Aufgeschlagenes Buch mit leicht gewellten Seiten in stimmungsvoller Beleuchtung.

ZUM JUBILÄUM – RILKE UND ICH (Teil 1)

Kaum ein Schriftsteller hat unseren Autor so sehr fasziniert wie Rainer Maria Rilke, der 2025 seinen 150. Geburtstag und 2026 seinen 100. Todestag hat. Hans Christian Meiser vergöttert den Dichter zwar nicht gerade, himmelt ihn aber an.

Hier erfahren Sie mehr über

  • Das Phänomen Rilke
  • Die Verbindung Gleichgesinnter
  • Ein Schloss und eine Grabstätte

Text Hans Christian Meiser

Schwarz-weiss Porträt von Hans Christian Meiser.

Dr. Hans Christian Meiser ist Philosoph und Publizist, zudem Herausgeber und Chefredakteur von PURPOSE, dem Magazin für Sinnhaftigkeit. Dieses Thema zieht sich durch sein gesamtes Werk.

Zugegeben: Rilke hatte mich seit meinem 14. Lebensjahr fasziniert. Zunächst waren es die besonderen, magischen Worte, die ich in seinen Gedichten entnahm, „Weltinnenraum“ zum Beispiel; später, als ich mich zusätzlich mit seinem Leben befasste, überkam mich das eigenartige Gefühl, dass ich es dem Dichter gleichtun müsse, um die Welt, die wir alle bei unserer Geburt vorfinden, sagbar zu machen.

Es war Rilkes Anliegen, das Unsichtbare sichtbar werden zu lassen, es der Melodie des Seins zu entlocken, um es wiederum als Wortgesang für andere hörbar zu machen.

Historisches Porträt von Rainer Maria Rilke.

AUF DEN SPUREN RILKES, DEM REISENDEN

Rainer Maria Rilke war ein Sänger, ein fahrender noch dazu, denn er blieb selten an einem Ort, durchquerte Europa, war unbehaust und fand doch seine letzte Zuflucht in der Schweiz, im Schlösschen Muzot bei Sierre, wo er die Meisterwerke „Duineser Elegien“ vollendete und die „Sonette an Orpheus“ verfasste.

Vor vielen, vielen Jahren hatte ich Muzot aufgesucht (es war damals noch der Öffentlichkeit zugänglich, auch wenn kaum jemand vorbeikam) und war nicht nur von der Landschaft fasziniert (auf den Bergen lag der Schnee, unten im Tal blühten die Weinreben), sondern auch von der etwas düsteren Atmosphäre, die dem Schlösschen, das eher einer kleinen Burg glich, entströmte. Und ich stellte mir vor, wie der Dichter hier lebte und arbeitete.

In den Jahren danach lernte ich verschiedene Orte, an denen er verweilte, kennen, und ich verstand immer mehr, weshalb eines seiner zentralen Themen das der Freiheit war, auch wenn die Literaturwissenschaft diese Erkenntnis bis heute kaum wahrgenommen hat.

Rilkes Freiheit spiegelt sich in drei Themen wider, um die sein Werk (auch) kreist: Schöpferisches Einsamsein – Eigener Tod – Besitzlose Liebe. Wie diese Motive zusammenhängen und einander bedingen, habe ich in meinem Buch „Denn Bleiben ist nirgends“ (PalmArtPress, Berlin 2025) dargestellt.

Titelseite des Buches "Denn Bleiben ist nirgends" von Hans Christian Meiser

DAS SCHLOSS DUINO UND DIE TEAPARTY OF MISS MOON

Noch mehr als Muzot freilich hatte mich das Schloss Duino bei Triest beeindruckt, das ich durch einen Zufall im Jahr 1981 besuchte und das mir über Jahre hinweg zu einem sehr vertrauten Ort wurde, dank der liebenswürdigen Gastfreundschaft von Raimondo Principe della Torre e Tasso, dessen Großmutter jene berühmte Marie von Thurn und Taxis war, der Rilke seine „Duineser Elegien“ widmete, die er dort begonnen hatte.

Dieser Ort im Triestiner Karst, wo die großartige, mächtige Natur den Menschen in seinem geistigen Streben anzunehmen und zu beschützen scheint, machte mich mit der geistigen Situation einer Welt von gestern vertraut, und als der Fürst mir eines Abends das Märchen „The Teaparty of Miss Moon“ vorlas, das seine Großmutter für ihn und seinen Bruder Louis ca. 1910 ausgedacht, aufgeschrieben und mit zarten, verträumten Gouachen illustriert hatte, wusste ich, dass dieses bislang unveröffentlichte Werk diesen Status nicht behalten sollte. Denn die Kinder liebten das Buch so sehr, dass sie auf allabendlichen Besuch bei Miss Moon bestanden, und auch der nächsten Generation wurden die Gestalten der Geschichte auf gleiche Weise vertraut.

Aufgeschlagene Seiten mit handschriftlichen Notizen und Zeichnungen.

Ich übersetzte dieses Werk, das auf Englisch geschrieben war (Englisch war die erste Sprache, welche die Enkelkinder erlernten), ins Deutsche und publizierte es im Parabel Verlag, Feldafing.

Sofort gewann es einige Preise und ich war stolz, in so jungen Jahren etwas, das mit meinem Idol Rilke zusammenhing, veröffentlicht zu haben, und es ihm dort, wo auch er 60 Jahre zuvor ein- und ausgegangen war, gleichzutun.

Küstenlandschaft mit einem monumentalen Bau auf einem bewaldeten Felsvorsprung und Blick auf das blaue Meer.

„ROSE, OH REINER WIDERSPRUCH“

Unweit von Sierre, im Schweizerischen Wallis, liegt der Ort Raron. Hier ist Rilke begraben. Auf dem Wege nach Zermatt, wo ich ebenfalls oft weilte (ich betreute den Schriftsteller Otto Mainzer, der nach Amerika hatte emigrieren müssen und jedes Jahr den Sommer in Zermatt verbrachte), machte ich hier stets Halt, um Rilkes Grab zu besuchen.

Dort steht die rätselhafte Inschrift:

Rose, oh reiner Widerspruch.

Lust,

niemandes Schlaf zu sein

unter soviel

Lidern.

Grab von Rainer Maria Rilke in Raron (Schweiz).

Unterhalb des Friedhofs, der auf einem Berghügel liegt, befindet sich die Felsenkirche St. Michael, die 1974 von dem Architekten Donat Ruf geschaffen wurde. Sie ist die größte Kirche der Neuzeit, die sich vollständig in einem Berg befindet, hochmodern und trotzdem von dichtester spiritueller Atmosphäre erfüllt. Die Kombination mit der Rilke-Grabstätte schafft etwas Unvergleichliches, das jeden Besucher ergreift: die Beschäftigung mit der Endlichkeit und die Hoffnung auf Ewigkeit. Beides ist hier spürbar – ganz wie in Rilkes Werk.

Berglandschaft mit einer kleinen historischen Siedlung und Kirche.

FREI SEIN UND SINN STIFTEN!

All das und noch mehr beindruckte und beschäftigte mich über die Jahre dermaßen, dass am Ende meines Philosophiestudiums die Promotion über Rilke stand. Die Arbeit hieß „Frei sein. Das implizite Erfahren subjektiver Freiheit im Werke Rainer Maria Rilkes.“

Sie wiederum war nicht das Ende, sondern der Beginn einer weiteren Beschäftigung mit dem Dichter, weshalb ich noch stundenlang über Rilke referieren könnte.

Ich möchte aber meine sehr persönliche Betrachtung mit dem Gedanken abschließen, dass die Vertiefung in das Werk Rilkes gerade in unserer Zeit, in der vielen die große Zusammenschau verloren gegangen ist, in der vielen die große Architektur der Welt unter den Händen zu zerbrechen droht, in der wir zwischen dem Nicht-Mehr und dem Noch-Nicht leben, sinnstiftend ist.

Und hier schließt sich der Kreis mit dem Purpose Magazin. Auch wir wollen die noch erkannte Gestalt weitereichen, im Einklang mit uns selbst wie mit der gefährdeten Gattung Home sapiens. Nicht die „No Future Generation“ wollen wir verkünden, für eine „New Future Generation“ wollen wir hoffen.

Das Werk des Rainer Maria Rilke wirkt dabei mehr als hilfreich. Es ist nicht nur die Art, wie er die Dinge aus sich selbst heraus sprechen lässt (z.B. im Gedicht „Der Panther“), sondern auch, wie er die Moderne in der Literatur einläutet (etwa in seinem Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“).

RILKE, DER UNSTERBLICHE KÜNSTLERPHILOSOPH UND SEIN WELTINNENRAUM

Auch seine Kunst, sich immer wieder aus dem Alltag zu verabschieden, um sich in andere Sphären zu begeben, fasziniert mich bis heute.

Rilke war, so kann man mit Sicherheit sagen, ein Künstlerphilosoph, dessen Werk die Generationen überdauert hat. Und gewiss wird man ihn auch noch in der Zukunft lesen und seine Kunst zu entschlüsseln versuchen.

Um einen Begriff aus der profanen Welt des Fußballs leicht verändert zu gebrauchen: Rilke war ein Unterschiedskünstler, einer, der die Welt zum Singen brachte und das Dasein mit seinen so verschiedenen Facetten in wenigen poetischen Worten lebendig werden lassen konnte. Ihn immer wieder neu zu entdecken, ist ein besonders lohnendes Unterfangen.

Hölderlin, ebenfalls ein begnadeter Dichter, nannte das Gedicht einmal „das Heilige, das am Herzen mir liegt“. Wer könnte solches im Zeitalter von Social Media, Fake News und Alternativen Fakten noch sagen? Gerade deshalb erscheint mir die Beschäftigung mit Gedichten – und speziell denen des Rainer Maria Rilke – wichtiger denn je, auch wenn dies wie aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Doch welche Welt tut sich dort einem auf!

Lässt man sich darauf ein, entdeckt man etwas, von dem man nicht geglaubt hätte, dass es existiert: der Zugang zum Weltinnenraum.

Im zweiten Teil dieser Betrachtung, der in wenigen Tagen auf PURPOSE erscheint, finden Sie einige Gedichte von Rilke, die mich besonders beeindruckten.

Fotos: Hans Christian Meiser, iStock, Picture Alliance / Sammlung Richter, Unsplash / Getty Images, Wikipedia / Peter Berger, Kecko

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