverhüllte Tragen ihrer Haare ihr Leben.“

Haare sind, man glaubt es kaum, auch politisch. Doch jeder, der z.B. an die Beatles-Ära oder das Musical „Hair“ aus dem Jahr 1969 zurückdenkt, wird dem zustimmen. Was bedeuten unsere Haarschnitte in Westeuropa heute für dieses Thema?

In Westeuropa sind Haare politisch subtiler geworden, aber keineswegs unpolitisch. Fragen von Gender, Herkunft oder Selbstbestimmung werden weiterhin über Haar verhandelt – ebenso wie Phänomene des bewussten „Nicht-Stylings“, etwa der Dreitagebart. Das Politische liegt heute oft in der Entscheidung, sich nicht zu normieren.
Umso deutlicher wird die existentielle Dimension andernorts: etwa bei den mutigen Frauen im Iran, die allein durch das unverhüllte Tragen ihrer Haare ihr Leben riskieren.

Übereinandergeschlagene nackte Beine mit behaarung und schwarzen Schuhen vor mintgrünem Hintergrund. Ilse Haider, La Stilla (2), 2002 Farbfotografie, C-Print auf Aluminium, 80 x 65 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2025.
Ilse Haider, La Stilla (2), 2002 Farbfotografie, C-Print auf Aluminium, 80 x 65 cm © VG Bild-Kunst, Bonn 2025

Kopf-, Bart-, Achsel-, Schamhaare: Alles kann eine aussagekräftige Bedeutung haben, selbst wenn es nicht vorhanden ist. Das bedeutet aber auch, dass das scheinbar Alltägliche über eine enorme Wirkmacht verfügt. Bei welchen Haaren sehen Sie diesen Gedanken am kraftvollsten vertreten?

Es geht weniger um einen bestimmten Haartypus als um den Umgang mit dem eigenen Haar – oder auch dessen Fehlen. Zeigt ein Mann selbstbewusst seine Glatze oder versucht er, das vermeintliche Manko zu kaschieren? Die Rasur kann Befreiung, Kontrolle oder Demütigung bedeuten.

Eine Künstlerin wie Frida Kahlo, die ihre Oberlippenbehaarung bewusst inszenierte, oder ein Model wie Sophia Hadjipanteli mit ihrer Monobraue zeigen, wie sehr gerade das Individuelle zum Statement werden kann.

Der Umgang mit Haar macht sichtbar, wie eng es mit Würde, Körperhoheit und Identität verknüpft ist.

Dunkelhäutiges Mädchen mit langen geflochtenen Haaren steht vor gelbem Hintergrund; die Haarzöpfe gehen in schwarz gezeichnete, spiralförmige Linien über. Laetitia Ky, Fighter, 2023 C-Print auf Diasec-Plexiglass Satin, 75 x 50 cm Courtesy LIS10 Gallery © Laetitia Ky
Laetitia Ky, Fighter, 2023 C-Print auf Diasec-Plexiglass Satin, 75 x 50 cm Courtesy LIS10 Gallery © Laetitia Ky

In früheren Zeiten waren es stets Könige oder Königinnen, die durch Ihr Haar Botschaften vermittelten; später waren es diejenigen, die Recht sprachen, wenn man an die Richterperücken denkt, die heute teilweise noch in England aktuell sind; und dann natürlich Künstler und vor allem Musiker der Pop- und Rockkultur, die mit ihren Haaren auffielen. Otto Normalverbraucher hat hingegen meist nicht das Bedürfnis, mit seinen Haaren aus der Masse hervorzuragen, er imitiert lieber.
Ist dies auch ein Zeichen, dass, wer etwas Besonders sein möchte, es am besten durch seine Haare zeigt, da diese ja für alle sichtbar sind?

 Haare sind tatsächlich ein niedrigschwelliges, aber hochwirksames Kommunikationsmittel. Wer auffallen will, nutzt sie – weil sie sofort sichtbar sind und zugleich wandelbar. Aber ebenso sprechend ist die Anpassung: Auch sie ist eine Entscheidung, keine Neutralität.

 

„Gerade in der Übersteigerung zeigt sich, wie Haare in der Kunst genutzt werden, um seelische Zustände sichtbar zu machen.“

Salvador Viniegra y Lasso de la Vega, Der erste Kuss, 1891 Öl auf Leinwand, 128 x 225 cm © Photographic Archive, Museo Nacional del Prado, Madrid
Bild von Salvador Viniegra y Lasso de la Vega, Der erste Kuss, 1891 Öl auf Leinwand, 128 x 225 cm © Photographic Archive, Museo Nacional del Prado, Madrid

Die Biologie weiß, dass unsere Haare gewissermaßen die Endpunkte der Nerven darstellen, weshalb sich uns z.B. „die Haare aufstellen,“ wenn wir Angst empfinden oder in andere emotionale Ausnahmezustände geraten. Haare sind also auch ein äußerer Gradmesser für innere Zustände. Gibt es in Ihrer Ausstellung auch hierfür Beispiele?

Ja, sehr eindrücklich etwa in Antoine Bourdelles Porträtbüste von Ludwig van Beethoven von 1891. Die dort dargestellte, fast eruptive Haarmähne entspricht weniger der historischen Realität als vielmehr einer künstlerischen Zuspitzung: Für Bourdelle wird das Haar zum Ausdrucksträger der inneren Spannung und emotionalen Intensität des Komponisten. Gerade in dieser Übersteigerung zeigt sich, wie Haare in der Kunst genutzt werden, um seelische Zustände sichtbar zu machen.

Anhand der Geschichte des Dritten Reiches kann man ablesen, wie Haare auch zu politscher Propaganda missbraucht werden können: Der Arier sollte blond sein, da er sich schon durch diese „Reinheit“ von allen anderen „Rassen“ abhob. Im Nachkriegsamerika haben Walt Disney u.a. diese Botschaft subtil weitervermittelt: Das Böse ist immer dunkelhäutig, spricht einen Akzent und hat einen Bart. Ist es nicht fatal, wie sehr Menschen auf solche plumpen Botschaften hereinfallen bzw. sich von Ihnen fehlleiten lassen?

Es ist fatal, aber auch aufschlussreich. Psychologisch ist gut belegt, dass Menschen zunächst reserviert auf diejenigen reagieren, die anders aussehen. Im persönlichen Kontakt relativiert sich das jedoch schnell.

Haare wurden immer wieder instrumentalisiert, um einfache Bilder von „Wir“ und „den Anderen“ zu erzeugen. Die Ausstellung zeigt, wie konstruiert diese Zuschreibungen sind – und wie wichtig es ist, sie kritisch zu hinterfragen.

Bild von Sandro Botticelli, "Portrait einer jungen Frau", 1475-1480, 55,4 x 43 cm. Foto: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Christoph Schmidt; Public Domain Mark 1.0
Sandro Botticelli, "Portrait einer jungen Frau", 1475-1480, 55,4 x 43 cm. Foto: Gemäldegalerie, Staatliche Museen zu Berlin / Christoph Schmidt; Public Domain Mark 1.0

In Polynesien, speziell auf Tonga, also bei den Menschen, die nach unserer Ansicht besonders schönes Haar haben, habe ich einen besonderen Brauch kennengelernt: Wenn man ein Kind über den Kopf streichen wollte, geschah dies in einem Abstand von ca 1 cm zum Haar. Gefragt, warum dies so sei, erhielt ich zur Antwort, dass das Berühren der Haare „tabu“, also verboten sei, weil sich dadurch eine fremde Energie mit der des Besitzers mische. Sollten z.B. Eltern diesem Beispiel folgen?

Solche Praktiken erinnern daran, dass Haare in vielen Kulturen eine spirituelle Dimension haben. Ob man das übernimmt, ist eine persönliche Entscheidung – aber der Respekt vor der Intimität des Körpers, den solche Rituale ausdrücken, ist universell relevant.
Zugleich zeigt sich darin, wie bedeutsam Berührung ist: Für mich persönlich wäre es ein Verlust, einem sehr nahestehenden Menschen nicht durch die Haare streichen zu können.

Durch das Erlebnis dieser Ausstellung kann man endlich verstehen, weshalb ein Berufsstand, dem früher eher wenig Beachtung entgegengebracht wurde, heute ganz anders wahrgenommen wird. Ich spreche vom Friseur. Ist er heute der Künstler, der es vermag, uns die Persönlichkeit, die wir vielleicht nicht haben, zu vermitteln, oder sie hervorzuheben, falls wir uns dies wünschen? Oder anders gefragt: Sind Friseure diejenigen, die die Kunst- und Kulturgeschichte beeinflussen?

Der Vorgänger des Friseurs ist der Barbier, der einst auch medizinische Eingriffe wie das Zähneziehen übernahm – eine Figur mit besonderem gesellschaftlichem Stellenwert. Die Ausstellung zeigt, dass Körper- und Haarpflege seit jeher ein grundlegendes Bedürfnis sind, auch wenn sie historisch stark von sozialen Fragen geprägt waren. Ebenso spielt die Gestaltung von Haaren immer eine zentrale Rolle. Friseure sind heute längst mehr als Dienstleister – sie sind Gestalter von Identität im Alltag. Sie erheben vielleicht nicht den Anspruch, Kunstgeschichte zu schreiben, prägen aber zweifellos unsere visuelle Kultur.

Ich danke Ihnen und wünsche der Ausstellung viele Besucher, die sich von diesem faszinierenden Thema begeistern lassen!

Fotos:  Kunsthalle München 2026, Aufmacher: © Kunsthalle München 2026 / Robert Haas

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